Bundesliga-Kommentar Was Professor Rolf zum Verhängnis wurde

Ralf Rangnick ist aus absurden Gründen beim FC Schalke 04 gescheitert. Sportlich lief es unter dem Trainer so gut wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Doch Rangnick hatte ein Problem: Für viele im Ruhrgebiet war (und ist) der heute beurlaubte Schwabe einfach zu modern.

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Wenn es aus Sicht der Fußball-Erneuerer etwas Erfreuliches zu sagen gibt nach diesem Wochenende, dann dies: Nach der günstigen Auslosung der WM-Gruppen hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann gute Chancen, jene Entwicklung in Deutschland nachhaltiger voranzutreiben als Rangnick auf Schalke. Mit dem ehemaligen 04-Trainer - der 47-Jährige wurde heute mit sofortiger Wirkung beurlaubt -, ist einer von Klinsmanns wichtigsten Mitstreitern im Prozess des Umdenkens erst einmal aus dem Spiel. Aus absurden Gründen.

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16. Spieltag: Abschiedsstimmung auf Schalke
Rangnick hatte im Schnitt mehr Spiele gewonnen als alle anderen Schalker Trainer vor ihm. Er hatte zuletzt 13 Punkte aus fünf Spielen geholt mit seiner Mannschaft eine Champions-League-Vorrunde gespielt, die unterhaltsam war. Und "die Frage nach Problemen in der Zusammenarbeit mit der Mannschaft stellt sich nicht", erklärte Rangnick nach dem starken 1:0-Sieg seiner Mannschaft gegen Mainz 05 glaubhaft. Der Schalker Trainer muss gehen, weil er mit seiner Art des Modernisierens am heiligen Schalker Selbstbild kratzte.

Denn ein Erneuerer hat immer auch etwas Oberlehrerhaftes, wirkt schnell arrogant und besserwisserisch. Rangnick spricht in komplizierten Sätzen und verwendet Fremdwörter. Das passt nicht zum Bild des volksnahen Ruhrpottclubs. Auf den Pressekonferenzen vor Schalker Spielen konnte es passieren, dass sich Journalisten mit verdrehten Augen ansahen, wenn der Trainer von "vertikalen Ausrichtungen" in seinem Spielansatz sprach.

Für Schalke ist schon das zu viel. Der als "Professor" gebranntmarkte Schwabe war an seinem ersten Arbeitstag von Manager Rudi Assauer als "Rolf Rangnick" vorgestellt worden, ein Journalist sagte am Samstag, der Trainer sei "hier immer Rolf Rangnick geblieben". Und warum diese merkwürdige Branche das Wort Professor als Schimpfwort empfindet, gehört zu den ewigen Seltsamkeiten dieses Spiels.

Feindseliges Umfeld

In diesem feindseligen Schalker Umfeld machten überhaupt nur zwei Dinge eine konstruktive Arbeit Rangnicks möglich: der Erfolg und Sportdirektor Andreas Müller, der entscheidende Fürsprecher des Schwaben schon bei dessen Verpflichtung.

Im September, als Assauer Mannschaft und Trainer nach der 0:1-Niederlage beim PSV Eindhoven völlig überzogen kritisierte und TV-Moderator Jörg Wontorra Assauer öffentlich Alkoholprobleme vorwarf, war schon von einer Entmachtung des Managers die Rede. Ein Durchbruch im Modernisierungsprozess schien möglich, Müller und Rangnick formierten sich als starkes Duo. Doch ein Vierteljahr später hat sich der Mann mit der Zigarre wieder als Fürst von Schalke positioniert.

Zuletzt war seine Stellung wieder so stark, dass die Posse um Rangnicks Demission möglich wurde, was an diesem Wochenende die ganze Hässlichkeit dieses Clubs sichtbar machte. "Ich bin diese politischen Possenspiele Leid", sagte der Trainer, als er am vergangenen Freitag begründete, warum er seinen im Sommer 2006 endenden Vertrag nicht verlängern wolle.

Freilich ließ auch er sich nicht nehmen, eine Riposte auszuführen. Seine Ehrenrunde vor dem Spiel gegen die Mainzer am Samstag war ein Affront gegen die Clubführung, der Versuch, das Volk auf seine Seite zu ziehen und gegen die Mächtigen des blau-weißen Königreichs aufzuwiegeln. Das hat sogar geklappt, nimmt man die Mehrheitsmeinungen in den Internetforen des Vereins zum Maßstab.

Zur Person
Daniel Theweleit, vor 31 Jahren in Freiburg im Breisgau geboren und auf den Fußballplätzen groß geworden, kam nicht umhin, Fan des SC Freiburg zu werden. Seit zehn Jahren lebt er in Köln und schreibt über Fußball.
Assauer kommentierte die Aktion erbost: "Fußballer drehen ab und zu schon mal ab", sagte er zu der Aktion, die Rangnick als "Dank für die Unterstützung 2005" bezeichnete. Wäre es nur ein Dank gewesen, hätte er natürlich bis nach dem Spiel warten können. Das sah auch Assauer so: "Wenn ich eine Ehrenrunde drehe, dann verabschiede ich mich vom Publikum. Das war schon eine Geschichte, die eine gewisse Werthaltigkeit hat für das Dasein eines Trainers bei Schalke 04. Wenn ich mich verabschiede, dann heißt es: Jetzt ist Schluss." Kapitän Frank Rost soll die Ehrenrunde mit den Worten "So ein Zirkus hier, das ist eine Farce" kommentiert haben.

In ihrer Gesamtheit wirkt die ganze Posse nun, als ob Rangnick rausgeekelt werden soll. "Das Thema Vertragsverlängerung war überhaupt kein Thema", sagte der Trainer am Samstag immer noch empört und legte damit selber nahe, dass die Eskalation gewollt war.

Eine Entlassung des Erfolgscoaches hätte seltsam gewirkt und den gerade erholten Assauer in ein schlechtes Licht gerückt. Nun haben Assauer und seine Gefolgschaft das Thema über Wochen schön am Brennen gehalten. Und in der vergangenen Woche hatte ein Mitglied der Clubführung die "Bild"-Zeitung mit der Insiderinformation beliefert, dass es seitens des Clubs eine Tendenz gegen eine Vertragsverlängerung gebe.

Ein verhängnisvoller Artikel

"Nachdem ich den Artikel gelesen habe, habe ich am Donnerstag Andreas Müller angerufen und ihm gesagt: Mich interessiert nicht, wer das gesagt hat, mich interessiert, ob das stimmt. Und nachdem diese Antwort nicht gekommen ist, war für mich klar, was zu tun ist", sagte Rangnick.

Das entscheidende Signal setzte Müller mit seinem Seitenwechsel weg vom Trainer. Ob er das auf Druck von Assauer getan hat, weil er seine Position als Kronprinz nicht gefährden wollte, oder weil er tatsächlich zu dem Schluss kam, dass Rangnicks Arbeit tatsächlich mangelhaft ist, bleibt unklar.

Kritiker jedenfalls werfen dem Fußball-Lehrer neben Arroganz und Oberlehrerhaftigkeit einen zu schwachen Führungsstil, übertriebenen Tatendrang und zu laxes Training vor. Aber auch seine flachen Hierarchien und die unorthodoxen Übungsmethoden verwirrten die Traditionalisten.

Reformer haben es eben schwer in Deutschland. Bundestrainer Klinsmann gibt hierzu sicher gerne weitere Auskünfte.



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