Bundesliga-Presseschau "Doll zum Bleiben verdammt"

Thomas Doll und der Hamburger SV: die Durchhaltetragödie geht weiter. Statt den Coach zu entlassen, bestrafen die HSV-Verantwortlichen Doll auf eine andere Weise. Auch die Trainerposse beim BVB sorgt für Gesprächsstoff. SPIEGEL ONLINE und indirekter-freistoss.de blicken in den Blätterwald.


Viele Journalisten leiden mit Thomas Doll, der mit seinem HSV erneut verloren hat, diesmal 1:2 in Bochum. Oskar Beck (Welt) beschreibt ihn als jemanden, der gerade einer Zentrifuge entstiegen ist: "Die Vereinsbosse bestrafen ihn auf die humanste aller Arten: Thomas Doll wird zum Bleiben verdammt. Bei dem hinterlässt die Angst, dass es kein Entkommen gibt, mittlerweile tiefe Spuren. Wie ein Leichtmatrose bei schwerem Seegang hängt Doll über der Reling und ist kurz davor, sich den Magen über den Hals zu entleeren. Man kann ihn ungeschminkt kaum noch vor eine Kamera lassen – jedenfalls erinnert er immer öfter an Ernst Happel, dessen Tränensäcke zeitweise derart tief baumelten, dass er fast darauf ausgerutscht wäre und Max Merkel über ihn lästerte: 'Beethoven in der Endphase.' Am Samstag hat er ausgesehen wie jener schottische Kollege, der nach einer Niederlage vor der Presse sagte: 'Haben Sie noch Fragen, bevor ich gehe und mich aufhänge?' Der HSV-Trainer wird zum Protagonisten seiner eigenen, unendlichen Durchhaltetragödie."

Richard Leipold (Tagesspiegel) zeigt auf den Sportchef: "Um das Ausmaß des Schreckens zu erkennen, hätte es genügt, sich Dietmar Beiersdorfer anzuschauen. Er gab das schlimmere Bild ab. Als wäre er aus dem Reich der Schatten aufgetaucht." Rainer Seele (FAZ) lässt seinen Blick von Hamburg irritiert nach Dortmund schweifen, wo man sich nach der Saison vom Trainer trennen wird – spätestens, ergänzt der Autor: "Bert van Marwijk dürfte derzeit noch ein wenig schlechter dran sein [als Doll]. Er muss mit einem eigenartigen Beschluss der Borussia zurechtkommen: vor Vertragsende gehen, aber erst einmal bleiben – ein riskantes Unterfangen. Unruhe dürfte auf alle Fälle garantiert sein. In Dortmund selbst, wo die Mannschaft nun zunehmend auf Distanz zu dem vorzeitig scheidenden Niederländer gehen könnte. Auch in Bielefeld, wo das Dortmunder Buhlen um Thomas von Heesen den Alltag künftig erheblich stören wird. Ein klarer, schneller Schnitt der Borussia wäre wohl vernünftiger gewesen. Kann ja noch kommen, mit leichter Verzögerung."

Matti Lieske (Berliner Zeitung) rügt die Dortmunder Führung ruppig: "Bert van Marwijk ist gewiss kein Protagonist modernen Tempofußballs, und sein konservatives System trägt dazu bei, die Zuschauer in Scharen aus dem Westfalenstadion zu vergraulen. Dass er in Kalifornien, Verzeihung, Holland wohnt und den Spielern sowie sich selbst gern frei gibt, kommt hinzu. Doch ihm erst den Vertrag großherrlich bis 2008 zu verlängern und dann schon vor Weihnachten zu verkünden, dass 2007 Schluss sei, ist purer Mumpitz. Miserablen Stil stellt das offene Werben um einen anderen Trainer dar, der noch bei einem Konkurrenten unter Vertrag steht. Die Prognosen beim BVB sind jedenfalls einfach zu erstellen: Van Marwijk wird die Rückrunde nicht erleben, Thomas von Heesen wird nicht nach Dortmund, sondern zum HSV gehen, Alexander Frei wird nicht Torschützenkönig der Bundesliga werden und der BVB wird einen Weg nicht einschlagen: den nach oben."

Bewundernd stellt Sven Bremer (Financial Times) Torsten Frings als Rückenmark der Bremer dar: "Klose hat sich mit seinen beiden Treffern an die Spitze der Torjägerliste katapultiert, Diego spielte den Berlinern Knoten in die Beine – der überragende Mann war jedoch, wieder einmal, Frings: zentrale Anspielstation, Vorbereiter, Retter in höchster Not und Taktgeber des Bremer Spiels. Frings' Art, Fußball zu spielen, ist ein einziger Zweikampf. Und: Wer ein verlorenes Duell notiert, muss sich Sekunden später oft korrigieren. Dass Frings einen Ball verloren gibt, kommt so oft vor wie Schneefall auf den Malediven."

Marc Schürmann (Financial Times) bekennt sich vor der heutigen Partie gegen den MSV Duisburg mit Schrecken zum 1. FC Köln: "Früher der blaue Anzug, später die Kokslüge, heute eine Pressekonferenz zur Bekanntmachung eines postoperativen Hals-Nasen-Ohren-Befundes. Hätte Daum mehr Tassen im Schrank, wäre er wohl kein erfolgreicher Trainer, doch wenn ihm das Geschirr weiter ausgeht, könnte das ein Nachteil werden. Meine größte Sorge aber betrifft das Ende der Visionen, und zwar genau das Ende, in dem Overath und Daum und, wenn ich ehrlich bin, auch ich die Champions League sehen. Ich fürchte, Köln wird in seiner Gier nach Größe ein genauso verkommener und verschwenderischer Mistverein wie Dortmund, Hertha oder Schalke, ein Club, der zehnmal mehr Geld ausgibt, als er hat, Spieler kauft, deren Schnürsenkel mehr Charakter hat als sie selbst, und am Ende sein Leben dafür hergibt, so sein zu wollen wie der FC Bayern München. Aber den MSV putzen sie."



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