Fußball-Grafiken SPON-Taktiktafeln - so haben Sie Fußball noch nie gesehen!

Das Passspiel der Bayern: ein Kunstwerk. Der HSV? Tendiert zum Kick and Rush. Unsere neuen Visualisierungen entschlüsseln die Spielweise der Bundesligateams.

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Fußballspiele werden häufig anhand einiger weniger Statistiken erklärt. Über Sieg oder Niederlage entscheiden dann Zweikampfwerte, Ballkontakte, Passquoten oder die Laufleistung. In der Berichterstattung heißt es dann oft "die Mannschaft hat ihren Gegner in Grund und Boden gerannt". Dabei ist die Realität meist deutlich komplexer.

Über das, was auf dem Spielfeld geschieht, gibt es längst detaillierte Daten. Mit dem richtigen Ansatz und innovativen Visualisierungsformen lassen sich aus diesen Daten neue Einblicke in das Spiel gewinnen. Bereits mit dem SPIX, der datenbasierten Bewertung von Bundesligaprofis, hat SPIEGEL ONLINE diesen Weg eingeschlagen. Künftig wird dieser Ansatz ergänzt durch die neuen SPON-Taktiktafeln.

Was lässt sich an den Taktiktafeln ablesen? Zwei Beispiele

Die Taktiktafeln zeigen sowohl die Positionierung einer Mannschaft beim Passspiel als auch die wichtigsten Verbindungen zwischen den Spielern. Sie eignen sich damit hervorragend, um das Aufbauspiel einer Mannschaft zu analysieren. Zwei Beispiele vom 17. Bundesliga-Spieltag:

Quergeschiebe zwischen den Abwehrspielern? Nicht beim Hamburger SV! Die Taktiktafel zeigt, wie unbeteiligt die zentralen HSV-Verteidiger im Spielaufbau gewesen sind. Mergim Mavraj und Kyriakos Papadopoulos spielten einander nur einmal den Ball zu. Hamburgs Plan: Das Mittelfeld überbrücken, und zwar so schnell wie möglich. Das am häufigsten genutzte Muster in Wolfsburg waren lange Bälle von Torwart Christian Mathenia auf Stürmer Bobby Wood.

Die Taktik führte zum Kontrollverlust: Der HSV spielte nur 223 Pässe und erreichte 27 Prozent Ballbesitz. Das lag zwar auch am Platzverweis für Albin Ekdal, entspricht aber grundsätzlich der Ausrichtung von Trainer Markus Gisdol. Beim Versuch, möglichst schnell nach vorne zu gelangen, nimmt er Fehlpässe in Kauf.

Wie groß die Unterschiede zwischen den Bundesligateams sein können, zeigt die zweite Taktiktafel.

Auch wer das Spiel der Bayern in Freiburg verpasst hat, dürfte per Blick auf die Taktiktafel ein Gefühl dafür kriegen, wie schwer sich die Münchner im Spielaufbau getan haben. Mats Hummels, Javier Martínez und Xabi Alonso passten sich den Ball gefühlt im Sekundentakt zu. Pfeile ins Angriffszentrum? Fehlen fast komplett. Das lag auch am Fehlen von Thiago. Mit ihm in der Mannschaft haben die Bayern eine zusätzliche Anspielstation im offensiven Mittelfeld. Thomas Müller hingegen, der in Freiburg statt Thiago im Zentrum spielte, orientiert sich lieber in die Spitze neben Robert Lewandowski.

Die Folge: Der FC Bayern schaffte es kaum, durch das Zentrum anzugreifen - was auch ein Verdienst des funktionierenden defensiven Mittelfelds des SC Freiburg war. Durchbrüche erzielten die Bayern nur über die Flügel, insbesondere über die rechte Seite, wo Philipp Lahm und Arjen Robben viel miteinander kombinieren. Interessant: Im Gegensatz zu Robben gelang es Douglas Costa nicht, den Stürmern den Ball zu servieren. Auch deshalb erspielte sich die Mannschaft in Freiburg nur wenige Chancen.

Wie berechnen sich die exakten Positionen? Was bedeuten die Pfeile?

Jeder Spieler wird symbolisiert durch einen Kreis. Verortet wird dieser an der durchschnittlichen Position eines Spielers bei Ballkontakt. Die Größe bemisst sich anhand der Anzahl der Ballkontakte des Spielers pro 90 Minuten. Durch die Berücksichtigung der anteiligen Spielzeit (die Diagramme umfassen verschiedene Zeiträume) bleiben verschiedene Taktiktafeln untereinander vergleichbar.

Wichtige Passbeziehungen zwischen Spielern sind mit Pfeilen symbolisiert. Die Pfeilgröße bemisst sich dabei anhand der Zahl der Pässe von Spieler A zu Spieler B. Abhängig von der Gesamtzahl der Pässe, die in der jeweiligen Partie gespielt wurden, werden Pfeile gezeichnet, sobald Spieler A mindestens drei, vier oder fünf erfolgreiche Pässe auf Spieler B gespielt hat. Die unterschiedlichen Schwellenwerte sind notwendig, um Taktiktafeln bei ganz verschiedenen Spielstilen - siehe Hamburg SV und Bayern München - lesbar zu gestalten und um die wichtigsten Passbeziehungen innerhalb einer Mannschaft hervorzuheben.

Da sich in der finalen Phase eines Spiels die taktischen Formationen zunehmend ändern beziehungsweise auflösen, zeigen die Diagramme nicht die volle Spielzeit. Auf welchen Zeitpunkt sich die Daten beziehen und welcher Schwellenwert für das Zeichnen der Pfeile verwendet wurde, wird stets unterhalb der Vereinslogos angegeben.

Woher stammen die Daten und die Idee

Die Daten stammen von Opta, dem offiziellen Live-Daten-Lieferanten der Deutschen Fußball Liga. Jedes Bundesligaspiel und zahlreiche weitere Ligen und Wettbewerbe werden von Opta minutiös protokolliert. Es werden Daten in 74 verschiedenen Kategorien (Torschüsse, Zweikämpfe, Einwurf, Pässe, Spielerwechsel) mit zahlreichen Zusatzvariablen (Passlänge, Zielposition, Spielfeldregion, etc.) erhoben. In die Taktiktafeln fließen Passversuche, Fouls, Torschüsse und Klärungsaktionen ein.

Als erstes großes deutsches Medium wird SPIEGEL ONLINE Taktiktafeln bei ausgewählten Partien seiner Fußball-Berichterstattung einsetzen. Die Grundidee hinter den Visualisierungen ist dabei schon älter. In den Sportwissenschaften finden sich Vorläuferformen mindestens schon im Jahr 2010. Deutlich an Popularität gewonnen haben "Pass- und Positionsnetzwerke", so der Fachbegriff, durch den Twitteraccount und Blog 11tegen11, der auch uns als Inspiration diente.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
ge1234 27.01.2017
1. Tja...
... lieber SPON, dass das Passspiel der Bayern ein Kunstwerk ist, wußte ich auch schon vorher, ohne Eure Taktiktafel! ;-)
la69 29.01.2017
2. Anteilige Spielzeit
Hallo Herr Stotz. Klasse diese Art von Analysen. Ich verstehe die Definition der anteiligen Spielzeit nicht. Können Sie das freundlicherweise erklären? Dankeschön.
Patrick Stotz 29.01.2017
3. Erläuterung der anteiligen Spielzeit
Vielen Dank für das Feedback! Mit der anteiligen Spielzeit ist es eigentlich ganz einfach: die Größe der Kreise bemisst sich an der Zahl der Ballkontakte des jeweiligen Spielers pro 90 Minuten. Für die Vergleichbarkeit einzelner Diagramme ist die Berechnung pro 90 Minuten notwendig, da jedes Diagramm eine andere Spieldauer umfasst. Während über die volle Spielzeit die maximale Kreisgröße ab 150 Ballkontakten erreicht wird, ist dies bei einer Taktiktafeln? bis zur 60. Spielminute schon bei 100 Ballkontakten der Fall.
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