Bundesliga-Kommentar Titelkampf XY ungelöst

Die Liga spielt verrückt: Der Kampf um die Meisterschaft ist nach der Schalker Niederlage so spannend wie schon lange nicht mehr, die Mannschaften so schwer einzuschätzen wie noch nie. Einen Titelfavoriten auszumachen, ist daher unmöglich - auch für Experten.


Den Anhängern von Borussia Dortmund wird der 31. Spieltag noch lange in Erinnerung bleiben. Und das nicht einmal unbedingt wegen des eher mühsam erkämpften 2:0-Heimsiegs gegen Eintracht Frankfurt. Nein, vier Wochen vor Saisonschluss fiel der fürchterliche Albdruck von der Borussia ab, am 33. Spieltag im heimischen Westfalenstadion womöglich vom neuen deutschen Meister Schalke 04 in die 2. Liga geschossen zu werden. Jeder anständige Borusse hätte sich sicher lieber vorher entleibt, als sich das anzuschauen.

Dass Dortmunder und Schalker wohl auch im nächsten Jahr in der gleichen Liga kicken werden, ist derzeit aber auch die einzige Gewissheit (sieht man einmal davon ab, dass die Bayern in diesem Jahr wohl nicht mehr überlegen Deutscher Meister werden). Ansonsten aber sind noch sämtliche Fragen vom Abstiegskampf über den UI-Cup bis zur Titelfrage völlig ungeklärt, der Schalker Niederlage in Bochum sei Dank.

Was einerseits eine feine Sache ist, nach den äußerst spannungsarmen letzten Jahren. Was sich andererseits für die Fans des FC Schalke 04 zu einer Tragödie mittelschweren Ausmaßes auswachsen könnte. Schließlich galten die Knappen nach den souveränen Auftritten in Mainz und gegen Cottbus als haushoher Favorit auf die Meisterschaft. Die Mannschaft schien sich nach einer lustlos hingewürgten Rückrunde gefangen zu haben, selten sah man zudem einen besseren Mittelfeldregisseur Lincoln als im Frühjahr 2007. Und außerdem, wer sollte die Schalker bitte schön noch gefährden? Die Bremer, deren Stars derzeit allesamt in der Wartehalle des Flughafens Hannovers auf Uli Hoeneß zu warten scheinen? Oder die wankelmütigen Stuttgarter, die kürzlich gegen Hannover nur gewannen, weil sich zwei 96er in grotesker Charlie-Chaplin-Manier gegenseitig über den Haufen rannten?

Es gab also bisher ausschließlich Argumente für den FC Schalke. Bis zum Freitag, bis zur knappen, aber nicht unverdienten 1:2-Schlappe beim Reviernachbarn Bochum. Zack, eine einzige Niederlage nur, plötzlich scheint nichts unwahrscheinlicher als die Schalker Meisterschaft. Nun passt alles im Negativen zusammen: War nicht schon der Sieg gegen Cottbus ein eher mühsamer? Fehlt es der Mannschaft nicht ohnehin an Konstanz? Und überhaupt, lässt sich nicht anhand der letztminütig verlorenen Meisterschale 2001 nachweisen, dass die Schalker nervlich einfach nicht für die Meisterschaft geeignet sind? Ganz anders hingegen kommt plötzlich der VfB Stuttgart daher. Der Sieg gegen Hannover galt noch als glücklich, der ebenso wacklige Sieg in Mönchengladbach hingegen ist vielen nun schon klarer Ausweis der Stuttgarter Favoritenrolle im Meisterschaftskampf.

Was uns das alles sagt? Überhaupt nichts.

Denn es gibt, bei Licht besehen, nicht den geringsten Fingerzeit, nicht die kleinste Tendenz, wer es am Ende tatsächlich wird. Und jeder Experte, der in der nächsten Woche mit fester Stimme und dem Angebersatz „Ich lege mich mal fest“ einen Favoriten auf die Meisterschaft benennt, gehört ausgelacht und verhöhnt.

Schließlich gab wohl kaum eine Saison, in der die Instrumente der Fußball-Analyse so konsequent und vollständig versagt haben wie in der laufenden. Nahezu alle 18 Clubs – den VfL Wolfsburg einmal außen vor gelassen – sind in dieser Spielzeit schon hymnisch besprochen und schon bald darauf beerdigt worden. Arminia Bielefeld galt im Herbst als Vorzeigemannschaft, wurde zwischendurch schon als feststehender Absteiger ausgemacht und hockt nun untot auf dem 15. Platz. Der FSV Mainz 05 war ebenfalls schon unrettbar abgestiegen, galt vor sechs Wochen als heißer Kandidat für den UI-Cup und schwebt nun in allerhöchster Gefahr. Borussia Dortmund war nach der Niederlage kürzlich in Bielefeld ein komplett hoffnungsloser Kandidat – und ist inzwischen so gut wie gerettet. Und erst der Hamburger SV...

Warum die Liga so verrückt spielt, weiß keiner. Vielleicht ist es die Ausgeglichenheit, vielleicht auch der Klimawandel. Klar ist nur: Nichts ist in dieser Saison von Dauer. Und deshalb kann sich auch der FC Schalke mit der Erkenntnis trösten: Die Niederlage beim VfL Bochum ist nur eine Niederlage beim VfL Bochum, nicht mehr und nicht weniger. Keine Trendwende, keine Vorentscheidung und kein herbei geredetes Remake der Ereignisse von 2001.

Verinnerlicht die Mannschaft das, kann sie nach wie vor Deutscher Meister werden. Oder Werder Bremen. Oder der VfB Stuttgart. Einer von den dreien wird es auf jeden Fall. Da leg ich mich mal fest.

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