Nordderby Hoffnung aus der Regionalliga

Das 107. Nordderby zwischen Hamburg und Bremen verlief so, wie man sich ein Spiel zwischen dem Tabellenvorletzten und dem Fünfzehnten vorstellen muss. Der Lichtblick eines zähen Fußballabends war ein 20-jähriger Japaner.

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Von Philipp Awounou


Man merkte Tatsuya Ito an, dass ihm die Aufmerksamkeit ein wenig unangenehm war. Der 20-Jährige ist es nicht gewohnt, die Aufnahmegeräte dutzender Journalisten vor die Nase gehalten zu bekommen: sehr leise sprach Ito, den Blick gesenkt, auf einige Fragen wollte ihm so recht nichts einfallen. Als jemand wissen möchte, wie groß er denn nun wirklich sei, lächelte der Japaner schüchtern und entgegnete: "Einhundertachtundsechzig - mit Schuhen."

Körperlich war Ito mit 1,68 Metern der kleinste Akteur auf dem Rasen - doch fußballerisch spielte er groß auf: Der Ball klebte an seinen Füßen, auf dem linken Flügel ging Ito immer wieder spektakulär ins Eins gegen Eins und ließ seine Bremer Gegenspieler gekonnt ins Leere laufen. Häufig war der schnelle, wendige Rechtsfuß nur per Foul zu stoppen. Von der Schüchternheit, die ihn abseits des Platzes begleitet, keine Spur.

"Er hat das heute grandios gemacht. Er hat auf großer Bühne bestätigt, was wir bereits seit Wochen im Training sehen", lobte HSV-Trainer Markus Gisdol seinen jungen Schützling, der im Nordderby (0:0) sein Startelf-Debüt in der Bundesliga feierte und einer der wenigen Lichtblicke dieser Partie war. Eine Woche zuvor, beim 0:3 gegen Leverkusen, war Ito erstmals eingewechselt worden. Der Japaner, der vor zwei Jahren aus Kashiwa in die Hansestadt kam, zeigte sich von seinem rasanten Aufstieg selbst überrascht: "Vor zwei Wochen habe ich noch in der Regionalliga vor 200 Leuten gespielt. Das hier ist schon ein bisschen anders."

"Das hier ist schon ein bisschen anders"
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"Das hier ist schon ein bisschen anders"

Während Ito die Umstellung spielerisch problemlos meisterte, war sein Körper mit dem neuen Belastungsniveau noch ein wenig überfordert: Nach nur 53 Minuten musste der Japaner ausgewechselt werden - mit Krämpfen in beiden Beinen. Seine schwächelnde Physis nahm ihm das Hamburger Publikum jedoch nicht übel: Unter stehenden Ovationen und tosendem Jubel verließ der Ito das Feld. Der Dribbelkünstler hat zweifellos das Zeug zum Publikumsliebling.

Doch so stark Itos Leistung auch war: Dass ein 20-jähriger Startelfdebütant im Duell zweier Bundesligisten der mit Abstand auffälligste Offensivspieler ist, sagt auch viel über die Qualität der restlichen 19 Feldspieler aus. Das 107. Nordderby, es war insgesamt eine fade, niveauarme Angelegenheit. "Man hat sich immer gewünscht, dass Ito an den Ball kommt", kommentierte Gisdol das spielerische Vermögen der Teams. Schlampige Zuspiele und zahlreiche Stockfehler störten den Spielfluss, geringe Risikobereitschaft und allgemeine Ideenlosigkeit verhinderten echte Torgefahr.

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Unentschieden im Nordderby: Nullnummer

Während Itos Flügelläufe die 54.000 anwesenden Zuschauer immerhin zu einigen begeisterten "Wows" und "Aaaahs" animierten, ernteten die verbliebenen Akteure überwiegend enttäuschte "Oooohs" und abwinkende Gesten. Das geschichtsträchtige Nordderby weckte größere Erwartungen, doch unterm Strich war es die Partie zwischen dem Tabellenvorletzten und dem Tabellenfünfzehnten - mit entsprechendem fußballerischem Reiz.

Vor heimischer Kulisse war der HSV immerhin noch das aktivere Team gewesen. Das Bemühen, sich zum 130. Klubgeburtstag mit dem 500. Heimsieg selbst zu beschenken, kann man der Mannschaft nicht absprechen. Das Vorhaben scheiterte jedoch, weil die Hamburger mit den wenigen sich bietenden Gelegenheiten schludrig umgingen. Aaron Hunt etwa trat Mitte der ersten Halbzeit den souveränen Beweis an, dass man einen Ball selbst aus zehn Metern Torentfernung noch in den Oberrang des Volksparks dreschen kann.

Bremens Ultras wurden erneut von der Polizei gestoppt

Die Bremer wiederum schafften es zumeist gar nicht erst in den gegnerischen Strafraum. Da Hamburg früh presste, kam Werder selten in einen geordneten Spielaufbau, wesentlich häufiger flogen hohe Bälle auf Stoßstürmer Ishak Belfodil, der vorne auf verlorenem Posten stand. Immerhin zeigte der wiedergenesene Zlatko Junuzovic nach seiner Einwechselung in der 63. Minute, dass er dem Team Struktur und Stabilität verleihen kann. Dass der Österreicher Bremens beste Chance durch Finn Bartels sehenswert vorbereitete (71. Minute), war kein Zufall. "Man hat gesehen, dass er auch in schwierigen Situationen gute Lösungen hat. Man erkennt direkt, wie wichtig er für unser Spiel ist", lobte Werder-Coach Alexander Nouri seinen Kapitän.

Mehr als eine Handvoll gelungener Passstafetten brachte Werder jedoch auch mit Junuzovic nicht zustande - ebenso wenig wie der HSV. Angesichts der wenigen Torraumszenen, kaum hitzigen Zweikämpfen und wenigen sonstigen Aufregern kann man es den Fans nicht wirklich vorwerfen, dass am Samstagabend nur selten Derbystimmung aufkam - zumal Bremens Ultras es gar nicht erst ins Stadion schafften: Sie wurden zum dritten Mal in Folge von der Hamburger Polizei festgehalten.

In der Hamburger Anhängerschaft befasste man sich indes lieber mit dem Lichtblick des Abends: Tatsuya Ito. O-Ton zweier HSV-Fans, die im strömenden Hamburger Regen den Heimweg antraten: "Das Nordderby ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Aber der Ito, der kann bleiben!"



insgesamt 3 Beiträge
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derhatschongelb 01.10.2017
1. Du liebe Güte,...
...der Junge hat zweidrei Dribblings gewonnen und musste nach 50 Minuten mit Krämpfen in BEIDEN Beinen runter. Jedes Mal, wenn er den Zweikampf verloren hatte, ließ er sich fallen, als ob Wyatt Earp ihn getroffen hätte. Das reicht schon aus, um eine Hoffnung für die Zukunft zu sein?
heinzi55555 01.10.2017
2. Neuer Star...
Da wird einer ganz schnell zum großen Star ausgerufen, nur damit von den jahrelang begangenen Fehlern der Vorstandschaft abgelenkt wird. Naja, vielleicht klappt es diesmal mit dem Abstieg. Würde mich für und mit dem HSV freuen.
buzi 08.10.2017
3.
Ito hat erfrischend gespielt. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist gut, dass Gisdol die jungen Spieler bringt und ihnen so eine Perspektive bietet. Vielleicht entwickelt sich dann mal einer zu einem richtig guten Spieler während er noch beim HSV spielt - und nicht erst, nachdem er woanders hin gewechselt sit (Boateng, Tah, Demirbay usw.)
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