Bundesliga-Kommentar Neureiche Schnösel ohne System

Die Pläne waren hochtrabend: Mit einer "Politik der bekannten Namen" wollte Borussia Mönchengladbach in der Fußball-Bundesliga angreifen. Die Strategie ist gescheitert, der Club steht trotz eines Trainerwechsels im Tabellenkeller. Schuld sind ein fehlendes Konzept und die verfehlte Transferpolitik des Sportdirektors.


Gladbach-Coach Advocaat (M.), Spieler: Kein souveräner Eindruck
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Gladbach-Coach Advocaat (M.), Spieler: Kein souveräner Eindruck

Normalerweise wird so eine Demütigung als klares Signal aufgefasst. 0:6 - in Clubs wie Borussia Mönchengladbach, wo man nicht zimperlich verfährt mit der Maßnahme Trainerwechsel, zucken die Hände zur Reißleine, nach solchen "Desastern", wie Kapitän Christian Ziege die Niederlage von Berlin bezeichnete. Dumm nur, dass sie ihre Notration dieses Rettungselixiers bereits aufgebraucht haben am Niederrhein. Das Mittelchen Trainerwechsel hat bislang nicht gewirkt, im Gegenteil, die Bilanz hat sich verschlechtert, seit Dick Advocaat das Amt von Holger Fach übernommen hat. Nun sind sie ratlos bei der Borussia.

Wie Vorgänger Fach beklagt Advocaat massive qualitative Mängel im Kader, er sagt: "Ich kann den Jungs nicht vorwerfen, dass sie nicht arbeiten oder schlecht trainieren, aber letztendlich hat es auch mit der Qualität zu tun." Eine Kritik, die sich gegen Sportdirektor Christian Hochstätter richtet, der am Wochenende alle Mikrofone umkurvte wie einst Diego Maradona seine Gegenspieler. Aus gutem Grund: Längst müsste er sich selbst infrage stellen. Mit Hans Meyer, Ewald Lienen, Fach und nun Advocaat hatte die Mannschaft in den vergangenen beiden Jahren vier Trainer, eine sichtbare Entwicklung jedoch blieb aus. Im Präsidium schielt man schon lange mehr oder weniger offen nach dem oberen Tabellendrittel, in Wahrheit aber steckt man fest in einer Sackgasse. Tabellarisch und spielerisch.

Politik der bekannten Namen

Zur Person
Daniel Theweleit, vor 31 Jahren in Freiburg im Breisgau geboren und auf den Fußballplätzen groß geworden, kam nicht umhin, Fan des SC Freiburg zu werden. Seit zehn Jahren lebt er in Köln und schreibt über Fußball.
Also hatten sie sich für dieses Jahr eine hübsche Strategie ausgedacht. Namhafte Leute sollten den namhaften Club im modernen Stadion verstärken. Christian Ziege, Oliver Neuville und Marek Heinz wurden verpflichtet, ergänzt mit erfahrenen Leuten wie Nico van Kerckhoven oder Milan Fukal. Eine Politik der "bekannten Namen" wurde Präsident Rolf Königs zufolge angestrebt - doch derart verstärkt wirkt die Borussia wie ein neureicher Schnösel mit einer viel zu protzigen Rolex. Der Präsident gibt selbst zu, kaum Ahnung von Fußball zu haben. Abgesehen von Neuville machen weder die neuen Spieler noch Advocaat bislang einen souveränen Eindruck.

"Ich kenne das aus Tottenham", sagte Ex-Nationalspieler Ziege vergangene Woche, "ein Team mit einigen Top-Leuten, das jedes Mal den Big Point verpasste, um sich im Mittelfeld festzusetzen. Solche Dinge sind oft nicht zu erklären." Der Spieler muss das auch nicht, die Vereinsführung aber schon, denn wenn die Ziele und die Realität derart auseinander klaffen, hat man entweder falsche Ziele definiert oder Fehler in der Zusammensetzung des Teams gemacht. Sportdirektor Hochstätter brachte in den vergangenen beiden Jahren eigentlich nur drei gelungene Verpflichtungen zu Stande: Mikael Forssell, der aber nur vom englischen Premier-League-Club FC Chelsea ausgeliehen war, Torhüter Dariusz Kampa und Neuville. Alle anderen Zugänge erfüllen im besten Fall gerade so die Mindesterwartungen. Advocaat fordert daher im Winter, "vier neue Spieler".

Die falsche Strategie gewählt

Statt mit Akribie und Aufmerksamkeit ein homogenes Team zu formen, versuchte Borussia Mönchengladbach, mit seiner Politik eine Nische zu besetzten - ein Versuch, der vermutlich gescheitert ist. Dass man offenbar darüber diskutiert, Jörg Böhme aus Schalke zu holen, lässt vielen Fans die Haare zu Berge stehen. Advocaat wird aussortieren, Hochstätter als Verantwortlichen zu ersetzen ist dagegen kaum möglich. Die lange Suche der Wolfsburger nach einem neuen Sportchef und ihr Ergebnis zeigen, dass Sportdirektoren noch dünner gesät sind als Trainer.

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Ähnlich wie dem Kollegen Andreas Rettig in Köln ist es Hochstätter gelungen, den Club von Schulden zu befreien, mit einem neuen Stadion auszustatten und mit einer zukunftsträchtigen Organisationsstruktur zu versehen. Sportlich fehlt beiden Managern das glückliche Händchen. Dabei sind die Bedingungen eigentlich hervorragend in der Stadt an der niederländischen Grenze. Dem "Handelsblatt" zufolge darf man in dieser Saison über den vierthöchsten Etat aller Bundesligisten verfügen, vor Schalke, Dortmund und Leverkusen, und als Advocaat kam, war die Mannschaft gepusht durch den Heimsieg gegen die Bayern - es gab also beste Voraussetzungen, ähnlich loszulegen wie Schalke unter Ralf Rangnick oder der Hamburger SV unter Thomas Doll. Doch der Schub blieb aus.

Überall sorgen junge Spieler für Furore, oder Akteure wie Lincoln (Schalke) und der Bielefelder Delron Buckley, die in ihren alten Clubs nicht zurechtkamen. In Mönchengladbach hingegen humpeln Spieler, die ihren Zenit überschritten haben, den Erwartungen hinterher.

Klassische holländische Variante

Ein Trost ist vielleicht, dass die Gladbacher nicht allein dastehen mit diesem Problem. Blickt man auf das Tabellenende der Liga, sieht man dort eine ganze Versammlung von Teams, die vergeblich in irgendwelchen Nischen nach ihrem Glück suchen. Der SC Freiburg mimt den Ausbildungsverein in einer Zeit, in der längst alle auf junge Leute setzen. Hansa Rostock muss erkennen, dass es unmöglich ist, Profit zu schlagen aus dem Nischendasein als Ostclub. Die Nische des VfL Bochum als nahbarer Mittelstandsclub zwischen den Finanzgiganten aus Dortmund und Schalke war nur ertragreich, solange beide Riesen in der Krise steckten. Und die Gladbacher - auch sie werden ihre Philosophie überdenken müssen.

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Zum Erfolg, das zeigt diese Saison, führt weniger ein nach einem bestimmten Konzept geführter Club als ein Spielsystem, das sich konsequent an einem Konzept ausrichtet. Die Aufsteiger sind ebenso Beispiele dafür wie auch Schalke 04 nach dem Trainerwechsel. Auch Advocaat versucht gerade, den Fokus aufs Fußballerische zu lenken und das Gladbacher System von 4-4-2 auf 3-4-3, die klassische holländische Variante, umzustellen. Den Winter über sollte man ihn seine Philosophie in Ruhe erarbeiten lassen. Das Problem ist nur, dass die Fußballöffentlichkeit von derlei Detailarbeit nichts hören will, wenn es nicht läuft.

Wann hat ein Volker Finke zuletzt über seine Idee vom Fußball philosophiert? Hörte man Juri Schlünz am Ende seiner Rostocker Zeit irgendwelche fußballkonzeptionellen Einfälle erklären? In Dortmund redet man nur noch am Rande über das Spiel, die öffentlichen Ohren interessieren sich für andere Dinge. Es geht dort um die Clubs, nicht um den Fußball der Mannschaft - und genau das scheint sich irgendwie destruktiv auf die Rasendarbietungen auszuwirken. Vielleicht erleben wir ja gerade eine Art Rebellion des Spiels, dessen Protagonisten ihre Energien in der (zweifelsohne ebenfalls wichtigen) Peripherie vergeuden, statt sich dem Wesentlichen zuzuwenden.



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