Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Eintracht-Chef Bruchhagen: "Ich will einen Coach ohne Chichi"

Von

Eintracht-Chef Bruchhagen: Frankfurts bester Manager Fotos
Getty Images

Die Eintracht und das Selbstbild von Frankfurt passen nicht zusammen - das sagt selbst Vorstandschef Bruchhagen. Im Interview spricht er über Traditionen, den neuen Trainer Thomas Schaaf und mögliche Auftaktniederlagen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bruchhagen, auch wenn jetzt der Schweizer Nationalspieler Hafis Seferovic verpflichtet wurde - würden Sie zustimmen, dass Eintracht Frankfurts Top-Transfer bisher Trainer Thomas Schaaf ist?

Bruchhagen: Ja, darauf können wir uns einigen.

SPIEGEL ONLINE: Schaaf war nach seinem Aus in Bremen ein Jahr weg, er war sehr wählerisch in Bezug auf seinen nächsten Verein. Wie haben Sie ihn von Frankfurt überzeugt?

Bruchhagen: Überhaupt nicht. Wir haben im Sommer ein Zeichen von ihm bekommen, dass man sprechen könne, dann haben wir ihn kontaktiert, das war ein Samstag. Am Montag sind wir nach Bremen gefahren und haben den Vertrag gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Was hat denn für Schaaf gesprochen, wenn Sie ihn angeblich schon nicht von den Vorzügen der Eintracht überzeugen mussten?

Bruchhagen: Das, was wir gemeinsam haben: Beide stehen für Kontinuität.

SPIEGEL ONLINE: Schaaf war 14 Jahre Cheftrainer in Bremen…

Bruchhagen: …und in der Bundesliga ist kein Verein so trainerstabil wie Eintracht Frankfurt. Mit riesigem Abstand. Werder Bremen musste Schaaf ja ein Jahr weiterbezahlen, bei uns hat in den vergangenen elf Jahren lediglich Michael Skibbe mal drei Monate weiter Geld bekommen, die anderen Trainer blieben alle bis Vertragsende. Friedhelm Funkel war fünf Jahre bei uns, mit Armin Veh hätten wir den Vertrag auch gern verlängert, aber der hatte andere Pläne. Andere Traditionsvereine mussten in dieser Periode zweistellige Millionensummen für Abfindungen bereitstellen.

SPIEGEL ONLINE: Wir hoffen mal, dass Kontinuität nicht das einzige Argument war.

Bruchhagen: Es ging natürlich auch um Schaafs fachliche Qualitäten und sein unaufgeregtes Arbeiten. Es reicht ja, wenn die Stadt aufgeregt ist, da muss es der Trainer nicht auch noch sein.

SPIEGEL ONLINE: Hat jede Stadt den Verein, den sie verdient? Inwiefern entspricht die Eintracht dem Selbstbild von Frankfurt?

Bruchhagen: Hier sind Erwartungshaltung und Wahrnehmung immer anders als die Realität. Das hängt mit den Bankentürmen zusammen, mit dem Selbstverständnis als Handels- und Finanzstadt. Es ist nicht vermittelbar, dass Eintracht Frankfurt in der 50-jährigen Bundesligageschichte nie Erster und nie Zweiter war. Aber wir haben treue und begeisterte Fans.

SPIEGEL ONLINE: Schaaf hat bei seiner Vorstellung auf die Tradition von Eintracht Frankfurt verwiesen. Tradition ist nur kein Wert an sich.

Bruchhagen: Finden Sie? Ich halte Tradition für sehr wichtig, und ich stehe dazu, dass ich mir so viele Traditionsvereine wie möglich in der Bundesliga wünsche. Ich argumentiere da ganz egoistisch aus Sicht von Eintracht Frankfurt. Wenn ich schon die fünf großen Klubs, die internationale Fernsehgelder generieren, kaum einholen kann und Vereine wie Wolfsburg, Hoffenheim, Leverkusen und dann bald RB Leipzig hinzukommen. Dann ist ja für die zehn großen Traditionsvereine die Tür immer mehr zu. Darüber kann ich mich nun einmal nicht freuen.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte auch sagen, dass man sich Erfolg im Jetzt erarbeiten muss und er einem nicht quasi in Erbpacht zusteht. Zumal es ja mittlerweile auch Traditionsvereine gibt, die investieren, als gäbe es kein Morgen. Hannover 96 zum Beispiel.

Bruchhagen: Das stimmt, Hannover geht jetzt in eine Investitionsphase, in der sie darauf spekulieren, dass sie eventuell Platz sechs erreichen und in der Fernsehtabelle steigen. In vier Jahren schauen wir mal, was daraus geworden ist.

SPIEGEL ONLINE: Auch Eintracht Frankfurt ist in den vergangenen Jahren vor der Saison immer wieder ins Risiko gegangen.

Bruchhagen: Aber niemals mit dem Risiko, Kredite aufnehmen zu müssen, sondern nur mit einem negativen Geschäftsjahr. Wir sind schuldenfrei - das ist ein Unterschied. Ich will Ihnen noch ein anderes Beispiel dafür geben, was wir nicht machen. 2018 läuft der Vertrag mit unserem Vermarkter aus, wenn ich den bis 2028 verlängere, bekäme ich sicher ein Signing fee. Davon könnten wir zwei Spieler besserer Qualität holen, aber die würden dann das Gehaltsniveau der anderen hochziehen. Und plötzlich könnten wir das laufende Geschäft nicht mehr bedienen.

SPIEGEL ONLINE: Der Fehler von Borussia Dortmund in den Neunzigern…

Bruchhagen: ...und vom HSV. Auch das Eigenkapital von Werder Bremen ist mittlerweile geschmolzen. Köln hat diese Phase hinter sich, man hat sie mit Fan-Anleihen aufgefangen. Aber der Klub muss laufend Fan-Anleihen verlängern, weil er die alten nicht bedienen kann. Aber eigentlich will diesen Vortrag doch keiner hören.

SPIEGEL ONLINE: Wer?

Bruchhagen: Niemand. Kein Journalist, kein Fan. Alle wählen das Wort von mutigen Investitionen, gemeint ist jedoch, den Verein mit Krediten zu belasten.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht? Es stimmt doch.

Bruchhagen: Weil man auch zum Fußball geht, um nicht mit der Realität konfrontiert zu werden. Man hat schon die Realität am Arbeitsplatz, in der Familie, in den Finanzen, samstags um 15.30 Uhr möchte man auch mal auf etwas Unrealistisches hoffen können. Das wollen die meisten Fußballfans hören und das mit gutem Recht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind eigentlich ein Verkäufer von Illusionen.

Bruchhagen: Ein wenig, ja. Zumindest muss man als Verantwortlicher eines Fußball-Bundesligisten eine Balance finden. Ich werde ja schon zum Außenseiter, wenn ich nur andeute, dass es Probleme geben könnte.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben es angesprochen: Eintracht Frankfurt steht für Kontinuität auf dem Trainerposten, aber auch für Trainer älteren Semesters. Eigentlich fällt mir nur Michael Skibbe ein, der der Rente noch nicht nah war. Können Sie nicht mit jungen?

Bruchhagen: Skibbe hatte diesen Nimbus des Jugendlich-Avantgardistischen, aber am Ende machte es keinen Unterschied - der Erfolg blieb aus. Und ich habe in meiner Bundesligakarriere nunmal lieber Trainer wie Gerland, Möhlmann, Ristic, Reimann, Funkel oder Veh geholt, Trainer, die für Trainingsanzug und Stollenschuhe stehen und nicht für Marketing und Chichi.

SPIEGEL ONLINE: Es soll junge Trainer da draußen geben, die nicht für Marketing und Chichi stehen, aber für langfristige, konzeptionelle Arbeit und Erfolg.

Bruchhagen: Natürlich haben wir den Gedanken auch angestellt. Aber wir werden in dieser Saison bestimmt vier- oder fünfmal in Folge verlieren und uns zwischendurch möglicherweise auch einmal im unteren Drittel der Tabelle bewegen. Wir haben zwei Heimspiele in Folge gegen Borussia Dortmund und Bayern München, dazu drei Auswärtsspiele rund um die beiden Top-Spiele, wenn wir Pech haben, verlieren wir vier von fünf Spielen. Da brauche ich jemanden, der Anerkennung und Erfahrung hat. Einen jungen Trainer, der noch nichts vorzuweisen hat, in der Krise zu stärken, ist viel schwieriger als jemanden, der die Krise schon oft erlebt hat.

SPIEGEL ONLINE: Geht es also wieder gegen den Abstieg?

Bruchhagen: Ich kann nicht hellsehen. Aber Sie kennen meine Rechnung? Normalerweise ergeben der Lizenzspieleretat der vergangenen fünf Jahre addiert und durch fünf geteilt und das tabellarische Ranking addiert und durch fünf eine fast hundertprozentige Kongruenz. Und weil wir mit einem Etat von 35 Millionen ins Rennen gehe, können Sie sich ausrechnen, wo wir landen werden: um Platz elf herum. Wir können aber auch mal Sechster werden wie vor einem Jahr. Aber das wird die Ausnahme bleiben. Das Mittelfeld der Bundesliga ist realistisch. Dafür müssen alle Eintrachtler hochkonzentriert arbeiten.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ich mag ihn...
eltviller 18.08.2014
...keine Phrasengedresche, kein übliches Fußballergeschwätz a la Bobic, Zorc, Sammer usw. Einfach nur authentisch und hart arbeitend...! Frankfurt ist allerdings damit fußballerisch da, wo Bochum in den 80igern war, die graue Maus des Mittelfeldes. Was nicht unbedingt schlecht ist, auch dieses Image kann man mit dem richtigen Augenmaß vermarkten.
2. Albern
platon972 18.08.2014
es nervt einfach...das selbst ein gestandener Experte wie Herr Bruchhagen es schafft Bayer 04 Leverkusen in einen Topf mit dem der TSG und RB zu werfen. Bayer gibt es seit 1904 und ist seit 35 Jahren erstklassig. Sicher ist der Eigentümer die Bayer AG - allerdings gehört auch diese Firma zu der Stadt wie der Verein und das seit ewig. Das Engagement der Bayer AG beträgt 25 Mio Euro in die Fußballsparte! Wie hoch ist das Engagement allein von Gazprom, Audi oder der DTAG? Retortenvereine wie RB, TSG, PSG; AS Monaco usw. die treiben Gehälter / Ablösesummen etc. sinnlos in die Höhe. Aber einen Verein der nun mal aufgrund der Nähe zum Bayer Werk und dessen Historie immer wieder in den selben Topf zu hauen ist einfach nur daneben. Im Breitensport wird doch die Unterstützung von Bayer auch gern genommen und anders als in Wolfsburg macht der Konzern nicht immer den Geldbeutel auf um Spieler zu holen oder zu halten. Auch spielen in Leverkusen Spieler die schon lange mehr verdienen könnten ( Kießling, Castro usw.).
3. Top-Mann
kein_gut_mensch 18.08.2014
Zitat von sysopGetty ImagesDie Eintracht und das Selbstbild von Frankfurt passen nicht zusammen - das gibt Vorstandschef Bruchhagen offen zu. Im Interview spricht er über Traditionen, den neuen Trainer Thomas Schaaf und kündigt an: "Wir verlieren bestimmt vier- oder fünfmal in Folge." http://www.spiegel.de/sport/fussball/bundesliga-interview-mit-heribert-bruchhagen-von-eintracht-frankfurt-a-985047.html
Also ich find ihn klasse. Authentisch, seriös und sachlich. Der beste Mann den die Eintracht hat. Machen sie weiter so Herr Bruchhagen und mit ihrer Meinung zu Traditionen treten sie bei mir offene Türen ein. Einen schönen Gruß aus Dortmund.
4. kann dem nur zustimmen
TheoCat 18.08.2014
Ich sehe das so wie mein Kommentator vor mir. Bruchhagen hat iin Frankfurt viel Ruhe rein gebracht. Selbst nach den Abstiegen in die 2. Liga ist es u.a. sein Verdienst, dass die Eintracht wieder erstklassig spielt. Als SGE-Fan wünschte ich mir ja auch eine bessere Platzierung aber gerade, das was er mit Erwartungshaltung, Wahrnehmung und mittelklassiger Realität anspricht ist das, was mich als Fan so reizt. Wenn dann mal ein Spiel unerwartet gewonnen wird, ist die Freude viel größer, das mitfiebern aufregender als wenn man die drei erwarteten Punkte nur so abhaken kann. Fußball lebt unter anderem von der Spannung und Mannschaften wie Eintracht Frankfurt tragen noch zu Spannung bei.
5.
stefan kaitschick 18.08.2014
Etat-Ranking ~ Liga-Ranking. Nun gut, Geld schiesst also doch Tore. Allerdings kann die Kausalität auch in die umgekehrte Richtung laufen. Tore erzeugen Geld, das ausgegeben werden muss. Ich kann zwar verstehen, dass Herrn Bruchhagen die Bundesliga-übliche Heissluft auf den Keks geht. Aber Abo-Ansprüche auf Platz 11 und progostizierte Niederlagen-Serien im voraus können auch nicht die Lösung sein.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Millionen für Spieler: Die teuersten Bundesliga-Transfers

Themenseiten Fußball
Tabellen

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: