Montagsspiele Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht

Die Bundesliga spielt ab heute regelmäßig am Montagabend. "Unzumutbar", sagen die Fans. "Vielleicht habt ihr recht", sagen die Vereine. Heuchlerischer geht es kaum.

Stuttgarter Fans protestieren
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Stuttgarter Fans protestieren

Ein Kommentar von Christian Woop


DFB-Präsident Reinhard Grindel, Vize Rainer Koch und DFL-Chef Christian Seifert haben wahrscheinlich noch nie gemeinsam in einem Boot gesessen. Dabei beweisen die drei Funktionäre gerade, dass sie ziemlich synchron zurückrudern können.

Heute Abend wurde die Partie zwischen Eintracht Frankfurt und RB Leipzig angepfiffen, das erste Montagsspiel der Bundesligasaison. Für viele Fans ist die Ansetzung am Wochenbeginn um 20.30 Uhr ein Tabubruch. Knapp 400 Kilometer mussten die Leipziger an einem Arbeitstag zurücklegen, um das Spiel ihrer Mannschaft im Stadion sehen zu können. Wohlgemerkt pro Strecke. Urlaubstage oder einen Krankenschein zu nehmen, ist da fast unausweichlich.

Für Fans - vom Ultra bis zum einfachen Stadiongänger - ist der Termin am Montagabend ein weiterer Schritt in der Kommerzialisierung des Fußballs. Dem hält die DFL vor allem zwei Argumente entgegen: Entlastung der Europa-League-Starter, die donnerstags spielen, und Schutz des Amateurfußballs. Beide können nicht überzeugen.

Entlastung? Zwischen Donnerstag und Montag liegen drei volle Tage der Regeneration. Zwischen Mittwoch, dem Anstoßtermin der Champions League, und Samstagnachmittag nur zwei Tage. Darüber beschwert sich auch niemand. Warum also der Montagabend? Zwei Partien sonntags um 18 Uhr anzusetzen, hätte den einzigen Nachteil, dass die DFL sie nicht so gut vermarkten kann wie zwei Partien zu unterschiedlichen Uhrzeiten. Die Spieler könnten sich darüber hinaus sicherlich auch erholen, wenn sie nicht dauernd zu Test-Länderspielen oder Marketingtouren nach Asien reisen müssten.

Schutz? Es soll also der Amateurfußball geschützt werden, der durch die Einführung der Sonntagsspiele systematisch angegriffen worden ist? Bei diesem Thema ändert der DFB seine Meinung sehr gerne. Im Grundlagenvertrag aus dem Jahr 2009 garantierte der Verband den Amateurvereinen, sonntags keine Bundesligaspiele vor 15.30 Uhr auszutragen. 2016 war maximal ein Spiel vor 15.30 Uhr festgeschrieben. Was im Grundlagenvertrag 2023 geschrieben stehen wird, darüber lässt sich aktuell natürlich nur spekulieren. Geringer wird die Anzahl gewiss nicht. Wahrscheinlich ist es auch in dieser Saison reiner Zufall, dass fünf Partien um 13.30 Uhr - marktgerecht für Asien - angepfiffen werden.

Populistische Bedenken

Nicht nur der Verband sollte seine Rückruder-Taktik hinterfragen, auch die Vereine. Es ist populistisch, in der Öffentlichkeit seine Ablehnung gegenüber Montagsspielen zu zeigen, wie es etwa Hans-Joachim Watzke oder Axel Hellmann getan haben, wenn man vorher die Millionen des neuen TV-Vertrags eingesteckt hat.

Solche Krokodilstränen sind nicht nur billig, sondern auch völlig wirkungslos. Aussichtsreicher ist der Protest der aktiven Fanszenen, seien es Spruchbänder oder kompletter Boykott. So wie es die Fans von Borussia Dortmund im Montagsspiel gegen Augsburg (26.2., 20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) machen werden. Wie will die DFL die zweifellos großartige deutsche Fankultur vermarkten, wenn statt Fahnen nur große graue Betonblöcke auf der Südtribüne zu sehen sein werden? Ähnliche Aktionen wie die Initiative "Kein Zwanni" oder "12:12 - Ohne Stimme keine Stimmung" zeigten in der Vergangenheit Erfolge.

Die Zweite Bundesliga hat seit Jahren mit fanunfreundlichen Anstoßzeiten zu kämpfen: montags oder unter der Woche am frühen Abend. Das Phänomen zieht sich bis in die Regionalliga hinunter. Sport1 zeigt montags ein Spiel der höchsten Amateurklasse. Geschützt werden die Klubs so nicht.

Zuschauermagneten wie der BVB oder die Frankfurter Eintracht haben größeres Potenzial, die Ablehnung der Montagsspiele nun im Stadion kundzutun - wie es die beiden Fanszenen bereits machten, als sie Helene Fischer in der Halbzeitpause des Pokalfinales gnadenlos niederpfiffen.

Schon jetzt zeigt die Haltung der Fans Wirkung. Erst heute veröffentlichte die DFL ein Schreiben, in dem es heißt, dass eine Ausweitung der Montagsspiele nicht geplant sei. Vor drei Wochen gab es eine fast identische Meldung - mit einem Unterschied. Damals stand dort mit großem Interpretationsspielraum geschrieben, "derzeit" sei das nicht geplant.

Die Bootsbesatzung Grindel, Koch und Seifert ist also mal wieder erfolgreich zurückgerudert. Jetzt müssen sie nur noch bei den Fans landen.

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insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
_spiegelvorhalter 19.02.2018
1. sehr schön!
Die fadenscheinigen Argumente geschickt seziert und die Heuchler enttarnt. Das gefällt dem spiegelvorhalter, hoffe Beiträge des Autors sind in Zukunft öfter hier zu finden!
ge1234 19.02.2018
2. Tja,...
.... so ist das mit den Zitronen, irgendwann sie komplett ausgepresst, dann kann man sie wegwerfen! Bravo DFL, Du sägst an Deinem eigenen Ast!
ekel-alfred 19.02.2018
3. Bleibt Zuhause!
Bleibt alle Zuhause und boykottiert diesen Scheixx. Niemand stirbt, wenn er mal ein Fußballspiel verpasst. Nur so wird ein Einlenken erzwungen. Leere Stadien will niemand. Auch mit den Freitags und Sonntagsspielen wurde der Fan seinerzeit über den Tisch gezogen. Wenn ihr den Montag zulasst, dann kommt demnächst auch noch der Dienstag hinzu. Bald dauert dann ein Spieltag eine Woche.....
grommeck 19.02.2018
4. Nicht hingehen, schon ändert sich was....
Oder ganz kündigen, SKY z.B..... ich laß mein Geld demnächst woanders und nicht mehr den Balltretermillionären, das hat sich erledigt.
hdudeck 19.02.2018
5. Ist doch normal, wenn
ein Unternehmen sein Gewinn maximieren will oder besser muss Gute Spieler wandern dahin wo es das meiste Geld gibt. Hier die Alternative ohne Wochentag Spiele, Bundesliga mit B und C Spielern und entspechende langweilige Spiele oder hochklassige auch am Montag. Jeder kann da waehlen. Und die meisten sogenannten Fans (Ultras) halten andere Besucher (die mit Familie) vom Besuch der Stadian up. Die brauch kein Mensch !
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