Leverkusen unter Trainer Lewandowski Bayers neuer Biss

Den Aufschwung zum Bayern-Jäger Nummer eins verdankt Leverkusen vor allem Sascha Lewandowski. Der junge Trainer lässt Bayers einstige Schönspieler grätschen und kontern, ein heilsamer Wandel für den ganzen Club. Das letzte Wort hat dennoch ein anderer.

dapd

Von , Leverkusen


Arsène Wenger, Trainer des FC Arsenal und großer Liebhaber des gehobenen Fußballgenusses, hat einmal von jenen kostbaren Momenten erzählt, in denen sich seine "Idealvorstellung des Fußballs auf dem Rasen verwirklicht". Wenn Tempo, technische Kunstfertigkeit und Ideenreichtum "zu einem perfekten Spielzug" verschmelzen, verspüre er sein höchstes Trainerglück, so der Franzose. Oft sei das aber noch nicht vorgekommen.

Sascha Lewandowski, der seit vergangenem Frühjahr gemeinsam mit Sami Hyypiä die Bundesliga-Fußballer von Bayer Leverkusen trainiert, kennt dieses Gefühl. Aber der 41-Jährige verspürt seine beruflichen Höhepunkte in anderen Situationen. Nach wenig ansehnlichen, aber hart erkämpften Erfolgen wie dem 3:2 nach Verlängerung im DFB-Pokal bei Arminia Bielefeld zum Beispiel. "Das sind die Momente, aus denen man als Trainer eine unheimliche Befriedigung zieht", sagt der im Ruhrpott aufgewachsene Lewandowski: "Da hast du vielleicht fünf Minuten, wo du denkst: geil."

Der mühsame 1:0 (1:0)-Erfolg gegen den 1. FC Nürnberg, der Bayer Leverkusen zum großen Gewinner des vergangenen Spieltages machte, war ebenfalls einer dieser Siege, die Lewandowski besonders stolz machen. Statt sich in ihrer spielerischen Überbegabung zu verheddern, ackerten, grätschten und rannten die Leverkusener bis an die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit. Genau das sieht der Plan des Trainer-Duos vor. "Wir wollen den Eindruck bekämpfen, dass Bayer Leverkusen unter einem gewissen Phlegma leide", sagt Lewandowski. "Wir wollen auch mal diesen Biss rüberbringen, der einfach nötig ist, um richtig erfolgreich zu sein."

Dass das in dieser Saison ganz hervorragend klappt, zeigte jüngst auch Leverkusens Auftreten in der Europa League. Schon vor dem letzten Gruppenspiel gegen Trondheim (1:0) hatte sich Lewandowskis Team für das Achtelfinale qualifiziert.

Ein filigraner Künstlertyp wie Renato Augusto spielt dabei nur noch eine Nebenrolle, das 4-3-3-System mit drei Sechsern wird von unermüdlich arbeitenden und körperlich robusten Spielern wie Stefan Reinartz, Lars Bender, Stefan Kießling oder Daniel Carvajal geprägt. Und fürs Konterspiel, das zweite wichtige Stilmittel der neuen Leverkusener, haben sie die Sprinter André Schürrle und Gonzalo Castro.

Schon 25 Trainerjahre

Aber über Taktik spricht Lewandowski eher selten, sein Lieblingsbegriff lautet: "Mentalität". Dieses böse Wort, das die Leverkusener regelmäßig in eine Art Alarmzustand versetzt, seit Bruno Labbadia vor drei Jahren einen Ort Namens "Komfortzone" definierte, in dem die Profis nach Ansicht des damaligen Bayer-Trainers ein allzu bequemes Fußballerleben führten. Das verderbe den Charakter, so Labbadia, und dieser Vorwurf hallte fast drei Jahre nach.

Neuerdings sind sie jedoch stolz auf ihren Charakter. Nach dem Sieg gegen den 1. FC Nürnberg lobte Lewandowski ungefragt und nicht zum ersten Mal die "Mentalität der Mannschaft, die sich an so einem Tag, wo es nicht so gut läuft, einfach durchbeißt".

Lewandowski hat schon mit 16 Jahren seine erste Mannschaft übernommen: die D-Jugend von Eintracht Dortmund, ein Verein, der damals erfolgreichere Nachwuchsteams stellte als die große Borussia. Weil Verletzungen die eigene Fußballerkarriere beim damaligen Drittligisten VfR Sölde stoppten, übernahm er im Alter von nur 22 Jahren die U17-Mannschaft von Wattenscheid 09 - damals noch ein hoch ambitionierter Club. Nebenher schrieb er für die Sportredaktion der "Ruhr Nachrichten", nach einigen Jahren als Nachwuchstrainer beim VfL Bochum kam er dann im Jahr 2007 in die Jugendabteilung von Bayer Leverkusen. Er blickt also nach 41 Lebensjahren bereits auf 25 Trainerjahre zurück.

"Das letzte Wort", sagt Sportdirektor Rudi Völler, habe trotzdem Sami Hyypiä, der ruhige Finne mit der großen Profikarriere. Der langjährige Innenverteidiger des FC Liverpool kennt die Tücken englischer Wochen und weiß besser als Lewandowski, wie man mit den Eitelkeiten und Machtansprüchen hochbezahlter Stars umgeht.

Aber Hyypiä ist nicht der Mann, der aufrüttelt, der die emotionalen Kräfte weckt, von denen Bayer Leverkusen im Moment getragen wird. "Entscheidend ist dieser Wille, diese Leidenschaft, diese Laufbereitschaft, die wir in diesem Jahr an den Tag legen", sagt Lars Bender. Und diese Merkmale hat Lewandowski dem derzeit ambitioniertesten Bayern-Verfolger injiziert.

insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
frubi 07.12.2012
1. .
Zitat von sysopdapdDen Aufschwung zum Bayern-Jäger Nummer eins verdankt Leverkusen vor allem Sascha Lewandowski. Der junge Trainer lässt Bayers einstige Schönspieler grätschen und kontern, ein heilsamer Wandel für den ganzen Club. Das letzte Wort hat dennoch ein anderer. http://www.spiegel.de/sport/fussball/bundesliga-sascha-lewandowski-mit-bayer-leverkusen-auf-platz-zwei-a-870503.html
Mir wird bei der gesamten medialen Betrachtung zu viel auf die Trainer geschaut. Wenn die Manschaft Erfolg hat, ist der Trainer ein Heiliger mit unmenschlichen Fähigkeiten und hat die Manschaft keinen Erfolg, ist der Trainer die unfähigste Person auf diesem Planeten. Die VErantwortung der "normalen" SPieler (bei Stars ist es oftmals das selbe wie bei Trainern - siehe Robben) wird zu sehr heruntergespielt. Bei Chelsea war der Rausschmiss von di Mateo das beste Beispiel. Die Fans liebten ihn, die Spieler respektierten ihn und weil er mal 2-3 Spiele verliert, wird er gefeuert. Mir gefällt es sehr, wie z. B. Fürth mit der aktuellen Situation umgeht und auch in Augsburg sind keine blinden Reaktionäre am Werk. Das sollte man auch einmal loben.
hartmutw 07.12.2012
2. Fürth und Augsburg?
Taugen die beiden designierten Absteiger tatsächlich als Gegenbeispiele? Und die Trennung der Augsburger von Jos Luhukay hatte ja auch etwas Schmuddeliges...
Xangod 07.12.2012
3.
Eigentlich finde ich Bayer nun nicht sonderlich sympatisch, aber für die jetztige Trainerlösung ohne großen Zampano, wie Sie die Medien und die Fußballreaktionäre bevorzugen, liebe ich Sie. So etwas wie eine gleichberechtigte Doppelspitze in der nur die jeweilige Kompetenz und Teamfähigkeit zählen und die auch noch erfolgreich ist, so etwas dürfte nach der gängigen Testostoron-Führer-befiehl,-wir-folgen-Dir-Philosophie doch gar nicht geben.
traurigewelt 07.12.2012
4.
Zitat von frubiMir wird bei der gesamten medialen Betrachtung zu viel auf die Trainer geschaut. Wenn die Manschaft Erfolg hat, ist der Trainer ein Heiliger mit unmenschlichen Fähigkeiten und hat die Manschaft keinen Erfolg, ist der Trainer die unfähigste Person auf diesem Planeten. Die VErantwortung der "normalen" SPieler (bei Stars ist es oftmals das selbe wie bei Trainern - siehe Robben) wird zu sehr heruntergespielt. Bei Chelsea war der Rausschmiss von di Mateo das beste Beispiel. Die Fans liebten ihn, die Spieler respektierten ihn und weil er mal 2-3 Spiele verliert, wird er gefeuert. Mir gefällt es sehr, wie z. B. Fürth mit der aktuellen Situation umgeht und auch in Augsburg sind keine blinden Reaktionäre am Werk. Das sollte man auch einmal loben.
Ich denke das kommt immer etwas darauf an. Der Trainer hat einen Anteil daran wie es läuft, einen sehr wichtigen Anteil. Spieler können so gut sein wie sie wollen, wenn keine gute Taktik herhält und man nicht wirklich vorgehen kann, dann ist das ein Trainerproblem. Beispielsweise um in Bayern zu bleiben bei den Löwen. Die Spieler habe potential, konnten es aber wegen zu wenig Training und fehlender Spielidee vom Trainer nichts umsetzen. Wenn man ein Trainerbeispiel Loben will, dann sollte das Bremen mit Schaf sein. Die arbeiten so lange kontinuierlich weiter und es stellt sich ja wieder was besseres ein.
rumsi 07.12.2012
5. fürwahr, führwar..
haben Sie Recht Frubi. So läuft es im Leben. Hast Du Erfolg bist Du das Genie, der Überflieger usw. hast Du mal Misserfolg (übrigens diegleiche Person!!) ist diese ein Versager, blindes Huhn oder noch schlimmer.. Sollte z.B. Babbel bei einem nächsten Klub landen und mit diesem Erfolg haben, ist er der genialste und beste Trainer "aller Zeiten"...Verrückte Welt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.