Von Daniel Theweleit, Leverkusen
Eigentlich ist Jürgen Klopp nicht gerade bekannt dafür, ein großer Freund des Understatements zu sein. Nur in seinen größten Momenten, nach dem Meistertitel 2011 zum Beispiel, als er behauptete, jeder Trainer wäre mit diesen Spielern Meister geworden, wagt er Ausflüge in die Welt der Bescheidenheit. So gesehen können die Experten, die das 2:3 (0:2) von Bayer Leverkusen gegen Borussia Dortmund spontan zum bisher besten Saisonspiel erklärten, Klopps Analyse als Bestätigung begreifen. "Ich glaube, wenn man Spitzenspiel draufschreibt und dann so etwas wie heute drinnen ist, dann ist das sehr in Ordnung", sagte Dortmunds Trainer nach einem Fußballabend, der selbst den Verlierern ein Lächeln des Entzückens ins Gesicht gezaubert hatte.
André Schürrle berichtete von dem "großen Spaß", den er auf dem Rasen gehabt hatte, nach dem Schlusspfiff durften sich beide Teams von den gut 30.000 singenden Zuschauern in der erstmals in dieser Saison ausverkauften Leverkusener Arena feiern lassen. Es war ein rasantes Spiel von höchster Intensität, mit fünf Toren, einem Dutzend wunderbarer Chancen und erstaunlichen Wendungen sowie genügend Lücken in den Defensivreihen, die auch notwendig sind für ein echtes Spektakel. "Das war ein würdiges Spiel von einem Zweiten gegen einen Dritten", sagte Schürrle.
Nur Stefan Reinartz, dem es gelungen war, das frühe Dortmunder 0:2 mit zwei Treffern innerhalb von fünf Minuten zu egalisieren (58./62. Minute), interpretierte die Partie anders. "Die Dortmunder hatten heute einen schlechten Tag, die haben uns riesige Räume gelassen", sagte Bayers Mittelfeldspieler. Das 0:0 in Freiburg in der Vorwoche sei das "viel bessere Fußballspiel" gewesen. Aber das war die Sicht eines Spezialisten, der tief drinnen steckt in den taktischen Details so einer Partie und für den der Unterhaltungswert keine Rolle spielt.
Dortmund mit weniger Fehlern und reiferer Mannschaft
Immerhin war Reinartz mit seiner Bewertung schon einen Schritt weiter als Jürgen Klopp, der noch über die tieferen Zusammenhänge dieser Partie rätselte. "Ich bin nicht ganz sicher, ob das an der Qualität des Gegners lag, oder an uns selber", sagte der Meistertrainer zu den vielen Lücken in der BVB-Defensive. 26 Torschüsse wie an diesem Abend hatte sein Team in den vergangenen Jahren jedenfalls nicht oft zugelassen. "Wir waren heute offensiv richtig stark", sagte Leverkusens Trainer Sascha Lewandowski, der allerdings mit den Fehlern in der Defensive haderte.
Vor dem zweiten Treffer war Bernd Leno ein langer Ball missraten, in dessen Folge er dann auch noch einen Elfmeter versuchte, den Jakub Blaszczykowski verwandelte (9.), und vor dem 2:3 verpatzte Philipp Wollscheid einen Rückpass auf Leno. Der überragende Robert Lewandowski, der schon das 0:1 durch Marko Reus vorbereitet hatte (3.), traf zum entscheidenden 3:2 (64.). "Das war ein Spiel zweier Spitzenmannschaften und am Ende hat das Team gewonnen, das weniger Fehler gemacht hat", fasste Wollscheid die Partie zusammen und räumte ein, dass sein Missgeschick vor dem Dortmunder Siegtreffer das Team "um seinen Lohn gebracht" habe.
Besonders bitter war das Tor für die Rheinländer, weil es genau in jener emotional aufgeladenen Situation fiel, als die Leverkusener sich über das Gelingen ihrer beeindruckenden Aufholjagd freuten. Die Arena tobte noch, weil gerade der Ausgleich gelungen war, die Dortmunder wirkten angeschlagen angesichts des Dauerdrucks. Verzweifelt versuchte der BVB, den zur Pause eingewechselten Sidney Sam in den Griff zu bekommen, "aber dann waren wir zu wild, da hat uns etwas das Abgeklärte gefehlt", sagte Lewandowski.
Am Ende gewann nämlich nicht nur das Team, das weniger Fehler gemacht hatte, sondern die Mannschaft, die ein klein wenig reifer ist. "Jetzt stehen wir wieder auf dem zweiten Platz, wo wir hingehören", sagte Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, er hätte noch dazu sagen können: und Bayer Leverkusen auch.
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