FC Bayern im Titelrennen Frustrierter Verfolger

Der 4:1-Erfolg gegen Stuttgart war der siebte Bundesligasieg in Folge für den FC Bayern. Dennoch geht Niko Kovac hart mit seinen Spielern ins Gericht. Der Blick nach Dortmund zerrt an den Nerven.

Niko Kovac
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Niko Kovac

Aus München berichtet Christoph Leischwitz


Eigentlich läuft es nach einem durchwachsenen Saisonstart gerade endlich rund beim FC Bayern. Niko Kovac hat mit seinem Team gegen den VfB Stuttgart gerade sein siebtes Bundesligaspiel in Serie gewonnen. Würde nicht nach jedem Sieg die Freude durch den Blick zum Titelrivalen aus Dortmund getrübt, der beharrlich in der Tabelle vorwegprescht.

So klang Trainerkollege Markus Weinzierl, der nach dem Spiel neben ihm saß, nach seiner vierten Niederlage in Serie mit dem abstiegsgefährdeten VfB trotzdem zufriedener als der Bayern-Coach. "Wir haben in der ersten Hälfte eine ordentliche Leistung gesehen, wir haben die hundertprozentige Chance zum 2:1", sagte Weinzierl schon fast schwärmerisch über sein Team. Dann übernahm Kovac das Wort und redete sich, zumindest für seine Verhältnisse, fast schon in Rage. Nach einem klaren 4:1-Erfolg.

Eigentlich sei man ja souverän gestartet mit dem frühen 1:0 durch Thiago (5.), aber dann habe der FC Bayern, Kovac sagte das tatsächlich, "35 Minuten überhaupt nicht stattgefunden". Er hatte schon während des Spiels oft unzufrieden gewirkt. Denn sein Team habe "zu langsam Fußball gespielt" und keine Mittel gefunden, hinter den Stuttgarter Abwehrriegel zu kommen. Dass die Schwaben nach dem Ausgleich durch Anastasios Donis (26.) beinahe auch noch die Führung erzielt hätten, sparte Kovac bei seiner Kritik-Kaskade sogar noch aus. Immerhin sei es in der zweiten Halbzeit besser gelaufen, das große Problem sei zurzeit: "Wir wollen Meister werden. Wir müssen zusehen, dass wir das 90 Minuten auf die Platte kriegen."

Kovacs Kommentare zum Spiel waren Beleg dafür, dass die Bayern weder mit sich noch mit der Gesamtsituation zufrieden sind. Wie schon beim Rückrundenauftakt neun Tage zuvor in Hoffenheim (3:1) gelang es dem Dortmund-Verfolger zwar über weite Strecken, seine individuelle Klasse auszuspielen. Aber eben nicht über die gesamte Spielzeit. So richtig gut sah es erst beim 4:1 durch Robert Lewandowski aus (85.), einem Sololauf, der zu seinem 99. Pflichtspieltor in der heimischen Arena führte. Denn beim 2:1 durch Serge Gnabry hatte Stuttgarts Kapitän Christian Gentner den Ball unglücklich ins Kreuzeck abgefälscht (55.), beim 3:1 hatte sich Leon Goretzka nach einem Eckball durchgesetzt (71.).

"Kommen noch andere Gegner"

Der 23-Jährige stand hernach mit einer dick bandagierten rechten Hand in der Interviewzone und meinte: "In der Hinrunde hätten wir wahrscheinlich noch Unentschieden gespielt." So etwas spuke einem ja auch im Kopf herum. Deshalb sei es doch Zeichen einer positiven Entwicklung, dass man diesmal die Kurve gekriegt und noch so deutlich gewonnen habe. Sehr viel mehr Positives gab es aber nicht zu berichten. Zumal genau wie in Hoffenheim dem eigenen 3:1 ein Beinahe-2:2 des Gegners vorausgegangen war. "Das müssen wir ansprechen. Da kommen ja noch andere Gegner in den kommenden Wochen", sagte Goretzka. Man habe wohl nach dem frühen 1:0 einen Gang runtergeschaltet.

Wie motiviert man sich, wenn der BVB am Vortag schon wieder eindrucksvoll vorgelegt hat? Im vergangenen Mai, als die Bayern schon Meister waren, hatte Stuttgart in der Allianz-Arena tatsächlich 4:1 gewinnen können. Aber auch das Gefühl, sich dafür revanchieren zu wollen, wollte nach dem frühen 1:0 offenbar nicht aufkommen. Wobei Trainer Kovac sowieso kein Verständnis dafür aufbringt, dass die Motivation offenbar gar nicht selbstverständlich ist. "Ich glaube, dass jeder dachte: Okay, es steht 1:0, das wird schon, das schaffen wir mit links. Aber in der Bundesliga geht gar nichts mit links!" Erst recht nicht, wenn Spitzenreiter Borussia Dortmund noch souveräner gewinnt als die Bayern.

Leon Goretzka (r.)
REUTERS

Leon Goretzka (r.)

Die Spieler beider Teams trugen in etwa die gleiche Stimmung wie ihre Trainer mit sich. Während Stuttgarts Torwart nach immerhin vier Gegentreffer davon sprach, die Bayern "geärgert" zu haben, legte auch Bayerns Rechtsverteidiger Joshua Kimmich den Finger in die Wunde. "Wir müssen jedes Spiel gewinnen", sagte er, von daher glaube er eigentlich nicht, dass irgendjemand einen Gegner unterschätze. Denn: "Wenn wir nochmal Punkte liegen lassen, ist es so gut wie vorbei." Mit der Meisterschaft. Mit anderen Worten: Wir könnten mit einem 4:1 schon leben. Wenn wir nicht immer noch sechs Punkte hinter Dortmund stehen würden.

Die Verfolgerrolle füllen sie beim FC Bayern eben noch nicht ganz so meisterlich aus.

FC Bayern München - VfB Stuttgart 4:1 (1:1)
1:0 Thiago (5.)
1:1 Donis (26.)
2:1 Gentner (55., Eigentor)
3:1 Goretzka (71.)
4:1 Lewandowski (84.)
München: Neuer - Kimmich, Süle, Hummels, Alaba - Martínez (46. Gnabry), Thiago - Müller (75. Rodríguez), Goretzka, Coman (86. Davies) - Lewandowski
Stuttgart: Zieler - Beck, Kabak, Kempf, Insúa - Gentner, Ascacíbar, Esswein (90. Sosa), Zuber (87. Didavi) - González, Donis (74. Thommy)
Schiedsrichter: Frank Willenborg
Zuschauer: 75.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Alaba / Gentner



insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
ardiles 27.01.2019
1. Erbärmlich ...
... war das Spiel von Thomas Müller so wie jedes Wochenende mittlerweile Andere auf der Bank haben ihre Chance schon längst verdient
Nonvaio01 27.01.2019
2. Kovac hat recht
evtl mal die aufstellung aendern?
bcpt8 27.01.2019
3.
Von der Hoffnung auf nachhaltigen Effekt auf das Publumsinteresse ist angesichts der aktuellen Handball-WM ja die Rede. Immerhin hat die "Platte" als deren Geläuf nun offenbar auch begrifflichen Einzug im Fußball gehalten. Wann endlich bringen die Handballer ihr sportl. Tagewerk "auf den Rasen" ö. ä.? ;-)
25alex67 27.01.2019
4. so what?
der bvb hat sein heimspiel gegen den tabellensiebzehnten der bundesliga 5:1 zuhause gewonnen. das mag die experten bei spon überrascht haben, ich fands jetzt eher normal. der fc bayern hat sein heimspiel gegen den vfb stuttgart 4:1 gewonnen. natürlich wie immer bei einem bayernsieg mit irre viel dusel und einem parteiischen schiedsrichter; alles andere wäre eine echte überraschung gewesen. bitter für alle, die darauf gehofft hatten. wenn der bvb jetzt einfach den rest der rückrunde so weiterspielt, dann wird der bvb meister, ganz egal, was die bayern machen. es liegt also nur am bvb. dass die bayern trotz 4:1 mit dem spiel nicht zufrieden sind spricht jetzt aus meiner sicht weder gegen kovac noch gegen die mannschaft. offenbar hat sie erkannt, dass sie schwächen hat. kann sie diese in den nächsten wochen beheben, sieht es gar nicht mal so schlecht aus. ob es dann zum meistertitel reicht, zum weiterkommen im dfb-pokal oder gar in der cl - wer weiss das schon? das bemühen ist zu erkennen, ich find das gut, und mir reicht das erstmal. sie können viel erreichen, aber wenns mal nicht klappt, weil andere besser sind, dann ist das eben so. spochtliche grüsse.
gammoncrack 27.01.2019
5. Schon witzig.
Wenn die Bayern jetzt 6 Punkte vor dem BVB stehen würden, würde geschrieben, dass sie ihren Stiefel einfach professionell runterspielen. So ändern sich die Zeiten.
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