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Mainzer Geis: Jungstar in der Kommandozentrale

Von , Mainz

Mainz-Spieler Geis: Von Fürth an den Rhein Fotos
Getty Images

Johannes Geis ist bei Mainz 05 der Newcomer dieser Saison. Der 20-jährige Mittelfeldspieler beeindruckt auch die Konkurrenz mit seiner Übersicht und Ruhe am Ball. Er ist der Jüngste im Mainzer Profikader, doch selbst die Altgedienten hören auf ihn.

Es kommt immer wieder vor im Leben, dass man Menschen unterschätzt. Dass man sich blenden lässt von Aussehen, Alter, Ausdrucksvermögen, und sich irgendwann die Augen reibt vor lauter Erstaunen. Johannes Geis ist so ein verblüffender Mensch.

Im normalen Leben tritt er auf wie ein Teenager in weiten Trainingshosen, die Baseballkappe verkehrtherum auf dem Kopf, der Blick darunter schüchtern. Auf dem Fußballplatz aber verändert sich alles. Dort wächst der 20-Jährige von Mainz 05 zum bestimmenden Spieler, er scheint plötzlich größer und lauter zu sein, und vor allem: erfahrener und abgeklärter als die meisten seiner Teamkollegen. Er dirigiert das Spiel der Mannschaft, auch die altgedienten Nicolce Noveski oder Bo Svensson, beide 14 Jahre älter als Geis, hören auf ihn.

Im Fußball-Leben ist Johannes Geis Kommandeur, und das Spielfeld ist seine Befehlszentrale. Wie das funktioniert mit gerade mal 20 Jahren? "Bei uns in der Mannschaft ist es für die älteren Spieler kein Problem, sich auch von den jungen was sagen zu lassen, wenn es dem Spiel hilft. Klar ist das etwas Außergewöhnliches, wenn ein 20-Jähriger einen 35-Jährigen auf dem Platz sagen kann, wo es langgeht, aber es funktioniert hier, weil die Mannschaft mir vertraut und wir einen echt starken Teamgeist haben", sagt Geis, und wenn er das mit seiner ruhigen Stimme erklärt, erscheint diese Rangordnung total logisch.

Marktwert hat sich seit dem Sommer vervielfacht

Sie ist trotzdem nicht selbstverständlich im Fußballgeschäft - und sagt gerade deshalb so viel über den Stellenwert des jungen Mittelfeldspielers im Mainzer Team. Erst im vergangenen Sommer kam Geis vom Absteiger Greuther Fürth, angeblich für 900.000 Euro Ablösesumme (zum Vergleich: Noveski ist seit 2004 Stammspieler beim FSV). Seit Geis' Ankunft in Mainz hat sich sein geschätzter Marktwert auf rund 4,5 Millionen Euro vervielfacht, große Clubs sind auf ihn aufmerksam geworden.

Dabei hatte es noch vor gut einem Jahr so ausgesehen, als ende die verheißungsvolle Karriere des Schweinfurters im Mittelmaß. 2008 war Geis in die U-16-Nationalmannschaft berufen worden, im gleichen Jahr wechselte er vom unterfränkischen TSV Großbardorf nach Fürth. Dort spielte er im November 2010 zum ersten Mal in der zweiten Liga, drei Monate später erhielt er einen Profivertrag. Er war dabei, als Fürth 2012 in die Bundesliga aufstieg, doch Trainer Mike Büskens konnte mit Geis, damals noch auf die Defensive spezialisiert, nur wenig anfangen.

"Er plante meist ohne mich, also spielte ich im vergangenen Jahr vor allem in der Regionalliga", sagt Geis. Er zuckt mit den Schultern, als wolle er sagen: So ist Fußball nun mal, das Leben geht weiter. Es mag diese Einstellung gewesen sein, dieses jugendliche Urvertrauen in die guten Absichten des Schicksals, das Geis trotz des Rückschlags wieder voranbrachte. Nachdem Büskens Fürth im Februar 2013 verlassen hatte, holte dessen Nachfolger Ludwig Preis Geis zurück in die erste Mannschaft. Preis kannte ihn aus der U23 und stellte den damals 19-Jährigen in die Startelf.

Sein erstes Bundesliga-Tor schoss Geis am 24. Februar 2013 in Nürnberg. Es war der Siegtreffer für Fürth, Geis wurde zum unverhofften Derbyhelden und war mit einem Schlag wieder da.

"Ich wusste sofort, dass ich richtig aufgehoben bin"

05-Trainer Thomas Tuchel musste ihn nicht lange überreden, nach Mainz zu kommen. "Ich habe mich mit ihm getroffen und er hat mir gesagt, was er mit mir vorhat und dass er mich fördern möchte. Ich wusste sofort, dass ich in Tuchels Team richtig aufgehoben bin", sagt Geis. Der Mainzer Coach vertraute seinem Neuling von Beginn an, zugleich profitierte dieser von der Verletzung Julian Baumgartlingers.

Mittlerweile ist Geis zum Fixpunkt auf der zentralen Sechser-Position geworden, in 26 von 27 Bundesliga-Spielen stand er für den Tabellensiebten auf dem Platz. Als Jüngster im FSV-Profikader ist er bei fast allen Statistikwerten in der Spitze vertreten, pro Spiel hat er die meisten Ballkontakte (65) und bereitet die meisten Torschüsse vor (4), die Anzahl seiner Pässe (35) wird nur von Baumgartlinger (44) übertroffen und seine Laufleistung (10,96 Kilometer) von Zdenek Pospech.

Ein Geheimrezept habe er für diesen Entwicklungssprung nicht, sagt Geis, nur: "Talent, ein bisschen Glück und viel üben." Oft bleibe er nach dem Training noch allein auf dem Platz zurück, um sich eine Mauer aus Plastikfiguren zu bauen und seine Standards zu verbessern; "bei Cristiano Ronaldo kommen die auch nicht von nichts". Der Ehrgeiz des Portugiesen imponiert Geis, doch sein Vorbild auf dem Platz ist Bastian Schweinsteiger: "Er hat eine gute Übersicht, bringt Ruhe ins Spiel und ist ein toller Leader."

Es sind ähnliche Worte, wie sie Tuchel und die anderen Teamkollegen nutzen, um Geis zu beschreiben, Beobachter heben gern seine ungewöhnliche Gelassenheit am Ball hervor. Man kann sich Geis auch nur schwerlich hektisch vorstellen, er liebe zwar "das Getümmel", sagt er, aber nur, um daraus in seiner Schaltzentrale wieder die Ordnung zwischen Offensive und Defensive herstellen zu können.

Er klingt wie ein Fußballphilosoph, wenn er von seinen liebsten Taktikzügen, von Ballbesitz, Pressing, Gegenpressing und vom Spiel des FC Bayern unter Josep Guardiola schwärmt. Derart überzeugend, dass man vergisst, was für ein zurückhaltender, junger Mann einem in in diesem Moment eigentlich gegenübersteht.

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