"Team Marktwert" in der Bundesliga Großer Name, kleine Leistung

Sechs Großstadtklubs wollen die TV-Einnahmen der Bundesliga anders verteilen: Tradition soll wieder zählen. Das ist unfair gegenüber den kleinen Vereinen, die bessere Arbeit leisten.

VfB Stuttgart - Werder Bremen
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Was haben Köln, Stuttgart, Bremen, Frankfurt, Hamburg und Berlin gemeinsam? Die sechs Städte sind wichtige Zentren der Republik, im Fußball stehen sie allerdings trotz großer Tradition seit Jahren nur für Mittelklasse. Das soll sich nun ändern, deshalb haben die sechs das "Team Marktwert" gegründet.

Diese Allianz strebt eine Umverteilung der TV-Gelder im deutschen Fußball an. Neben dem sportlichen Erfolg sollen ab der Saison 2017/2018 auch beispielsweise Mitglieder- und Zuschauerzahlen zählen. "Die Bedeutung jedes Klubs für die Liga sollte ebenfalls ein Gewicht haben", sagt Kölns Geschäftsführer Alexander Wehrle.

Bei der Konkurrenz kommt die Idee nicht so gut an. "Mit einem solchen Modell verhindert man, dass ein typischer Zweitligist ein etablierter Bundesligist werden kann", sagte Christian Heidel, Manager von Mainz 05, SPIEGEL ONLINE.

Für Traditionalisten wirkt die Idee zunächst vielversprechend. Jemand, der Vereine mit großer Historie und Fankultur gegenüber Klubs wie Wolfsburg oder Hoffenheim bevorzugt, würde wohl auch das "Team Marktwert" unterstützen. Dabei ist der Traditionsgedanke wohl eher vorgeschoben und bildet nicht zwingend die Grundlage für den neuen Vorschlag. Letztendlich geht es vor allem um Geld. Und das brauchen die sechs Vereine, weil sie zu viele Fehler gemacht haben.

Erfolgreiche Traditionsklubs brauchen keine Umstellung

Gerade Stuttgart, Hamburg und Bremen, einst Dauergäste im Europapokal, haben seit Jahren große Probleme: Sie wechseln ständig ihre Trainer, haben ein chaotisches Management und eine verfehlte Einkaufspolitik. Deshalb kämpfen sie gegen den Abstieg. Ohne diese hausgemachten Fehler hätten auch diese Klubs die Chance, um Spitzenplätze mitzuspielen. Und dann bräuchten sie auch das "Team Marktwert" nicht so dringend, weil sie bereits deutlich höhere TV-Gelder kassieren würden.

Deshalb benötigen langfristig erfolgreiche Traditionsvereine auch kein neues Modell. Ein Verein wie Borussia Mönchengladbach, der am Sonntag (15.30 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) im Duell um die Champions-League-Plätze auf Hertha trifft, dürfte aktuell kein Interesse daran haben, Vereine wie Berlin oder Köln zu stärken. 65 Prozent der Fernseheinnahmen gehen gleichmäßig an alle Bundesligisten, 35 Prozent werden gemessen am Tabellenplatz verteilt. In einer Fünfjahreswertung zählt das vergangene Jahr fünffach und die Spielzeiten zuvor mit den Faktoren vier, drei, zwei und eins.

Davon profitiert also ein Klub wie Gladbach, der schon über mehrere Jahre um die internationalen Plätze spielt, deutlich stärker als zum Beispiel die Hertha. Die Berliner und mit Abstrichen auch der FC spielen aktuell eine solide Saison. Jedoch konnte sich weder der Hauptstadtklub noch Köln oder Frankfurt, aktuell wieder im Abstiegskampf, über einen längeren Zeitraum im oberen Drittel festsetzen. Das macht sich in der Fünfjahreswertung bemerkbar. Dass diese Vereine Teil des "Team Marktwert" sind, zeigt auch einen mangelnden Glauben an die eigenen Fähigkeiten: Die Überzeugung, in den kommenden Jahren erfolgreich sein zu können, scheint nicht so ausgeprägt zu sein wie beispielsweise in Gladbach.

"Bestrafung für Klubs mit gleichen oder besseren Leistungen "

Gleichzeitig beweist der FSV Mainz, was mit geringeren Mitteln erreicht werden kann. Seit der Saison 2009/2010 ist der Klub wieder in der ersten Liga, seit Jahren leistet er mit Ruhe und Konstanz gute Arbeit. Durch wiederholt clevere Entscheidungen auf der Trainerposition (der einzige Fehlgriff Kasper Hjulmand wurde schnell korrigiert) und eine geschickte Transferpolitik hat sich der Klub in der Bundesliga etabliert. Aus Sicht von Manager Heidel, der im Sommer zum FC Schalke wechselt, käme die Umsetzung der Idee einer Bestrafung von Mannschaften wie "Freiburg, Augsburg oder Mainz" gleich. Und zwar dafür, "dass sie trotz dieser fehlenden Bundesligatradition und ohne externe Finanzierungsquellen gleiche oder sogar bessere Leistungen bringen".

Dass gute Arbeit deutlich stärker wiegt als hohe Einnahmen aus TV-Geldern, zeigt außerdem Hannover. Zu Beginn der laufenden Saison hatte 96 zusammen mit Augsburg von allen Bundesligisten am siebtmeisten Geld aus dem Verkauf der Fernsehrechte kassiert (etwa eineinhalb Millionen Euro mehr als Mainz). Jetzt steht der Klub auf dem letzten Tabellenplatz. Der Abstieg ist kaum noch zu verhindern.

"Team Marktwert" allein reicht also nicht: Um aus der Mittelklasse aufzusteigen und sich wieder auf den oberen Tabellenplätzen festzusetzen, brauchen auch Traditionsvereine mehr als nur höhere Einnahmen. Die Klubs brauchen gute Arbeit, bessere Entscheidungen und vor allem Konstanz.



insgesamt 138 Beiträge
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Seite 1
dsch64 31.03.2016
1. Vielleicht ist das vordringliche Ziel
Vereine mit sehr guter Arbeit nachhaltig zu schwächen, denn dann können die Versager weitermachen und haben trotzdem die Hoffnung auf bessere Platzierungen.
power.piefke 31.03.2016
2. logisch
die Retortenklubs profitieren maßgeblich von den tradionsvereinen und nicht anders herum. entsprechend ist eine andere Verteilung durchaus fair. man schau sich nur mal die Gästeblocks von hoffenheim, Wolfsburg.... an. Anhängerschaft, Fehlanzeige!
petruz 31.03.2016
3. aha
der Autor schwingt mal wieder die selbst-schuld-keule. Das darf man nicht unterschreiben. Selbst wenn in Bremen oder Stuttgart keine Fehler gemacht worden wären, die Klubs von VW und Bayer würden trotzdem vor Ihnen stehen. Das sind nicht nur Fehler, Traditionsvereine werden durch Konzerne oder Mäzene automatisch runtergedrückt.
Draco Silvano 31.03.2016
4.
Endlich mal ein sehr schöner Artikel zu diesem Thema. Die Forderung mit der Verteilung nach Marktwert ist für diese Vereine viel zu kurz gedacht. Klar, man sich jede Verteilung so zurechtbasteln, sodass man selbst am meisten davon profitiert. Aber macht es das fairer? Das fairste ansich ist eine 100% gleichmäßige Verteilung auf alle Teams. Hierbei gibt es dann aber keinerlei Bonus für ein sportliches Abschneiden innerhalb der Tabelle. Und der sportliche Wettkampf sollte meiner Meinung nach schon wenigstens ein bischen gewürdigt werden. Halt genau so wie jetzt mit 2/3 gleichmäßig und 1/3 nach Leistung. Klar könnte man es auch umdrehen und sagen, der letzte in der Tabelle bekommt am meisten und der 1. am wenigsten. Quasi als Ausgleich zu den Mehreinnahmen, den die oberen der Tabelle international erwirtschaften. Das wäre so das "Robin Hood Prinzip". Nehm es den reichen und gebe es den armen. Ist nur die Frage wie lange sich das die Top-Teams der Liga bieten lassen. Denn eigentlich erwirtschaften eine Handvoll Teams die ganzen Fernsehgelder, die dann an alle ausgeschüttet werden.
martin.feiss 31.03.2016
5. Das heißt also nichts anderes,
als dass große Vereine trotz Misswirtschaft finanziell besser dastehen möchten als intelligent geführte, schlanke, aufstrebende Vereine, welche beispielsweise mit einen Brause-Sponsor in die erste Liga aufsteigen. Sie stellen das so hin und jammern gegen Hoffenheim, RB Leipzig etc. Allerdings zeigt gerade Hoffenheim, dass solche Durchstarts Strohfeuer sin, die schnell zu verpuffen drohen, falls nicht immer wieder rechtzeitig nachgelegt wird. Meine Logik wäre eher die: Sollen sie sich verschlanken, effektiv werden, dann haben sie auch Chancen. Sicher nicht mehr auf Red Bull, der Zug ist abgefahren, aber es gibt noch mehr Firmen.
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