Neue Spielernoten bei SPIEGEL ONLINE Die Vermessung der Bundesliga

Zweikampfstatistiken? Sind von gestern! Mit dem runderneuerten Spielerindex SPIX lässt sich die Leistung von Bundesligaprofis so gut bewerten wie nie zuvor - objektiv und unbestechlich.

Von und Otto Kolbinger


Vor rund zwei Jahren hat SPIEGEL ONLINE ein Experiment gestartet: Wir haben versucht, die Leistungsbewertung im Fußball komplett neu zu denken. Seit Oktober 2015 geben wir nach jedem Bundesligaspieltag Noten, die weder große Namen kennen noch geringe Erwartungen hegen: den Spielerindex SPIX. Es sollte nur das zählen, was auf dem Platz geschieht. Deswegen waren nicht etwa subjektive Eindrücke Grundlage der Bewertung, sondern ausschließlich Spieldaten.

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Fotostrecke: Unbestechlich: Der neue Spielerindex für die Bundesliga

In einer Bundesligapartie werden weit über 1000 Ereignisse erfasst. Die Kunst besteht darin, zu bestimmen, welche wichtig sind und wie wichtig sie sind. Was nützt einem Abwehrspieler eine positive Zweikampfquote, wenn sein Team trotzdem fünf Gegentore kassiert? Das ist das Besondere am Spielerindex: Er erfasst Daten nicht einfach nur, er beurteilt ihre Relevanz und Qualität direkt mit.

Zur neuen Saison 2017/2018 haben wir den SPIX runderneuert, methodisch und optisch. In enger Kooperation mit der Technischen Universität München wurde der Algorithmus wissenschaftlich verbessert, seine Aussagekraft deutlich erhöht.

Welche Daten fließen in den SPIX ein? Was bedeutet ein hoher Wert? Was für Geschichten warten auf Sie und welche Probleme gibt es? Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wo finde ich den SPIX?

Der SPIX hat nun ein Zuhause auf SPIEGEL ONLINE. Hier warten regelmäßig neue Geschichten auf Sie: Es wird um Formkrisen gehen und um Neuentdeckungen, um heimliche Helden und Überraschungsmannschaften. Nach einem Bundesligawochenende finden Sie hier die Elf des Tages, später auch die laufend aktualisierte Elf der Saison. Zudem finden sich Kaderlisten mit allen bewerteten Spielern zum Durchklicken. Hier sehen Sie auf einen Blick, was Ihre Lieblingsspieler bislang geleistet haben, wo ihre Stärken und Schwächen liegen und welcher Profi der beste auf seiner Position ist.

Neu sind auch die Player Cards, die den Gesamt-SPIX-Wert eines Profis zeigen und wie er in den einzelnen für ihn relevanten Bereichen abgeschnitten hat. Hier gilt: So komplex der SPIX-Algorithmus ist, so einfach bleibt er an der Oberfläche. Die Leistungen werden in Kategorien eingeteilt, von Chancenkreation bis zur Abwehrstärke, und in Werte von 0 bis 100 übersetzt. Je höher ein Wert, desto besser die Leistung.

Sie wollen während eines Bundesligaspiels erfahren, wie die Profis performen? Besuchen Sie den Liveticker von SPIEGEL ONLINE, in dem der SPIX in Echtzeit berechnet wird.

Welche Daten nutzt der SPIX?

Wenn mit Daten über Fußball berichtet wird, dann sind das meist: Zweikampfquoten, Passwerte, Ballbesitzanteile. Was aber bringt dem Verteidiger eine gute Passquote, wenn er stets quer statt nach vorne spielt? Was der Ballbesitz, aus dem keine Torchancen resultieren? Deswegen bewertet der SPIX die erfassten Spieldaten von Lieferant Opta.

Beispiel Pässe: Je näher ein Zuspiel dem gegnerischen Tor ist, desto anspruchsvoller ist es. Ein angekommener Pass am Strafraum des Gegners wird daher durch den SPIX höher gewichtet, als einer in der eigenen Feldhälfte. Die Gesamtpassquoten eines Spielers, die Fußballfans üblicherweise präsentiert werden, finden im SPIX keine Verwendung mehr.

Noch ein Beispiel: Schuss ist nicht gleich Chance. Durch die Auswertung einer großen Datenmenge haben wir die Torwahrscheinlichkeit von Abschlüssen ermittelt, je nach dem, von wo auf dem Spielfeld sie abgegeben werden. Schießt ein Spieler aus der gefährlichsten Zone, erhält er die meisten Punkte. So trennt der SPIX harmlose Versuche von wirklichen Chancen.

Stürmer mit Verteidigern vergleichen - macht das Sinn?

Nein. Deshalb unterscheidet der SPIX zwischen den Positionen. Ein Abwehrspieler besitzt andere Aufgaben als ein Stürmer. Und nicht jeder Mittelfeldspieler tut dasselbe. Manche sollen vor allem das eigene Spiel eröffnen und gegnerische Angriffe unterbinden, andere Chancen vorbereiten und selbst Tore schießen. Daher gewichtet der SPIX sämtliche relevanten Aktionen entsprechend der Spielerposition.

Für das Pässe-Beispiel bedeutet das die Möglichkeit zur Differenzierung: Für offensiv ausgerichtete Spieler sind gelungene Pässe im Angriff, vor allem aber Assists und Torschussvorlagen wichtig. Bei Verteidigern wird ein gutes Aufbauspiel belohnt, also gelungene Pässe in die vorderen Feldzonen. Für sämtliche Profis gilt zudem: Für einen Fehlpass nahe des eigenen Strafraums gibt es größere Abzüge als für solche tief in der gegnerischen Hälfte.

Die Spieler werden in sieben Positionen unterteilt: Torhüter, Innenverteidiger und Außenverteidiger, defensive, offensive und äußere Mittelfeldspieler sowie Stürmer. Benotet wird jeder Profi, der auf mehr als 30 Minuten Spielzeit kommt. Da es vorkommen kann, dass ein Spieler in einer Partie mehrere Positionen über die erforderliche Mindestdauer bekleidet, sind zwei Werte für denselben Spieler möglich. So kann er es auch mehrfach in die Elf des Tages schaffen.

Was sagen die Werte aus?

Bislang funktionierte der SPIX spieltagsbasiert. Die Leistung eines Stürmers wurde mit der sämtlicher Angreifer verglichen, die an diesem Spieltag bewertet wurden. Das ist nun anders. Die Daten, die ein Spieler auf dem Platz produziert, werden ab dieser Spielzeit an einem historischen Mittelwert gemessen, der aus den beiden letzten Bundesligasaisons ermittelt wurde, und der stets erweitert wird. Dadurch besitzt der SPIX eine deutlich höhere Aussagekraft.

An wie vielen Abschlüssen ist ein Bundesligastürmer im Schnitt beteiligt? Wie viele Ballverluste leistet sich üblicherweise ein Außenverteidiger? Wie viele Pässe fängt ein Sechser ab? Für sämtliche Faktoren, die in den SPIX einfließen, gibt es fortan die passende Vergleichsgröße. An ihr wird die aktuelle Leistung der Profis gemessen. Ein SPIX-Wert von 90 bedeutet vereinfacht, dass die Leistung des Spielers zu den oberen 10 Prozent auf seiner Position gehört, die in der Bundesliga seit der SPIX-Erhebung erreicht wurde.

Und was sagen die Werte nicht?

So ausgeklügelt der SPIX auch ist: Er macht subjektive Eindrücke nicht überflüssig. Gibt ein Profi seinen Mitspielern Kommandos? Beteiligt er sich am Pressing oder schaltet er ab, sobald der Ball woanders ist? Was ist mit Fairplay? Und wie zeichnet sich ein Torhüter aus, der nichts zu halten bekommt? All das sind Aspekte, die dem SPIX Probleme bereiten. Er ist nicht perfekt. Aber er bietet die Chance auf einen völlig neuen Blick auf das Spiel.

Individuelle Leistung? Fußball ist ein Mannschaftssport!

Natürlich geht es im Fußball auch um das Zusammenarbeiten mit Teamkollegen, um abgestimmte Laufwege. Deshalb bildet zusätzlich zu persönlichen Daten die Mannschaftsleistung den SPIX-Gesamtwert. Je mehr Abschlüsse eine Elf aus aussichtsreichen Zonen zustande bringt und je mehr Tore sie erzielt, desto mehr Punkte erhalten die beteiligten Spieler - und zwar gewichtet nach ihrer Rolle auf dem Platz. Umgekehrt gibt es Boni für Defensivreihen, die gegnerische Chancen und Treffer verhindern - und Abzüge, wenn viele Schüsse mit hoher Torwahrscheinlichkeit zugelassen wurden. So kann der SPIX auch zwischen Mannschaften differenzieren, die keine Tore kassiert haben.

Welche Rolle spielt die Stärke des Gegners?

Ein Sieg gegen den FC Bayern? Eine Rarität. Deswegen wird die Gegnerstärke vom SPIX einbezogen, Leistungen gegen formstarke Teams werden anders gewichtet als solche gegen Krisenklubs. Grundlage dafür ist der durchschnittliche SPIX-Wert eines Teams aus den vergangenen sechs Begegnungen. Für die ersten Spieltage der Saison zählt der Durchschnitts-SPIX der Vorsaison.

Ein Spieler hat ein Tor verschuldet. Was können seine Mitspieler dafür?

Wenig. Lässt sich ein Gegentreffer eindeutig einem oder mehreren Spielern zuordnen, greift deshalb ein Mechanismus: Die Verursacher erhalten Abzüge, die übrigen Feldspieler werden jedoch nicht direkt bestraft. Für sie zählt das Gegentor nicht. Dies gilt allerdings nur in den seltenen Fällen, in denen wirklich krasse Fehler vorliegen. Ähnliche Mechanismen greifen auch bei Eigentoren und Platzverweisen.

Warum keine Schulnoten?

Schulnoten sind absolute Werte, die eine Aussage über individuelle Leistungen treffen. Die Indexwerte setzen die Leistung eines Profis ins Verhältnis zu seinen Konkurrenten auf der gleichen Position. Zudem bieten Schulnoten eine zu geringe Differenzierungsmöglichkeit. Sie bilden die Komplexität des Algorithmus nicht ausreichend ab.

  • Dieser Text ist Teil des Sportdatenprojekts "Read the Game", das SPIEGEL ONLINE gemeinsam mit dem Institut für Spielanalyse und der TU München betreibt. Es wird im Rahmen der Digitalen Nachrichten Initiative von Google gefördert.


insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Freifrau von Hase 16.08.2017
1.
Der Malus bzw. Bonus für eine spielentscheidende Aktion müsste allerdings sehr hoch sein. Mag ja sein, dass ein Stürmer 90 Minuten über den Platz schleicht. Wenn er in der 91. Minute das entscheidende Tor erzielt, dann interessiert das aber keinen. Ähnlich beim Torwart. Schön, wenn er Chance um Chance zunichte macht. Lässt er dann aber einen haltbaren Ball passieren, dann wir er zum Depp des Spiels erklärt. Denn am Ende zählt nur das Ergebnis......
stscon 16.08.2017
2. Alles schön und gut, aber...
der einzige Datensatz, der zählt, ist die Abschlusstabelle nach dem 34. Spieltag. Alles andere ist vielleicht für Scouts interessant, für den gemeinen Fan eher nicht. Im besten Fall steht für ihn/sie das "Spiel an sich" im Vordergrund.
torflut 16.08.2017
3. okay
Ich finde den Bewertungsansatz okay! Er ist, wie durch die Autoren und Macher eingeräumt, nicht perfekt, aber über eine Saison betrachtet sollte das Bild stimmen. Und für uns Fans bleiben noch genug Streitpunkte für Kommentare! Mögen die Spiele beginnen!
Phil41 16.08.2017
4.
naja... während man sich in sportarten, in denen statistiken seit jahrzehnten erfasst werden, z.b. die großen 4 amerikanischen sportarten, auf einheitliche statistiken einigen konnte, kocht im fußball wieder jeder sein eigenes süppchen... solange es hier keine vereinheitlichung gibt, sind im prizip keine solche statistiken wirklich aussagekräftig.
lancerfoto 16.08.2017
5. Da könnt ihr noch ...
so viele Werte erfinden, analysieren etc., die Qualität eines komplexen Spiels lässt sich nicht durch Kriterien wahrheitsgetreu bestimmen. Jetzt und nicht in 100 Jahren.
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