Bundesliga-Kommentar Es läuft und läuft und läuft für Wolfsburg

Hinten spielt die Mannschaft solide, vorne oft spektakulär: Die Wolfsburger sind das beste Rückrunden-Team und liegen nur noch einen Punkt hinter dem Spitzenreiter. Der VfL kann nicht länger verbergen, dass er um die Meisterschaft spielt.

Von Peter Unfried


Wer das Vergnügen hat, der charmanten Clubhymne des VfL Wolfsburg ("Immer nur du") lauschen zu dürfen, dem wird mitgeteilt, dass es am Standort des Automobilunternehmens VW "Freudentränen im Akkord" gebe. Seit Clubgründung waren die Tränen in den Augen aber meist dem Wind im Stadion geschuldet - oder Ausdruck des Leidens an Augenthaler-Fußball. Seit diesem Samstag, 17.15 Uhr, aber rücken Freudentränen in den Bereich des Möglichen.

Jürgen Klopp wird das nicht gern hören, der unlängst in einem Populismus-Anfall einen Zusammenhang herstellte zwischen "Arbeitern in Kurzarbeit" und den Investitionen von VW in die Unternehmenstochter VfL Fußball GmbH. Aber: Es läuft und läuft und läuft beim VfL. Das souveräne 3:0 bei Arminia Bielefeld war der siebte Sieg in Folge und schraubte die Rückrundenbilanz auf bemerkenswerte 22 Punkte aus acht Spielen. Und Stoßstürmer Grafite hat mit seinem 18. Saisontor mit dem verletzten Hoffenheimer Vedad Ibisevic gleichgezogen und liegt an der Spitze der Torschützenliste.

Nach Herthas 0:2 in Stuttgart und dem mühsamen 1:0 der Bayern gegen den KSC liegen München und Wolfsburg punkt- und torgleich ein Pünktchen hinter Berlin. Und nun kommt es auch noch am nächsten Spieltag zum Duell der, ähem, Giganten: Die Wölfe empfangen die Bayern.

Trainer und Manager Felix Magath war lange in der komfortablen Situation, sein Team relativ unbeachtet entwickeln zu können. Zunächst lag der Fokus auf Herbstmeister Hoffenheim, im neuen Jahr liegt er auf Hertha BSC und der dortigen Arbeit des Schweizer Trainers Lucien Favre, der jenen Hochgeschwindigkeitsfußball spielt, von dem Jürgen Klinsmann immer redet. Nun aber muss Hertha einen doppelten Riss verkraften: Erstens die Suspendierung von Patrick Ebert wegen Nachtaktivitäten, zweitens die "verschenkten Punkte" (Pal Dardai) in Stuttgart, wo die Hertha-Maschine nicht in ihren Rhythmus kam. Er habe immer gesagt, dass "wir kein Spitzenteam sind", sagte Favre. Nur Tabellenführer.

Was ist denn nun? Grade hatten sich Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge aufgerafft, nach - vorläufiger - Erledigung des Falles Hoffenheim, der Hertha den Psychokrieg zu erklären. Das ist das übliche Zeichen, dass die Bayern sich in einem Zweikampf wähnen. Doch dies ist mindestens ein Dreikampf: Wohin also soll man denn nun die Zischel- und Giftel-Kanonen richten?

Naja, wer die verbale Substanz der Bayern kennt, kann getrost davon ausgehen, dass sie nach der Länderspielpause auch für ihren Ex-Kumpel und doppelten Double-Gewinner Felix Magath noch die eine oder andere Psychoschlinge übrig haben.

Magath, 55, ist jetzt seit 21 Monaten in Wolfsburg. Die Gerüchte um einen Wechsel zu Schalke 04 haben in dieser Woche erstmals etwas Unruhe gebracht. Es wäre erstaunlich, wenn Magath gerade jetzt seine ihm direkt von VW-Chef Martin Winterkorn verliehene Gestaltungsfreiheit und Omnipotenz in Wolfsburg gegen den Fußballirrsinn von Gelsenkirchen eintauschen würde.

Er hat mit dem Geld von VW aus fertigen Qualitätsspielern und deutschen Talenten (Schäfer, Gentner) ein Team mit Perspektive entwickelt und lässt es einen physischen, laufintensiven Teamfußball spielen, hinten stabil, vorn teilweise spektakulär.

Immer öfter auch effizient, zuletzt gegen Hertha und den KSC, nun in Bielefeld. Der VfL habe "aus vier Chancen drei Tore" gemacht, stöhnte der Bielefelder Trainer Michael Frontzeck. "Etwas unruhig" habe man agiert, fand Magath. Im übrigen müsse man sich bei dem "überragenden" Diego Benaglio bedanken. Der Schweizer Nationaltorhüter verbuchte einige bemerkenswerte Paraden und sein zweites "Clean Sheet" (Spiel ohne Gegentor) in kurzer Zeit, was bedeuten könnte, dass er seine kleine Wackelphase überwunden hat.

Die Qualität in der Offensive noch erhöht

Auch der wegen Krankheit zurückgeworfene Ashkan Dejagah meldete sich mit einem Treffer zurück, was die Qualität der Offensive noch erhöht, die ja mit Spielgestalter Zvjezdan Misimovic (14. Vorlage in Bielefeld) und den beiden Torjägern Edin Dzeko (13 Tore) und Grafite (18 Tore) bereits Bundesliga-Topniveau darstellt. Magath neigt ja nicht zu den großen Spielanalysen und mag sich auch nicht in bestimmte Schubladen stecken lassen. Wenn man ihn fragt, ob er sich als "Modernisierer" wie Klinsmann sehe oder eher als "Traditionalist", antwortet er: "Was soll ich Ihnen da sagen? Es stimmt alles und nichts."

Titel sind in Wolfsburg in diesem Jahr noch nicht vorgesehen. Aber das Erreichen des Uefa-Cups war im Vorjahr auch noch nicht vorgesehen. Seit die Tabelle die Frage ermöglicht, antwortet Magath geduldig: "Es ist nicht unser Ziel, Meister zu werden." Als Belege seiner These oder Medienstrategie, nach der man "noch nicht so weit" sei, nutzte er zuletzt auch das Aus in DFB-Pokal und Uefa-Cup. Man könne nochmal über "Anderes" sprechen, sagte er in Bielefeld, wenn man am Ende der Saison immer noch das beste Rückrunden-Team sei.

Aber man sollte nicht vergessen, dass es im Fußball des 21. Jahrhunderts nicht nur um Titel geht, sondern vor allem auch um das Erreichen der Champions League - was gleichzeitig die Ökonomie, die Ökonomie der Aufmerksamkeit und die Reputation bedient. Hoffenheim ist jetzt vier Punkte zurück, Leverkusen zehn - und Werder Bremen liegt 16 Zähler hinter den Wölfen. Jahrelang hat sich Fußball-Deutschland totgelacht, weil ein VW-Manager Anfang des Jahrtausends sagte, man wolle 2007 in der Champions League landen. Nun könnte manchem das Lachen im Hals stecken bleiben. Achten Sie am Samstag in zwei Wochen auf Uli Hoeneß' Gesichtsfarbe.

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