Bundesliga-Kommentar Kahn spielt jetzt beim FC Schnulli-Bulli

Vier Spieltage vor dem Saison-Finale steckt die halbe Bundesliga im Kampf um den Klassenerhalt. Immerhin, drei Absteiger stehen jetzt fest: der Hamburger SV, Borussia Mönchengladbach - und der FC Bayern.

Von Peter Unfried


Wenn der Fußballtorhüter Oliver Kahn künftig den absoluten Druck spüren will, und das ganz große Erlebnis, so muss er diese Grenzsituationen, die ihn bekanntlich weiterbringen, konsequent ins Privatleben verlegen. Ob eine Miss Tirol in der Champions League angesiedelt ist, müssen andere entscheiden. Das letzte große internationale Fußballspiel, so sieht es aus, liegt jedenfalls hinter dem größten Existentialisten, den wir in Deutschland noch haben. Nach vielen Jahren wird die Champions League wohl auf den FC Bayern verzichten müssen.

Was ihr nicht allzu schwer fallen sollte, dem FCB dagegen mächtig. Wenn künftig andererorts das Adrenalin steigt und das Geschrei losgeht, wird es ruhig in Downtown München. Rummenigge, Hoeneß und Beckenbauer sitzen dann vor dem Fernseher. Jeder vor seinem eigenen, versteht sich.

Und damit hat der FC Bayern zumindest einen Superlativ erreicht: Er ist einer der drei größten Absteiger dieser Bundesliga-Saison. Obwohl: "Das war nicht der FC Bayern", sagte Kahn nach dem 0:2 beim VfB Stuttgart. Sondern der FC Schnulli-Bulli? Den Eindruck konnte man haben. Traditionell machte sich der VfB in die Hosen, wenn es gegen die Bayern ging. Nun ist es umgekehrt. Kahn hat Recht: Der FC Bayern ist nicht mehr der FC Bayern. Damit hat auch der Letzte gemerkt, was seit Monaten offensichtlich ist: Es fehlt in der Innenverteidigung, an spielerischer Klasse im Mittelfeld und an Ballack-Kompensation. Monatelange markige Führerbunker-Verlautbarungen machen den Offenbarungseid nun nur noch größer.

Der vielbeschworene Ottmar-Hitzfeld-Effekt? Bedeutet offenbar, dass man den Punkteschnitt des entlassenen Vorgängers noch deutlich unterbietet. Kann selbstverständlich sein, dass man mit dem uralten Zirkustrick (van der Vaart, Diego und/oder Klose holen) 2006/07 tatsächlich als jenes "Übergangsjahr" abhakt, als das es Manager Uli Hoeneß bezeichnet hat.

Der FC Bayern war in der letzten Dekade siebenmal Meister, ist wirtschaftlich gesund und wird ja als polarisierender Hauptdarsteller der Unterhaltungsbranche Bundesliga weiter gebraucht. Aber, Vorsicht: Selbst in dieser Beziehung wächst mit Gasprom-Schalke ein Konkurrent heran, wie es ihn all die Jahre nicht gegeben hat. Ein Gutes hat die ganze Malaise aber auch: Als Uefacup-Teilnehmer hat Bayern ausnahmsweise wieder eine kleine Chance auf einen internationalen Titel.

Und wem das alles jetzt zu arrogant daherkommt, dem sei gesagt: Das ist die übliche Arroganz des FC Bayern, die nun auf ihn zurückschlägt. Franz Beckenbauer hat selbst in der "Welt am Sonntag" gesagt, man freue sich, "dass sie uns jetzt in die Pfanne hauen". Das sei "eine Chance". So sehe ich das auch.

Eigentlich wollte heute ich über die zunehmende Aufklärung in Sachen Abstiegsplätze 16 und 17 schreiben. Aber vieles ist zu irrational für kluge Analysen. Ein Beispiel: Der VfL Wolfsburg hatte Bielefeld in der VW-Arena bei 2:1-Führung unter Zugzwang. Da noch zu verlieren, kann man als desaströs werten oder als Anfang vom Ende. Die alte These, dass bestimmten Teams der „Wille" und der Corpsgeist fehle? Andererseits war Boakye soooo nah dran, mit einem dritten Tor alles klar zu machen. Es sah tatsächlich so aus, als würde bei ähnlicher Organisation das individuelle Plus den Ausschlag geben, also der höhere Personaletat in Form von Marcelinho und Krzynowek.

Eins zeigt aber auch dieses Spiel: Wer in der ausgeglichenen Liga der Zwölf hinter der neuen Spitze (Schalke, Bremen, VfB) und dem Mini-Mittelfeld (Bayern, Leverkusen und Nürnberg) ausgerechnet jetzt Probleme hat, zu verteidigen, wer nicht am Limit arbeitet und präzise und kräftig das letzte Loch auch noch zuläuft, dem hilft kein Marcelinho und kein van der Vaart. Für den endet es böse.

Ob es nun zum Äußersten kommt oder nicht: Zweiter Absteiger dieses Saison ist so oder so der Hamburger SV, der im Vorjahr noch zu den Top Four gehörte und (keinesfalls endgültig gebremst) dermaßen nach unten abrauschte, dass er einen gefühlten 19. Tabellenrang einnimmt.

Damit stünde er einen Platz schlechter als der dritte Absteiger der Saison, der die Klasse auch real verlassen wird: Es ist Borussia Mönchengladbach. Erstens beträgt der Rückstand des Tabellenletzten auf Platz 15 nach dem 0:1 bei Hannover 96 am Sonntagabend acht Punkte. Zweitens und grundsätzlich: Wer die Möglichkeit hatte, mit neuem 50.000-Mann-Stadion, großer Tradition und begeisterungswilliger Kundschaft durchzustarten und sich in sechs Erstligajahren nicht stabilisiert, der muss Unternehmensfehler gemacht haben – und zwar deutlich größere als etwa Mainz.

Der FSV Mainz 05 ist übrigens auch mit dem 2:2 beim HSV längst nicht verloren. Und selbst wenn er nach drei Erstligajahren abstiege, es wäre im Vergleich zu den drei Genannten ein kleiner Abstieg. Mainz hat sich in den letzten sechs Jahren durch permanentes Agieren am oder über dem Limit in der Liga der 24 (oder mit dem ewigen Zweitligavierten Greuther Fürth 25) deutschen Topclubs etabliert. Nun hat man zudem den 60-Millionen-Stadioneubau sicher (Erstbezug 2009). Das kann sich sehen lassen.

Mainz spielt übrigens jeden Spieltag mit absolutem Druck um alles oder nichts. Dies nur, falls Oliver Kahn noch mal eine wirkliche Herausforderung sucht.

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