Bundesliga-Kommentar Eintracht Frankfurt - der Graubereich der Liga

Halbfinale im DFB-Pokal, Abstiegsangst in der Liga: Trotz des Sieges in Bielefeld ist diese Saison für Eintracht Frankfurt eine zum Vergessen. Heckenschützen beschießen den Trainer, den Erwartungen hinken die Hessen ebenso hinterher wie den Clubs, mit denen sich die Eintracht vergleichen lassen muss.

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Diese Spielzeit macht mir keinen Spaß mehr. Das liegt noch nicht einmal zuvörderst daran, dass eine Liga mit einem Absteiger Mönchengladbach für mich den emotionalen Sinngehalt eingebüßt hat. Oder dass ich nur noch von der Angst beherrscht wäre, dass Kai Pflaume nach dem Europacup künftig auch noch die Bundesliga moderiert, um fachfremden Kleiderständern wie Steven Gätjen bei dem beizuspringen, was sie Arbeit nennen. Der Hauptgrund ist die schwer zu ertragende Faselei allerorten von der spannendsten Saison aller Zeiten. Fakt ist: Fünf Spieltage vor Schluss ist doch alles schon entschieden.

Frankfurter Vasoski (r.), Russ (l.): Kein Zentimeter nach vorn gekommen
AP

Frankfurter Vasoski (r.), Russ (l.): Kein Zentimeter nach vorn gekommen

Spätestens seit dem Samstagskick ist schließlich klar: Schalke wird Meister. Nürnberg sichert sich den Uefa-Cup-Rang, und Bielefeld, Mainz und Gladbach steigen ab. Davor rangeln sich zehn Vereine darum, wer 15. wird. Aber wen nimmt das schon mit?

Cottbus gerettet, Hertha gerettet, HSV so gut wie gerettet, und auch die Frankfurter Eintracht darf sich nach dem 4:2-Auswärtssieg in Bielefeld nun zu den Vereinen zählen, für die es nur noch darum gehen dürfte, die jetzt erreichte Position (Platz 12) zu verwalten. Damit schwingt eine Bundesliga-Saison langsam aus, die die Hessen keinen Zentimeter weiter nach vorn gebracht hat. In Frankfurt ist es ähnlich wie in Berlin. Von einem Fußballverein in dieser Stadt wird einfach Höheres erwartet. Im Gegensatz zur Hauptstadt ist das Finanzzentrum Frankfurt auch noch mit einem entsprechenden geldlichen Hintergrund gesegnet. Da muss an sich mehr kommen – so heißt es Jahr für Jahr. Am Ende ist der Klassenerhalt das Größte der Gefühle.

Vor Jahresfrist sah das sogar noch ganz viel versprechend aus. Amanatidis im Sturm, Alex Meier und Albert Streit dahinter, eine solide Innenverteidigung, mit Markus Pröll ein überdurchschnittlicher Torwart, ein Team, das zudem immerhin das Pokalendspiel erreicht hat. Und das mit Friedhelm Funkel über einen Trainer verfügt, dem zwar sämtliche Strahlkraft abgeht, der aber Erfahrung und solide Arbeit in die Wagschale werfen kann. Dazu kam anschließend zu Saisonbeginn mit Takahara noch ein Angreifer, der alle Erwartungen übertroffen hat. Und trotzdem tritt die Eintracht im April 2007 auf der Stelle. Es wird wie im Vorjahr wohl ein Platz 13 oder 14 werden. Der Abstand zur Bundesliga-Elite ist in diesem Jahr eher noch gewachsen.

Für Funkel macht das die Arbeit in der kommenden Saison nicht einfacher. Seine dröge Art ist vielen ein Dorn im Auge. Als die Eintracht Ende Februar mal kurzzeitig auf einem Abstiegsrang pausierte, meldeten sich postwendend all die Heckenschützen zu Wort, die in Frankfurt traditionell Einfluss und Wort führen. Funkel war bei all den Vereinen, die er in den vergangenen Jahren betreut hat, kein Jung-Siegfried, ob das Rostock, Köln, Duisburg oder Frankfurt war. Dazu strahlt er zu sehr das Odium schlechter Laune aus. Keiner, der dem Privatfernsehen oder der Boulevardpresse gefallen kann. Einer, der das Trainieren einer Fußballmannschaft ausschließlich als seriöse Arbeit versteht – so einer kommt in der Öffentlichkeit zunehmend als dünnhäutig bis beleidigt herüber, weil er den ganzen Zirkus um ihn herum nicht mitmacht. So einer kann nur im Erfolg bestehen. Eine Misserfolgs-Serie über viele Wochen, wie sie Thomas Doll in der Hinrunde beim HSV hingelegt hat oder wie sie Volkstribun Jürgen Klopp vom anderen Main-Ufer nun schon zum zweiten Mal in dieser Saison erleidet, hätte Funkel bereits frühzeitig den Job gekostet. Ohne dass Medien und Öffentlichkeit ihm groß eine Träne nachgeweint hätten.

Eintracht Frankfurt ist der Graubereich der Liga. Deshalb muss es einen auch schütteln, wenn immer und immer wieder das dämliche Klischee von der "launischen Diva" aus der Kiste geholt wird. Eintracht ist beileibe keine Diva, sondern eine mittelprächtig begabte Nebendarstellerin am Landestheater Detmold.

Dazu trägt auch Funkel mit seinem Arbeitsstil bei. Er hält die Eintracht damit in der Liga, aber Begeisterung zu schüren, Entertainment zu produzieren, das wird ihm niemals gelingen. Ein Gutteil der heutigen Spielergeneration mit ihren lächerlichen Haarfrisuren und peinlichen Popstar-Attitüden muss ihm im Grunde zuwider sein – einige davon wie Streit oder Amanatidis hat Funkel selbst im Kader – und mit ihnen legt er sich auch am liebsten an.

Eintracht steckt im Mittelmaß fest, und selbst wenn der erneute Halbfinalist Frankfurt in diesem Jahr den deutschen Pokal holte, würde das daran wenig ändern. Der Pokal wird wahrscheinlich ohnehin zu einem anderen süddeutschen Club wandern. Nach Nürnberg oder nach Stuttgart – zwei Vereine, mit denen sich die Eintracht durchaus vergleichen lassen muss. Die einen haben den vielleicht besten Trainer der Liga, die anderen das mutigste Konzept – an beiden fehlt es in Frankfurt. Und so wird es auch in der kommenden Saison heißen: Eintracht Frankfurt - nichts als Durchschnitt.

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