Bundesliga-Kommentar: Konzept schießt Tore

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Schießt Geld Tore? Garantieren Millionen den Erfolg? Während man in München immer noch diesem Glauben nachhängt, zeigt die Saison, dass sich vor allem langfristige Planung auszahlt. Erfolgreich sind die gewachsenen Teams - zusammengestellt von Sportdirektoren wie Klaus Allofs und Rudi Völler.

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Bremer Profis (nach dem 2:2 gegen Wolfsburg): Gewachsene Mannschaft

Es bahnt sich ein neuer Rekord an. Noch nie gab es nach 14 Spieltagen so viele Auswärtssiege in der Fußball-Bundesliga, schon 42-mal haben Gästemannschaften gewonnen, nur 46-mal feierte beim Schlusspfiff das Heimteam. "Vielen Mannschaften fällt es schwer, das Spiel zu machen, uns geht das auch so", das sei vor allem ein Problem vor eigenem Publikum, sagt der Schalker Trainer Felix Magath, der Woche für Woche aufs Neue erklärt, dass sein Club über "keine Spitzenmannschaft" verfüge.

Spitzenteams seien Bayer Leverkusen und Werder Bremen, so Magath, eben jene Mannschaften, die neben der TSG Hoffenheim spielerisch am meisten geboten haben im bisherigen Saisonverlauf. Gemeinsam ist diesen drei Clubs, dass hier seit Jahren systematisch gearbeitet wird, und die Schlüsselfigur dieser Vorgehensweise ist der Sportdirektor, der idealerweise in enger Abstimmung mit dem Trainer die personelle Zusammensetzung des Kaders gestaltet.

Die Tabelle gibt derzeit ziemlich exakt Auskunft darüber, wo Sportdirektoren konzeptionell vorgehen. Unter Rudi Völler (Leverkusen), Jan Schindelmeiser (Hoffenheim) und Klaus Allofs (Bremen) wird akribisch gescoutet, diese Clubs setzen auf Entwicklungen, sie kaufen nur einzelne, sorgfältig ausgewählte fertige Stars (Hyypiä, Pizarro, Simunic). Schwerpunkt ist die Weiterentwicklung von Spielern mit außergewöhnlichem Potential.

In Barcelona oder beim FC Arsenal wird - auf höherem Niveau - ähnlich agiert. Auch die überraschenden Mainzer mit Christian Heidel passen in dieses Konzept. Und in Mönchengladbach entwickelt sich unter Max Eberl erstmals seit vielen Jahren eine funktionierende und perspektivisch aufgestellte Mannschaft. Dahinter steht eine Grundhaltung: Kaufen Sportdirektoren einfach gute Spieler? Oder modellieren sie eine funktionierende Mannschaft?

Spielsystem ist nicht gleich Philosophie

Philipp Lahm hat Uli Hoeneß vorgeworfen, ihm fehle das Händchen für die Entwicklung eines Teams, das besser ist als die Summe seiner Einzelspieler. Hoeneß reagierte uneinsichtig wie ein starrköpfiger Rentner. Der neue Bayern-Präsident fordert beharrlich die Renaissance der "Mir-san-mir"-Bayern. So denkt ein Mann, der Mentalität und bereits Geleistetes wichtiger findet als Entwicklungspotentiale und die Magie des Kollektivs. Die internationalen Pendants sind Inter Mailand und Real Madrid - Clubs, die im Europapokal seit Jahren hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleiben.

Hoeneß' Theorie vom Geld, das Tore schießt, führt der FC Bayern gerade selbst ad absurdum, gegen gewachsene Mannschaften kommen die Millionenstars Robben und Ribéry auch in gesundem Zustand nur schwer an. "Habt bitte etwas mehr Geduld", rief Hoeneß am Freitag auf der Jahreshauptversammlung den Bayern-Mitgliedern zu, ihm selbst fehlte diese Tugend zuletzt. Hektisch wurden immer neue Millionen investiert, namhafte Trainer verpflichtet, und in seiner Replik auf die Lahm-Kritik verwechselte Hoeneß den Begriff Spielsystem (4-4-2 oder 4-3-3) mit dem Begriff Philosophie, also der Frage, nach welchen Grundsätzen eine Mannschaft entwickelt wird. Noch anachronistischer wird nur in Köln gearbeitet, wahrscheinlich sind Köln und München derzeit die beiden Bundesliga-Standorte, an denen - neben Berlin - pro Million im Etat die geringste Punkteausbeute herauskommt.

Königstransfer Hyypiä

Spannend bleibt, ob Hoeneß-Nachfolger Christian Nerlinger sich unter der väterlichen Aufsicht seines Vorgängers tatsächlich zu einem Sportdirektor moderner Prägung entwickelt. So wie es Rudi Völler gelungen ist - einem Mann, der eigentlich nicht jedem modernen Schnick-Schnack hinterherrennt. Doch Völler verfügt über jene zwei Dinge, die unerlässlich sind in diesem Job: Geduld und ein feines Auge für Fußballer.

René Adler, Gonzalo Castro, Tranquillo Barnetta, Simon Rolfes und Stefan Kießling spielen nun im vierten Jahr für Bayer, sie haben zweimal am Stück den Europapokal verpasst, das Vertrauen wurde ihnen nicht entzogen. Sogar den erfolglosen Trainer Bruno Labbadia hätten sie im vorigen Sommer gern behalten, weil sie an ein Konzept glauben. Bayer hat eine gewachsene Mannschaft, die nun punktuell verstärkt werden kann, nur deshalb konnte der Königstransfer von Sami Hyypiä, der aus Liverpool nach Leverkusen kam, so gut funktionieren.

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Auch Werder Bremen ist im vergangenen Jahr abgestürzt, doch die Männer an der Weser blieben ruhig und stehen in diesem Jahr trotz des Verlustes von Superstar Diego ganz vorne. "Man hat uns vertraut, das kann sich auszahlen", sagt Per Mertesacker. Und in Mainz wurde Trainer Jörn Andersen im Sommer trotz Aufstieg entlassen, weil es atmosphärische Störungen mit Mannschaft und Management gab, weil er zu sehr aneckte im Arbeitskollektiv am Bruchweg. Es geht um den Blick für die komplexen Feinheiten des Mannschaftssports. Die besten Heimmannschaft der Liga sind übrigens Bayer Leverkusen - und Mainz 05.

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Zum Autor
Daniel Theweleit, 1972 in Freiburg im Breisgau geboren und auf den Fußballplätzen groß geworden, kam nicht umhin, Fan des SC Freiburg zu werden. Seit vielen Jahren lebt er in Köln und schreibt über Fußball.

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