SC Freiburg pro 50+1-Regel "Vereine werden zu Spekulationsobjekten"

Keine Stimmenmehrheit für Investoren: Freiburgs Vorstand Oliver Leki will die 50+1-Regel erhalten - und macht vor dem Liga-Gipfel neue Vorschläge, wie Fairness und Wettbewerb dennoch gefördert werden könnten.

Freiburg-Fans sind gegen eine Mehrheitsübernahme von Investoren
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Freiburg-Fans sind gegen eine Mehrheitsübernahme von Investoren

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Leki, in der Debatte um die Abschaffung oder Beibehaltung der 50+1-Regel in der Bundesliga wächst die Zahl der Vereine, die sich eine Aufweichung vorstellen könnten. Wie positioniert sich der SC Freiburg?

Oliver Leki: Wir sind mit aller Konsequenz für den Erhalt der Regel. Uns allen muss bewusst sein, dass wir an einer bedeutenden Weggabelung für den deutschen Fußball stehen.

Die 50+1-Regel...
    ...besagt, dass Investoren ungeachtet der Höhe ihrer Anteile nicht die Stimmenmehrheit an einem Fußballklub erlangen. Viele Bundesligaklubs haben ihre Lizenzspielerabteilungen als Kapitalgesellschaften ausgegliedert, um so Investoren anzulocken. Mit der Regel soll verhindert werden, dass diese Geldgeber die Entscheidungshoheit über diese Bereiche übernehmen können.

SPIEGEL ONLINE: Für die Regel sprechen sich viele Vereinsvertreter aus, die dann aber Relativierungen nachschieben. Also: was heißt 'mit aller Konsequenz'?

Leki: Die Regel, die besagt, dass Investoren in Vereinen nicht die Stimmenmehrheit übernehmen können (mit den bekannten Ausnahmen), muss erhalten bleiben. Ohne Wenn und Aber. Sonst wird ein großer Teil der Vereine zu wilden Spekulationsobjekten. 50+1 ist ein Anker für Tradition, Identität sowie letztlich - und das ist entscheidend - für den Erfolg des deutschen Fußballs.

Zur Person
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    Oliver Leki ist 2013 zum Geschäftsführer des SC Freiburg berufen worden. Seit 2014 verantwortet der 45-Jährige als Vorstandsmitglied die Finanzen, Organisation und das Marketing des Bundesligaklubs. Leki hatte bis Januar 2013 mehrere Jahre für den FC Köln gearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Aber es ist doch kein Automatismus, dass sich Heuschrecken und Hasardeure auf die Vereine stürzen. Wer autonom entscheiden will, muss seine Anteile an niemanden verkaufen.

Leki: Diese Fälle wird es aber geben. Insbesondere Vereine, die Misserfolg haben und jahrelang hinter den eigenen Erwartungen zurückbleiben, können schnell einer Verlockung erliegen, die bisher durch die Statuten ausgeschlossen ist. Dann ist die Gefahr groß, dass Investoren kommen, die keiner will. 1860 München ist ein warnendes Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: DFL-Chef Christian Seifert hält diese Angst offenbar für überzogen. Er fordert die Vereine auf, 'sich nicht mit Fragen aufzuhalten, ob jetzt ein Scheich oder ein Russe als Investor kommt'.

Leki: Es gibt natürlich positive Beispiele, was passieren kann, wenn Vereine von Investoren übernommen werden. Es gibt aber auch genügend abschreckende Beispiele, und über die würde ich mir Gedanken machen. So wenige sind das im Übrigen nicht, wenn man sich anschaut, was vielerorts in England oder der Schweiz passiert ist. Wir müssen uns entscheiden, ob wir das riskieren wollen oder nicht. Wir sagen Nein. Warum sollte man etwas Gutes aufgeben, wenn die Argumente, die gegen 50+1 ins Feld geführt werden, nicht überzeugen?

SPIEGEL ONLINE: Gehen wir sie durch: 'Mehr Geld bedeutet mehr internationale Wettbewerbsfähigkeit'. Der deutsche Fußball ist international tatsächlich gerade nicht sonderlich erfolgreich.

Leki: Dann frage ich mich, warum Real Madrid oder Barcelona solchen Erfolg haben. Denn das sind keine investorengeführten Vereine. Es war auch noch nie so viel Geld im deutschen Fußball wie dieses Jahr, und trotzdem hat er nicht gut abgeschnitten.

SPIEGEL ONLINE: Zweitens: '50+1 wird scheitern, weil es europäischem Recht widerspricht, also reformiert man es doch vorher besser selbst'.

Leki: Dass 50+1 nicht gerichtsfest sei, wurde von interessierter Seite so lange wiederholt, bis viele es für bare Münze nahmen. In Wirklichkeit ist völlig offen, ob 50+1 gegen europäisches Recht verstößt. Hierbei muss das Spannungsfeld zwischen europäischem Recht und Verbandsautonomie bewertet werden. Zu glauben, dass Verbandsautonomie und die damit im Grundgesetz verankerte Vereinigungsfreiheit keinen Wert hätten im Vergleich zu kartellrechtlichen Erwägungen oder Aspekten der Kapitalverkehrsfreiheit, ist falsch. Das Schiedsgerichtsurteil von 2011 und die danach formulierten Leitplanken zur Auslegung sind eine gute Grundlage, um einen Ausgleich der Rechtsnormen zu erreichen. Es geht darum, die Leitplanken klarer, präziser und eindeutiger zu formulieren, ohne 50+1 grundsätzlich in Frage zu stellen. Dass ein System Schwächen hat, ist kein Grund, es komplett über den Haufen zu werfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben also, dass es möglich ist, 50+1 juristisch abzudichten?

Leki: Ich halte das für absolut möglich, aber man muss es wollen und endlich in einen Dialog mit den europäischen Institutionen treten. Wenn wir als Verband die eigene Autonomie selbst in Frage stellen, hilft das sicher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprachen von drei schwachen Argumenten der Gegenseite.

Leki: Manche behaupten ja, dass den Bayern endlich Konkurrenz drohe, wenn 50+1 fällt.

SPIEGEL ONLINE: Das scheinen die Bayern nicht zu befürchten. Karl-Heinz Rummenigge hat sich gerade erst für die Abschaffung ausgesprochen.

Leki: Natürlich. Der Vorsprung der Bayern ist so groß, da würden auch kurzfristige Investorengelder nichts bringen. Wie Bayern es mit seinen strategischen Partnern macht, ist übrigens vorbildlich. Du verkaufst dich nicht, nutzt aber die Chancen von externem Geld, das ist doch ein sehr kluger Kompromiss. Mitreden, aber nicht bestimmen. Im Übrigen glauben wir, dass die Debatte über 50+1 von der Diskussion ablenkt, wie man den deutschen Fußball wirklich wettbewerbsfähiger machen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wir sind gespannt.

Leki: Financial Fairplay wird nicht konsequent umgesetzt. Und niemand versteht, warum es okay sein soll, dass sich manche Vereine daran halten, während andere ganz offensichtlich dagegen verstoßen. Da könnte der einflussreiche deutsche Fußball ruhig vehementer gegenüber der Uefa auftreten. Punkt zwei: europaweite Obergrenzen bei den Gehältern.

SPIEGEL ONLINE: Am Donnerstag treffen sich die Profivereine, um über 50+1 zu debattieren. Was erwarten Sie von der DFL und wie sind die Mehrheitsverhältnisse bei den Klubs?

Leki: Ich erwarte, dass damit begonnen wird, den Vereinen ein umfassendes, ausgewogenes Bild auf die Gesamtlage zu geben. Das Bild, das einige Lobbyisten zum angeblich alternativlosen Wegfall der Regel malen, muss korrigiert werden. Ich bin zuversichtlich, dass die überwiegende Anzahl der Vereine an 50+1 festhalten will.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind denn diese Lobbyisten?

Leki: Unter anderem Investmentbanken und Anwälte. Es gibt natürlich eine erhebliche Anzahl an Personen, die profitieren würden, wenn 50+1 fällt.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
dr._seltsam 22.03.2018
1. Dieses ganze...
...Palaver um Vereine -also per se erstmal Organisationen, die keinen Profit erwirtschaften- ist mehr als albern. Investoren erwarten aber Profit - wie auch immer der aussehen mag. Ich plädiere daher für eine klare Trennung. Das im Bericht erwähnte Ausgründen in Kapitalgesellschaften kann ich nur begrüßen. Ich bin zusätzlich allerdings der Auffassung, dass es für einen Verein (NPO) unzumutbar ist, mit Kapitalgesellschaften zu konkurrieren. Wer immer also Forderungen in die Richtung aufstellt, der hat aus meiner Sicht dafür zu sorgen, dass die gewinnorientierten einen eigenen Wettbewerb bestreiten können und MÜSSEN!
Hombre60 22.03.2018
2. Sehr vernünftige Argumentation
Gut dass es Leute wie Leki im deutschen Fußball gibt, die dem Erfolgsmodell Bayern folgen wollen. 50+1 hat sich bewährt, gegen klarere Ausformulierungen und juristische Absicherung ist nichts einzuwenden. "Never change a running system" sollte auch hier gelten. Man sollte sich lieber auf "Financial fair play" in Europa konzentrieren, denn da liegt das Übel und die Gefahr für den Fußball.
sechsundsiebziger 22.03.2018
3. Leki
trifft den Kern der Sache und argumentiert sehr kompetent. Die Zustände in UK sind beängstigend! Und ja wir brauchen dringend europaweites financial FairPlay! Gute Ansätze um 50+1 zu verbessern. Liebe DFL, hört euch das mal genau an!
alt-nassauer 22.03.2018
4. Was nützt es...
Was nützt es das die BuLI diese Regel behalten will? Die BuLi ist Grottenschlecht, weil jetzt schon Manager und Verantwortliche mit dem schon verfügbaren Geld nichts anfangen können. Es werden Millionen verbraten in Spieler die so oder so nach anderem Streben... England, Spanien oder sonst wohin. Dort wo das Geld nur so strömt. Die BuLi kann natürlich so weiter machen. Ob das nicht doch auf Dauer langweilig wird. Das nur der FC Bayern International eine Rolle spielt und sich dort Gelder einheimst, die andere zum Teil erst gar nicht bekommen. Die BuLi löst das Problem nicht mehr. Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Oder glaubt einer Ernsthaft das Spanische oder Englische Clubs die Schraube herunter dreht und einem "Financial fair play" folgen werden. Da geht es darum schneller, höher, weiter... Der einzige Deutsche Club der da mitspielt, wird weiter mit kassieren und somit den Wettbewerb "verzerren". Aber wessen Schuld ist es? Sollte die DFL/DFB - Hoeneß und Rummenigge in Rente schicken und darauf hoffen das der FCB irgendwann einmal am Missmanagement scheitert. Ich Persönlich habe meine Konsequenzen gezogen - Fußball und Sport ist generell für mich gestrichen. Keine BuLi, CL oder EM/WM. Für mich ist das Thema erledigt, nur noch"Abzocken" und dem Abzocken habe ich die "Rote Karte" gezeigt. Es geht Prima...
jollen 22.03.2018
5.
SPIEGEL ONLINE: Gehen wir sie durch: 'Mehr Geld bedeutet mehr internationale Wettbewerbsfähigkeit'. Der deutsche Fußball ist international tatsächlich gerade nicht sonderlich erfolgreich. Leki: Dann frage ich mich, warum Real Madrid oder Barcelona solchen Erfolg haben. Denn das sind keine investorengeführten Vereine. Es war auch noch nie so viel Geld im deutschen Fußball wie dieses Jahr, und trotzdem hat er nicht gut abgeschnitten. Herr Leki, antworten Sie auf die Frage. Die These: Mehr Geld bedeutet mehr internationale Wettbewerbsfähigkeit, trifft auf Barcelona und Real Madrid voll zu.... Mehr Geld durch Investoren ist nur ein möglicher Weg, der aber in Deutschland verboten ist....Diesen Wettberbsnachteil gilt es abzubauen, wenn ein Verein es wünscht.... Zusatzfrage: Wie will der SC Freiburg zu den beiden Vereinen aufschließen?
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