Bundesliga-Presseschau "Fußballterror abseits des grellen Rampenlichts"

Ausschreitungen in Augsburg, Berlin und Pforzheim - die Bundesliga geriet fast zur Nebensache. Von "Fußballterror", schreibt die "Stuttgarter Zeitung". Viel Kritik gibt es für Jürgen Klopp und den VfL Bochum. SPIEGEL ONLINE und indirekter-freistoss.de blicken in den Blätterwald.


Wolfgang Hettfleisch (Frankfurter Rundschau) betont aufrüttelnd die Diskrepanz zwischen dem Bild, was die Deutschen vom Fußball während der WM hinterlassen haben, und der gewaltvollen Realität in den Fan-Blöcken und S-Bahnen: "Es gibt gute Gründe, der allzu schlicht gestrickten Botschaft vom Blümchen-Patriotismus zu misstrauen, der im Fußball ein perfektes Vehikel fand. An diesem Wochenende zeigte sich bei Fan-Ausschreitungen in Augsburg, Berlin und Pforzheim, dass der Deutschen liebster Sport unverändert auch als Transportmittel für Hass und Gewalt dient. Der Befund kann nur jene überraschen, die im Ausnahmezustand während der WM eine Art neuer deutscher Normalität sehen wollten. Der Alltag auf vielen Fußballplätzen insbesondere der dritten und vierten Ligen sieht anders aus. Dort tobt sich auf den Rängen eine Minderheit aus, die einem Milieu angehört, das aus der aseptischen Erlebniswelt Bundesliga mit ihren Logen, 40-Euro-Sitzplätzen und Anti-Rassismus-Kampagnen weitgehend verdrängt wurde. Es gibt ein Prekariat der Fußballfans."

Peter Stolterfoht (Stuttgarter Zeitung) fordert das Investment des DFB und ein neues Gesetz: "Während die große Showbühne Bundesliga einigermaßen sicher geworden ist, spielt sich der Fußballterror mittlerweile abseits des grellen Rampenlichts ab – in der zweiten Liga, der Regionalliga, der Oberliga. Die großen Vereine haben das Geld für die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen und investieren auch in präventive Fanprojekte. In den unteren Klassen werden die deutlich geringeren finanziellen Mittel dagegen fast ausschließlich in den sportlichen Bereich investiert. Sich einen Fan-Beauftragten zu leisten, gilt vielerorts als unnötiger Luxus. Hier muss der Hebel angesetzt werden – und zwar vom DFB. Der reichste Sportverband der Welt müsste genug Geld übrig haben, um unterklassige Clubs im Kampf gegen Gewalt zu unterstützen. Im Gegenzug sollte die Lizenzvergabe auch davon abhängig gemacht werden, ob ein Verein der Gewalt und dem Rassismus entschieden entgegenwirkt."

Jörg Hahn (FAZ) findet Trost bei Werder Bremen: "Welch frostiges Klima für Deutschlands Lieblingsspiel! Nur gut, dass ausgerechnet eine Mannschaft aus dem angeblich so kühlen Norden kräftig auf den Blasebalg tritt, um die Flamme der Fußball-Begeisterung am Leben zu halten."

Mit skeptischen Augen beobachten die Journalisten mittlerweile Jürgen Klopp, der mit seinen Mainzern 1:6 gegen Werder Bremen verloren hat. Christoph Kneer (Süddeutsche) hält Klopp stichelnd vor, dass er zu sehr auf dieses Spiel, auf diese eine Karte gesetzt habe: "Es ist selten gut, wenn man ein Fußballspiel überlädt. Einen so hohen emotionalen Aufwand haben sie betrieben in Mainz, dass die Fallhöhe umso größer war. Sie haben nicht nur ihren Stadionsprecher in Stellung gebracht ('Heute hören wir van Halen, wie im Aufstiegsjahr!' 'Und jetzt die Wunderkerzen!'), sondern unter der Woche auch 'den besten Mannschaftsabend seit fünfzehn Jahren' gefeiert (Klopp). Sie haben den neuen Spielern DVDs aus dem Aufstiegsjahr vorgespielt, und auf der Mitgliederversammlung hat Klopp die Leute aufgefordert, zwanzig Sekunden die Augen zu schließen, um sich die alten Aufstiegsbilder vors geistige Auge zu rufen. Was er nicht wusste, ist, dass auch seine Abwehrspieler die Augen zumachten und dass sie sie nicht mehr aufgemacht haben bis zum Abpfiff (falls doch, haben sie schemenhaft Klose, Hunt oder Diego vorbeiflitzen sehen)."

Michael Eder (FAS) zersticht Klopps Wortballons: "Man muss sich das vorstellen wie im Zirkus. Riesiges Tamtam, volles Orchester, hektisches Ballyhoo, dann Vorhang auf – und statt des erwarteten Panthers kommt nur ein verwirrtes Mäuschen hervor, ein Mainzer Mäuschen, das vor einem echten Panther steht, einem Panther aus Bremen, der es in der Luft zerreißt. Alle Aktionen der Mainzer hatten sich als Schlagen im Schaum erwiesen – das ist das Risiko, das einer wie Klopp eingeht, wenn er unter der Woche trommelt wie ein Wilder, wenn er Emotionen schürt und einen Neubeginn ausgerechnet gegen diese überragende Bremer Mannschaft ankündigt. Das kann ins Auge gehen, das kann peinlich enden. Und so ist es gekommen."

Bochum spielt gegen Wolfsburg (0:1), und Richard Leipold (FAZ) schlägt die Hände vorm Gesicht zusammen: "Weder der VfL Bochum noch der Namensvetter aus Wolfsburg stehen in dem Ruf, die Bundesliga zu bereichern. Im unmittelbaren Vergleich sind die beiden Clubs aus der spielerischen Grauzone diesem Ruf gerecht geworden. Über dieses Spiel zu sprechen, bereitete keinem der beiden Trainer Vergnügen." Leipold zitiert Klaus Augenthaler: "'Ich habe damit gerechnet, dass wir schlecht spielen und gewinnen, aber dass wir so schlecht spielen, hätte ich nicht erwartet.' Das lässt ahnen, wie armselig dieses Treffen der kickenden Unterschicht war." Wie Bochum noch die Kurve kriegen will – Leipold hat keine Ahnung: "Der Tabellenletzte festigt seine Position und wirkt ganz so, als fügte er sich in ein sportliches Schicksal, das ihm alle paar Jahre bestimmt zu sein scheint. Keine andere Mannschaft hat im ersten Viertel der Saison so wenig Ermutigendes geboten wie das konturlose Ensemble aus Bochum."

Andreas Morbach (FR) pflichtet bei: "Das Duell zwischen den grauen Mäusen aus Bochum und Wolfsburg hielt alles, was es vorher nicht versprochen hatte."



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