Bundesliga-Kommentar Die Ehre, das Feindbild der Liga zu sein

Aufsteiger Hoffenheim führt die Bundesliga an - und zieht den Neid der Fußball-Republik auf sich. Erst wenn der Club, der wie kein anderer vom ständigen Erfolg lebt, ein paar Spiele verliert, wird die Abneigung der Liga wieder einem anderen gelten: dem überraschend schwächelnden FC Bayern.

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Was noch über Hoffenheim schreiben, was noch nicht geschrieben wurde? In den vergangenen Monaten sind grob geschätzt mindestens 3264 Journalisten in der Region eingefallen, haben ihr Navigationsgerät auf den Kraichgau eingestellt und der Öffentlichkeit ungefähr jeden einzelnen der 3263 Einwohner von Sinsheim-Hoffenheim einzeln vorgestellt. Mittlerweile sind der Gemeindepfarrer Werner Bär, der Metzgermeister Erwin Hess und der Ortsvorsteher Karl-Heinz Hess deutschlandweit bestens bekannt, fast so wie der "Torro" gerufene und in jedem Hoffenheim-Text unverzichtbare Hardcore-Fan Torsten Hartl mit seiner Fangruppe, dem "Zwingerclub".

Man weiß über die Verwandtschaftsverhältnisse von Hoffenheims Geschäftsführer Jochen A. Rotthaus und Torwart Jens Lehmann Bescheid (Cousins), über das Technikmuseum Sinsheim (hat Flugzeuge auf dem Dach) und darüber, dass Hoffenheim selbstverständlich und ohne Zweifel das derzeitig spannendste Projekt im deutschen Fußball ist. Das schreibt mithin sowieso jeder. Wobei man eventuell müde einwenden könnte, dass es doch noch weitaus spannender wäre, ohne das Geld eines millionenschweren Sponsors das Abenteuer Bundesliga einzugehen als mit dem Geld von Mäzen Dietmar Hopp.

Es ist so ungeheuer leicht, Hoffenheim zu hassen, dass es schon keinen Spaß mehr macht. Ungefähr so einfach, wie über einen George-W.-Bush-Witz zu lachen oder Bahnchef Mehdorn nicht zu mögen. Hoffenheim – ein Verein ohne Wurzeln im deutschen Fußball. Mäzen Hopp - ein Duz- und Golfkumpel von Kaiser Franz. Trikotsponsor - der Axel-Springer-Konzern. Der Trainer - Ralf Rangnick, ein Coach, der sich den richtigen Club ausgesucht hat, um ganz sicherzustellen, dass er sein Image als verkniffener Ehrgeizling auf jeden Fall behalten darf. Und dann spielen sie ihre Hinrunden-Heimspiele auch noch im Stadion von Waldhof Mannheim, dem Oberlippenbart unter den Fußballvereinen, dem man auch knapp 18 Jahre nach dem Erstligaabstieg die Schlappners, Dickgießers und Schlindweins dieser Welt noch nicht verziehen hat.

Dagegen die Fakten. Hoffenheim ist das einzige Team der Liga, das nach zwei Spieltagen noch ohne Verlustpunkt und Gegentor dasteht – bei einem allerdings mit Cottbus und Gladbach auch denkbar dankbaren Anfangsprogramm. Keine alternden Stars, sondern junge interessante Gesichter auf dem Platz, die in der Bundesliga gutteils bislang unbekannt waren. Dazu Klinsmanns Hockeytrainer (Bernhard Peters), Klinsmanns Psychologe (Hans-Dieter Hermann), Klinsmanns Dialekt (Ralf Rangnick) – da ist schon eine Menge Sommermärchen versammelt. Am folgerichtigsten wäre es denn wohl auch, wenn Klinsmann gleich in Hoffenheim das Kommando übernehmen würde. Dann wüchse wohl zusammen, was zusammengehört.

Mehr jedenfalls als bisher bei Klinsmanns gegenwärtigem Projekt. Sechs Punkte zum Saisonstart – davon kann der Trainer von Bayern München derzeit nur träumen. Zwei Pünktchen stehen auf dem Konto, und spielerisch gab es noch gar nichts zum Staunen – die Klinsi-Euphorie scheint in München schon verflogen, bevor die Saison so richtig Fahrt aufgenommen hat.

Während beim Bayern-Gegner aus Dortmund Jürgen Klopp nach wie vor Heilsbringer-Atmospäre verbreitet, quasi ein Obama des Ruhrgebiets, sind in München die Skeptiker schon mal in Lauerposition gegangen. Klinsmann bittet um Geduld, und das kann er auch mit Fug und Recht, solange die Spielzeit noch so jung ist, ihm vor allem der schmerzlichst vermisste Mittelfeld-Rastelli Franck Ribery noch nicht beispringen kann und er noch mit Durchschnittspersonal á la Christian Lell und Andreas Ottl in der Startformation aufwarten muss. Noch hat Klinsmann Zeit. Aber es dürfte viel weniger sein, als er selber glaubt. Letztlich hat der FC Bayern mit seinem einzigartigen Binnenmilieu noch jeden Trainer klein bekommen.

Es ist erst der zweite Spieltag – von daher sind Nachrufe auf Klinsmann oder Hymnen auf Hoffenheim zumindest mit einem gehörigen Restrisiko behaftet. Wenn die trüben Wintertage kommen und zwangsläufig mit ihnen die ersten heftigen Auswärtsklatschen, dürfte es mit der Anfangseuphorie des Aufsteigers Hoffenheim auch nicht mehr besonders weit her sein. Insofern muss man bei allem Hochjazzen des Projekts Hoffenheim die Kirche im 3263-Seelen-Dorf lassen. Andere Aufsteiger sind auch schon mit großem Hurra als Tiger in die 1. Liga gestartet und als Bettvorleger wieder in der 2. Liga gelandet.

Schließlich hat das Projekt TSG 1899 einen signifikant großen Nachteil gegenüber allen über Jahrzehnte gewachsenen Vereinen: Es muss bei ihm immer weiter aufwärts gehen, um auf Dauer zu funktionieren. Noch lebt es davon, dass die Fachwelt staunend den Atem anhält und sich die Fangruppen der anderen Clubs an ihm abarbeiten. Aber nur ein Abstieg aus der 1. Liga – und die gesamte Faszination des Hopp'schen Werkes wäre dahin. Dann wäre Hoffenheim nur wieder ein ordinärer Zweitligist ohne Geschichte, ohne Tradition – die besten Spieler würden den Verein verlassen. Und die Fangruppen der anderen Clubs würden ihre verdiente Haupt-Abneigung wieder dem FC Bayern zuwenden.



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