Holstein Kiel vor dem Relegationsrückspiel Ein Drittel Hoffnung

Beeindruckt und besiegt - trotz der Kieler Niederlage im Relegationshinspiel in Wolfsburg schöpft der Außenseiter Mut aus den letzten 30 Spielminuten.

Kiels Dominik Schmidt (l.) und Johannes van den Bergh
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Kiels Dominik Schmidt (l.) und Johannes van den Bergh

Von , Wolfsburg


Vor dem 3:1-Sieg gegen Holstein Kiel gab die Stadionregie dem Vorsänger der Wolfsburger Ultras das Mikrofon. Der junge Mann schwor die Kurve auf das anstehende Relegationsspiel an. Darauf, dass "ganz Deutschland uns heute den Abstieg wünscht." Und darauf, dass "unser 73 Jahre alter Arbeiterverein" nun zeigen könne, dass er sich ein weiteres Jahr erste Liga verdient habe. Großer Jubel im Wolfsburger Teil des ausverkauften Stadions. Und Pfiffe aus der gut gefüllten Gästekurve.

Nach dem Spiel waren die Reaktionen einheitlicher. Beide Kurven applaudierten ihren Spielern. Alle waren sich einig, dass sie im Gegensatz zu den zum Teil schlimmen Kicks der letzten Jahre diesmal ein richtig unterhaltsames Spiel gesehen hatten. Wolfsburg war eine Stunde lang die bessere Mannschaft. Individuell - das war zu erwarten gewesen. Aber auch als Mannschaft, die ansehnlichen, temporeichen Fußball zeigt, ohne dabei das Kämpfen zu vergessen.

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VfL-Sieg im Hinspiel der Relegation: Wissen, wo das Tor steht

Weder guten Fußball noch Kampf haben die VfL-Fans in dieser Spielzeit oft genug von ihrer Mannschaft gesehen. Im Hinspiel der Bundesliga-Relegation sahen sie gleich beides. Aber eben nur zwei Drittel des Spiels, knapp 60 Minuten lang. Die anderen 30, das letzte Drittel, spielte Kiel so stark, dass Holstein-Trainer Markus Anfang zu Recht mit dem Ergebnis haderte: "Wir hatten so viele Chancen am Ende. Da sagt keiner etwas, wenn wir hier noch zwei Tore mehr schießen."

Die schossen sie aber nicht - weder Alexander Mühling noch Aaron Seydel noch Marvin Ducksch trafen das Tor. Und deswegen stapften nach dem Spiel auch einige sehr angesäuerte Kieler Spieler an den Journalisten vorbei. Regelrecht geladen war Verteidiger Dominik Schmidt. Man habe sich anfangs "beeindrucken lassen", schnaubte er. Von der Kulisse, dem Wolfsburger Stadion, das im Vergleich zum heimischen Fußball-Kistchen doch geradezu riesig ist? Schmidt schaute, als habe ihm da jemand unterstellt, er fürchte sich in der Geisterbahn. "Wir könnten auch bei Real Madrid spielen - wir wollen immer gewinnen."

Relegationsspiele zur Bundesliga

Jahr Zweitligist Ergebnis Erstligist Hinspiel Rückspiel
2009 FC Nürnberg 5:0 Energie Cottbus 3:0 2:0
2010 FC Augsburg 0:3 FC Nürnberg 0:1 0:2
2011 VfL Bochum 1:2 Mönchengladbach 0:1 1:1
2012 Fortuna Düsseldorf 4:3 Hertha BSC 2:1 2:2
2013 FC Kaiserslautern 2:5 TSG Hoffenheim 1:3 1:2
2014 Greuther Fürth 1:1 (Auswärtstor) Hamburger SV 0:0 1:1
2015 Karlsruher SC 2:3 Hamburger SV 1:1 1:2 n.V.
2016 FC Nürnberg 1:2 Eintracht Frankfurt 1:1 0:1
2017 Eintracht Braunschweig 0:2 VfL Wolfsburg 0:1 0:1
2018 Holstein Kiel VfL Wolfsburg 1:3 21. Mai

*gefettete Teams haben sich in der Relegation durchgesetzt

Einschüchternd sei nicht die Kulisse gewesen, sondern die Tatsache, dass real existierende Wolfsburger Kicker auch noch richtig gefightet hätten. "Dass wir am Anfang nicht so aggressiv waren wie am Schluss- das müssen wir uns vorwerfen." Im Rückspiel werde man das anders machen, schob er noch nach. Und wer Schmidt und seinen Blick sah, ahnt, dass der Montag ein anstrengender Abend für die Wolfsburger werden könnte. "Ich hoffe, dass sie so auftreten wie in den letzten 30 Minuten. Und ich hoffe, dass wir dann 2:0 gewinnen", sagte Schmidts Kollege Alexander Möhring kurz darauf. Und wirkte in dem Moment nicht wie einer, der irgendetwas erhofft. Sondern wie einer, der sich ganz sicher ist, dass das auch passieren wird.

Wolfsburger Dauerthema "Mentalität"

Aus Wolfsburger Sicht hätte man das Kieler Trommeln in eigener Sache leicht kontern können. Der VfL war schließlich eine Stunde lang deutlich überlegen, sein Zwei-Tore-Vorsprung ist eine komfortable Ausgangslage fürs Rückspiel. Es deutet also alles darauf hin, dass es der VfL sein wird, der im kommenden Jahr wieder in der Bundesliga spielen wird. Und nicht die mutigen Kieler, die ja erst im Sommer aus der Dritten Liga aufgestiegen und die eine Spielanlage zeigen, die man vielen Erstligisten nur wünschen kann.

Doch da wäre eben das Wolfsburger Dauerthema: Bruno Labbadia hatte im Vorfeld der Partie davon gesprochen, dass "Mentalität eine Rolle spielen" werde. Er weiß ja auch, weshalb der VfL überhaupt erst in die beiden Relegationsspiele musste. Am Donnerstag hat sich die Mannschaft geläutert gezeigt. Sie hat spielerisch und kämpferisch überzeugt und einen Fußball auf den Platz gebracht, der das Publikum immer wieder applaudieren ließ. 60 Minuten lang ging das so. Danach spielte der VfL wieder den Fußball, der einen Verein mit einem Spitzen-Etat im zweiten Jahr hintereinander auf den drittletzten Rang brachte.

In Kiel hoffen sie nun darauf, dass die launischen Wolfsburger am Montag (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) über 90 Minuten so spielen wie am Donnerstag im letzten Drittel. Viel mehr als das bleibt ihnen nach dem Ergebnis vom Hinspiel auch nicht.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
jan2118 18.05.2018
1. Nicht schlecht liebe Kieler!
Als gebürtiger Hamburger, der auch mal in Kiel gewohnt hat freue ich mich auf ein Jahr voller Derbys im nächsten Jahr: HSV gegen St.Pauli gegen Holstein Kiel...
jean-baptiste-perrier 18.05.2018
2. Mühling und nicht Möhring!
Aus dem Artikel: ""Und ich hoffe, dass wir dann 2:0 gewinnen", sagte Schmidts Kollege Alexander Möhring kurz darauf." -------------- Zitat Ende -------------- Nee, der heißt Mühling und nicht Möhring! Die Idee sich über 90 Minuten zu einem 2:0 zu zittern, ist nicht gerade was für Holstein - so ein Taktieren geht bestimmt schief. Bitte den Taschenrechner beiseite legen! Stattdessen braucht es einen Sturmlauf an der Ostsee. Kantersieg ist das Stichwort. 4:1 oder 5:2 so in der Richtung. Das kann Holstein. Aber nicht ein 2:0 womöglich 60 Minuten verteidigen. Dafür hat die Kieler Abwehr nicht genug Beton zur Verfügung und Kronholm hat ab und zu auch einen Aussetzer. Für Holstein Kiel gilt: Angriff ist die beste Verteidigung. So wie die letzten rund 30 Minuten in Wolfsburg. Bloß vorher mal etwas mehr Zielwasser trinken! Und bitte, kann mal einer aus dem Trainer-Team der Kieler insbesondere Marvin Duksch das Kaugummi kauen während des Spiels (!) austreiben. Dann würde der noch besser treffen.
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