Vorwürfe gegen Leipziger Ordner "Ihr seid hier im Osten!"

Sind Hamburger Fans von RB-Ordnern misshandelt worden? Schilderungen von HSV-Fans decken sich mit denen aus der Vergangenheit, als viele Hooligans den Leipziger Gästeblock als Ordner sicherten.

Hamburger Fans in Leipzig
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Hamburger Fans in Leipzig


Es dauerte nach dem Abpfiff des Bundesligaspiels zwischen RB Leipzig und dem HSV nicht einmal zwei Stunden, bis der erste Leserbrief in der SPIEGEL-ONLINE-Redaktion eintraf und von schweren Misshandlungen durch die Leipziger Security berichtete: "Diese sogenannten Ordner haben nach Spielende von sich aus aktiv Schlägereien gegen Gästefans ausgelöst (...). So hat ein Ordner auf eine am Boden liegende Person mehrfach mit Stahlkappenschuhen auf dessen Kopf eingetreten. Ein weiterer Ordner hat sogar ein Messer gezogen und Drohungen wie 'Ihr seid hier im Osten, Ihr Fotzen!' ausgesprochen". Es habe sich bei den Ordnern um "einschlägig bekannte Personen gehandelt, die der Leipziger Boxerszene zuzuordnen sind".

Bedauerlicherweise war der Leserbrief anonym, die Behauptungen lassen sich deshalb nicht verifizieren, sie widersprechen den Darstellungen der Polizei und des Securityunternehmens, das betont, man habe lediglich diejenigen Fans herausgezogen, die zuvor Pyrotechnik gezündet hätten. Sie decken sich aber mit vielen Aussagen, die auch das Hamburger Fanprojekt dokumentiert hat.

Und sie decken sich mit den Schilderungen von Gästefans aus Zeiten, in denen RB noch in der vierten und dritten Liga spielte, aber seine Spiele bereits im Zentralstadion austrug. Wie im Dezember 2013, als die Stuttgarter Kickers dort spielten und der damalige Drittligist danach auch auf seiner offiziellen Homepage von Übergriffen Leipziger Ordner berichtete: "Mit unverhältnismäßiger Härte" seien die Ordner "gegen die Kickers-Fans vorgegangen, wobei auch Frauen und Kinder in dem Block anwesend waren."

"Zeit, dass es was auf die Fresse gibt"

Ein Fan sei "brutal mit Fäusten niedergestreckt, ins Gesicht geschlagen und an den Hals gegriffen" worden. "Laut Augenzeugen sollen die Ordner dabei Spaß und eine gewisse Genugtuung gehabt haben." Im Fanforum der Kickers berichteten Teilnehmer der Auswärtsfahrt von Sprüchen wie "Zeit, dass es was auf die Fresse gibt." Jeder, der versucht habe, die Übergriffe der Ordner zu dokumentieren, sei ebenfalls angegriffen worden.

Fans mehrerer damaliger Ligakonkurrenten, die ihren Verein auf Auswärtsfahrt nach Leipzig begleitet haben, berichten SPIEGEL ONLINE, dass die Leipziger Ordner im Block kräftiger aussehende Gästefans gefragt hätten, ob sie nicht "Bock auf ein Match nach dem Spiel" hätten, sich also nach Abpfiff auf einer verabredete Schlägerei in unmittelbarer Stadionnähe treffen wollten.

Als SPIEGEL ONLINE im September 2016 bei RB Leipzig nachfragte, ob Schilderungen "von Vertretern mehrerer Fangruppen" zuträfen, "dass es bei Spielen in Leipzig - in der dritten und zweiten Liga - dazu gekommen ist, dass die Ordner in der Gästekurve versucht haben, Fans der jeweiligen Gastmannschaft zu fragen, ob sie zu Schlägereien bereit wären" und ob "nach dem feststehenden Bundesliga-Aufstieg Veränderungen beim Ordnerdienst vorgenommen" wurden, gab sich der Verein ahnungslos: "Die von Ihnen genannten angeblichen Geschehnisse sind uns jedenfalls nicht bekannt."

RB Leipzig glaubt seinem Sicherheitspersonal

Heute sagt der Verein, er sehe "keinen Grund für Zweifel an den Ergebnissen der Polizei und der Schilderung des externen Sicherheitsdienstes". Erst Anfang Januar habe es zudem zuletzt eine Schulung gegeben, an der 400 Ordner teilgenommen hätten.

In der Leipziger Fanszene werden die Schilderungen der Gäste allerdings bestätigt - und erklärt. Obwohl die meisten aktiven Fanszenen der dritten und zweiten Liga die Fahrten nach Leipzig boykottiert hatten, habe RB Sorgen gehabt, dass es zu Aggressionen aus den Gästekurven kommen könnte. Genau deshalb dürfte man dort auch Ordner eingesetzt haben, die physisch in der Lage sind einzuschreiten - nicht nur in Leipzig arbeiten viele Hooligans im Sicherheitsgewerbe.

Hat man damit den Bock zum Gärtner gemacht? Vieles spricht dafür. Wie bis zum HSV-Spiel vieles dafür sprach, dass RB Leipzig daraus auch die Konsequenzen gezogen hat. In den vergangenen eineinhalb Jahren habe sich die Lage jedenfalls entspannt, der Ordnungsdienst sei auch in der Gästekurve branchenüblich korrekt gewesen, heißt es in vielen Fanszenen, die in letzter Zeit in Leipzig waren.

Nicht nur unter den HSV-Fans fragen sich allerdings nun viele, ob RB im Spiel eins nach den Ausschreitungen von Dortmund wieder die alten Fehler begangen hat. Als "sehr glaubwürdig" bezeichnen jedenfalls auch Fans von RB Leipzig ("Jungs der Südkurve") die Schilderungen der Hamburger Fans. "Auch wir sehen hier RB Leipzig in der dringenden Pflicht die Vorfälle aufzuarbeiten. Wer mit familienfreundlichem und gewaltfreiem Fußball wirbt, muss sich auch um das Wohl seiner Gäste kümmern. Wir befürworten eine ordentliche und vollständige Aufarbeitung der Vorfälle durch den Verein."

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Seite 1
Josef B 16.02.2017
1. Das die Leipziger...
... alles andere als Kinder von Traurigkeit sind, haben sie gegen den BvB gezeigt. die Retourkutsche der Dortmunder mündete dann vor dem Stadion in Gewalttätigkeit. Aber vielleicht sollten sich die Leipziger auch mal fragen ob es auch an ihnen liegt. Wie sagt man: Wer Wind sät wird Sturm ernten. http://www.spiegel.de/sport/fussball/bundesliga-rb-leipzig-zwingt-bvb-fans-ihre-trikots-auszuziehen-a-1111901.html
Nordbayer 16.02.2017
2. Bei Fussball-
Ostern der Republik, noch dazu im Osten, würde mich das nicht wundern. Ich hatte einmal das "Vergnügen" eine fürchterliche Meute aus Dresden in Nürnberg zu erleben, da hatten mein Sohn und ich wirklich Angst. Alkoholisierte, hasserfüllte Radikale, die mit DDR-Fahne jeden "Wessi" übelst beschimpften und auf einige losgingen. Ich würde als Westdeutscher niemals ein Fußballspiel im Osten besuchen.
dns82 16.02.2017
3. Sturm?
Gut, dank folge ich mal ihrer "Logik": Weil RB auf die Einhaltung der Stadionordnung bestanden, (ob man das muss, kann man ja diskustieren), also völlig rechtens gehandelt hat, ist es in Ordnung wenn friedliche Fans, Frauen, Kinder gewaltätig angegangen werden!?
solltemanwissen 16.02.2017
4.
So kann man es natürlich auch machen: Man kauft sich die Hools einfach als "Sicherheitsdienst" ein. Sorry, damit ist Leipzig als Auswärtsspiel raus. Ein Sicherheitsdienst aus Hools... bei RB hätte ich da Angst um meine Gesundheit. Zumal der Club offenbar überhaupt nichts unternimmt.
hennesderachte 16.02.2017
5.
na, dann ist die Welt ja wieder in Ordnung. Auch der Retorten-Brause-Club ist böse zu den Gästefans. Da können sich die Bannerträger des wahren Fußballs wie Dortmund oder Hamburg endlich wieder etwas entspannter zurücklehnen. Ist jetzt aber in Bezug auf Leipzig mehr so Hörensagen und weniger gesichertes Wissen, wenn ich das richtig verstanden habe, oder?
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