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Bundesliga-Kommentar: Gewaltiger Wille schlägt traditionellen Irrsinn

Von Peter Unfried

Die Absteiger heißen Hansa Rostock und MSV Duisburg? Bayern ist Meister? Ja, aber die wahren Gewinner und Verlierer dieser Bundesligasaison sind Vereine wie Energie Cottbus oder der 1. FC Nürnberg.

Selbstverständlich sind Hansa Rostock und der MSV Duisburg als Absteiger auch Verlierer der am nächsten Samstag zu Ende gehenden Bundesligasaison. Allerdings war Hansa vom 1. Spieltag an ein sogenannter sicherer Abstiegstipp und hat für seine Möglichkeiten eine respektable Saison gespielt. Und der MSV hat seine Möglichkeiten nicht gerade deutlich unterschritten. Im Wesentlichen entspricht die Bundesligatabelle auch in diesem Jahr der Etat-Tabelle. Wie üblich gibt es auch in dieser den einen Ausreißer nach unten.

So ein Ausreißer ist in der Regel rational schwer nachzuvollziehen, aber da beim 1. FC Nürnberg bekanntlich spätestens seit 1969 viel über dysfunktionale Emotionen läuft, basst das scho. Irchendwie. Die vergangene Saison mit Pokalsieg, Uefa-Cup und Platz sechs war einfach zuviel Glück, als dass es auszuhalten gewesen wäre. So dass Nürnberg (minus neun oder zehn Plätze) so oder so der Absteiger der Saison ist - aber sehr wahrscheinlich erst mit dem maximalen Elend seine wahre Identität ("Der Club ist ein Depp") wiederfindet.

Aufsteiger der Saison
1. TSG Hoffenheim
2. VfL Wolfsburg
3. FC Bayern München
4. Energie Cottbus
Wenden wir uns der wahren Liste der Auf- und Absteiger 07/08 zu, deren Grundlage die inoffizielle Liga der 25 Top-Clubs in Deutschland ist, also die aktuelle Bundesliga plus Mönchengladbach, 1. FC Köln, Mainz 05, SC Freiburg, 1. FC Kaiserslautern, 1860 München, Aachen (und als 26. Greuther Fürth). Aufsteiger Nr.1 ist eindeutig der Vorjahresregionalligist TSG 1899 Hoffenheim - und zwar unabhängig von der Frage, ob die TSG dieses oder nächstes Jahr in die Bundesliga aufsteigt. Das ganz neue Fußballunternehmen ist in die Top 25 gerückt - und wird so schnell nicht wieder verschwinden. Clubs der erweiterten Bundesligaspitze haben Hoffenheim in ihren Zukunftsstrategien längst als Konkurrenten um europäische Wettbewerbe und Millionen ausgemacht.

Der Wolfsburger Chef Felix Magath will ja den VfL erst im nächsten Jahr offiziell in den Top Sechs in Deutschland etablieren. Die direkte Konkurrenz, sagte er in diesen Tagen, seien "HSV, VfB Stuttgart, Leverkusen, vielleicht Hoffenheim". Das 4:0 des VfL gegen den VfB am 33. Spieltag könnte symbolischen Charakter haben: Der Meister des Vorjahres und der Liga-Aufsteiger des Jahres sind aneinander vorbeigegangen - der eine zumindest fürs Erste auf dem Weg nach unten, der andere auf dem Weg nach oben. In den beiden Vor- und Augenthaler-Jahren war Wolfsburg jeweils 15. Tabellarisch (und spielerisch) hat der VfL in diesem Jahr den größten Sprung nach oben gemacht (derzeit plus neun Plätze) - unabhängig davon, ob der Einzug in den Uefa-Cup am kommenden Samstag gelingen wird.

Platz drei gebührt dem FC Bayern München für eine wirklich respektable Leistung. Die Bayern waren im Vorjahr sogar national abgehängt worden (Platz vier). In dieser Saison holten sie souverän das Triple: Meisterschaft, Pokal und Ligapokal. Und damit sind wir mitten in der Geld-Diskussion. War ja klar, dass die Meister werden mit den 70 Millionen, die man in Ribéry, Toni und Klose investiert hat? Ja - und nein. Diese Profis sind nicht nur gut, sie sind auch gut ausgewählt. Ribéry als Unikat, Toni als Lebensversicherung, Klose sowieso und immer noch. Und: Der scheidende Trainer Ottmar Hitzfeld hat diese Stars extrem schnell integriert und zu Leitfiguren eines in der Liga aus dem Stand funktionierenden Teams aufgebaut.

Einklagbares Gewohnheitsrecht auf Irrsinn

Absteiger der Saison
1. 1. FC Nürnberg
2. 1. FC Kaiserslautern
3. VfB Stuttgart
4. 1860 München
Magaths Entwicklungsprozess beim VfL Wolfsburg? Wer für mehr als 30 Millionen Euro Qualitätsprofis holt wie der Automobilkonzern VW, der gewinnt halt auch mehr Spiele? Ja, aber zu dem Geld, das VW gibt, kommen eben auch Magaths Entscheidungen für bestimmte Spieler, die jeweils etwas Individuelles einbringen, was vorher fehlte - und zudem im Team funktionieren. Da sind zuvorderst die künftigen DFB-Kandidaten Christian Gentner und Marcel Schäfer, der brasilianische Weltklasse-Spielaufbauer Josúe, der radikal modernen Fußball spielende Schweizer Nationaltorwart Diego Benaglio. Und übrigens auch der noch von Klaus Fuchs verpflichtete Bosnier Edin Dzeko, dessen Treffer gegen den VfB Stuttgart kein Zufall war, sondern sein Potential zeigt.

So ist es auch bei der TSG Hoffenheim: Ohne Milliardär Dietmar Hopp ginge nichts. Aber nicht der Milliardär macht's: Wenn mit den Investitionen in den Spielerkader auch eine strukturelle Proffessionalisierung und eine Investition in das Team hinter dem Team erfolgt, folgt der Erfolg. Nicht zu vergessen: Wer Ralf Rangnick holt, steigt auf, das war schon in dessen Geburtsort Backnang so. Und in Ulm, Hannover und bei Schalke (Aufstieg in die Campions League) nicht anders. Und das bei einer Stumpen-Struktur namens AssauerZukunftsstrategien.

Und damit zu den verständlichen Wünschen an den Fußball, er möge die Gesetze des übrigen Lebens im Spätkapitalismus außer Kraft setzen oder hier und da relativieren. Das gerettete Energie Cottbus ist ein bemerkenswertes Indiz dafür, dass ein Nichtabstieg dort rauskommen kann, wo - anders als in Rostock und Duisburg - ein exorbitant gewaltiger Wille ist. Und wenn Arminia Bielefeld (2004 hinter dem Club aufgestiegen) die fünfte Bundesligasaison in Folge schafft, so darf man das eine historische Leistung nennen.

Diese kann man auch schon jetzt dem 1. FC Kaiserslautern, unserem Absteiger Nummer 2, bescheinigen. Wäre der 1. FCK 1998 Meister geworden, wenn er kein jenseits aller Ratio subventionierter Staatsclub gewesen wären? Zumindest wäre er nie so tief (also aus den Top 25) gefallen, wenn die Struktur gestimmt hätte. Das gleiche gilt für 1860 München. Tradition? Ja, das ist ein kultureller Wert in einer bestimmten Community. Aber es gibt kein einklagbares Gewohnheitsrecht auf Irrsinn. Beziehungsweise das schon; aber mit traditionellem Irrsinn kann man nicht sportlichen Erfolg einklagen. Das sollte selbst der 1. FC Köln langsam einsehen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Leider schießt Geld doch jede Menge Tore
dreiundzwanziger 10.05.2008
Der Autor kann noch so sehr das besondere Geschick von Trainer und Umfeld hervorheben - Fakt ist: Wo Geld ist, dürften Trainer und Kicker überdurchschnittlich gut sein. Nun ist das Geld in der Liga ausgesprochen ungleich verteilt, was an sich eher reizvoll sein könnte, in Deutschland aber zu absolut zementierten Kräfteverhältnissen führte. Wahrscheinlich wird Bayern auch in den nächsten Jahren sehr weit oben spielen und sich locker bis zum 25. nationalen Titel vorarbeiten. Wer findet das eigentlich spannend? Mein Vorschlag: Wir brauchen eine Malus-Regelung. Clubs, die Millionen in neue Spieler investieren (was ja nichts anderes ist als eine Wettbewerbsverzerrung) sollen nach folgender Regel sanktioniert werden: Pro zehn Millionen Euro Netto-Transfersumme wird vor (oder zum Ende der Saison) ein Punkt abgezogen. Bayern hat vor Beginn der Saison meines Wissens rund 50 Millionen netto investiert (andere Clubs haben ebenfalls Netto-Transferkosten in mehrfacher Millionenhöhe und wären dann ebenfalls zu sanktionieren). Im Falle der Bayern wären das gerade mal fünf Zähler minus, was keine Gefahr für die Meisterschaft bedeutet, aber ein wenig mehr Spannung und Abwechslung gebracht hätte. In diversen Auto-Rennsportserien gibt es ähnliche Verhältnisse. Da schleppen besonders starke Fahrzeuge eben ein paar Kilo mehr Gewicht mit sich herum. Also: Es geht doch! Gruß
2. Nagel auf den Kopf getroffen
Kilowatt, 11.05.2008
Der Artikel hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Nur mit Tradition ist nichts zu machen, wo das Geld fehlt muss zumindest ein gutes Umfeld und ein unbaendiger Wille da sein, von mir schmerzlich vermisst bei 1860, meine Leidensfaehigkeit nimmt ab, nach ueber 40 Jahren Treue werde ich mir demnaechst einen anderen Club suchen, Hoffenheim? Oder besser Freiburg, bei meiner Leidensfaehigkeit stehe ich die auch durch.
3. Danke...
olds 11.05.2008
... das ist genau das, was ich schon seit langer Zeit denke. Aber das darf kein Kaiserslauterner hören.
4. Grüner Rasen, grüner Tisch
Kurt Kurzweg 11.05.2008
Zitat von sysopDie Absteiger heißen Hansa Rostock und MSV Duisburg? Bayern ist Meister? Ja, aber die wahren Gewinner und Verlierer dieser Bundesligasaison sind Vereine wie Energie Cottbus oder der 1. FC Nürnberg. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,552697,00.html
Solche "Analysen" sind doch wie die im "richtigen Leben" - die Ideologie wird immer hinterher geschrieben. Richtig ist, daß Vereine mit besseren, schnelleren, erfaherenen Spielern (die mehr "kosten") bessere Startbedingungen haben. Das Schöne an den (meisten) Mannschaftssportarten ist jedoch, daß es immer wieder Ausreißer gibt: siehe den Sieg der Schweiz über Schweden bei der Eishockey-WM (das ist der deutschen Mannschaft vor langer Zeit auch mal gelungen als die Wikinger mit reichlich Restalkohol zu dem "Spaziergang" antraten). Da ist auf einmal ein durchschnittlicher Torwart, der über sich hinaus wächst, das Aluminium ist mit dem Schwächeren und der Weltklasse-Verteidiger fällt beim einzigen Angriff der unterlegenen Mannschaft in den Heilschlaf - schon ist das Undenkbare passiert. Richtig ist sicher die richtige Mischung: Können gepaart mit Spielfreude (!), blindes Verstehen und eine vernünftige Atmossphäre im Verein (auch da beginnt der Fisch am Kopf zu stinken). Da halte ich den vielfach besungenen "Konkurenzkampf" der Spieler untereinander für schädlich; blockiert den Kopf und verkrampft... Fazit: es gibt kein Allheilmittel, der Verlauf und Ausgang eines Spüiels (und einer Saison) lässt sich genauso wenig berechnen wie die Börsenkurse - den Zuschauern bleiben die Spannung und das Wechselbad von Tränen und Jubel. Den "Analysten" sei ihr Kommentar gegönnt, nur so richtig ernst nehmen sollte man dies nicht: es geht nicht um den Weltuntergang, sondern um ein "Spiel" - und das wird gottlob auf der grünen Wiese entschieden; dort und nur dort.
5. Norddeutsches Gequatsche!
vaccine 11.05.2008
Bayern ist Meister und das zu Recht! Damit sind sie auch der wahre Gewinner der Saison 2007/08. Wann lernen auch die Spiegel-Norddeutsch-Verblendeten, dass Platz Eins in der Liga mit deutlichem Punktevorsprung alles zu dem Thema Bundesliga-Gewinner sagt! Alles andere ist Semantik, Neid oder eine andere Verkennung von Fakten und der Realität. Also bitte sauber journalistisch arbeiten und Ehre, wem Ehre gebührt, gewähren!
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