Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Streit um junge Top-Talente: Polnische Abgänge

Von Thomas Dudek

In den Akademien deutscher Bundesligisten gibt es viele Spieler polnischer Abstammung. Der Fußballverband Polens hätte sie gerne in den eigenen Auswahlmannschaften - und fühlt sich hintergangen.

Deutsch-polnische Jugendspieler: Noch für Polen nicht verloren Fotos
imago

Der Algarve-Cup ist für einen Junioren-Nationalspieler ein großes Erlebnis. Wer an dem vielleicht bekanntesten Jugendturnier der Uefa teilnimmt, misst sich mit den Besten seines Jahrgangs und bekommt viel Aufmerksamkeit. Die deutschen Nachwuchskicker, trainiert von Christian Wück, spielen in den kommenden Tagen gegen Portugal, Frankreich und die Niederlande den U-16-Titel aus.

Polen ist nicht dabei, aber auch in unserem Nachbarland schaut man sehr aufmerksam in Richtung Algarve. Denn mit Adrian Stanilewicz von Bayer Leverkusen und dem Herthaner Dennis Jastrzembski laufen im DFB-Trikot zwei Spieler auf, die der polnische Fußballverband PZPN lieber in seinen eigenen Reihen sehen würde.

"Die Deutschen benehmen sich wie ein Wachhund, der nichts nimmt aber auch nichts abgibt. Sie haben einen schweren Charakter. Zuerst schenken sie den Spielern keine Aufmerksamkeit. Aber wenn wir sie einladen, bekommen sie von den Deutschen sofort eine Berufung."

Das Zitat stammt von Tomasz Rybicki, Scout des PZPN in Deutschland, veröffentlicht wurde es in der "Przeglad Sportowy", der größten polnischen Sportzeitung. Und Marek Kozminski, ehemaliger Fußballprofi und heute stellvertretender Verbandspräsident, ergänzte in einem Interview: "Der deutsche Fußballverband hat gemerkt, dass wir in Deutschland aktiv nach Jugendspielern mit polnischen Wurzeln suchen. Das ist nichts anderes als ein Kampf um Fußballer."

Zumindest im Fall von Dennis Jastrzembski scheinen die Vorwürfe auf den ersten Blick nachvollziehbar. Während der polnischstämmige Adrian Stanilewicz noch nie für den PZPN auflief, absolvierte Jastrzembski auch schon vier Partien für die polnische U16-Nationalmannschaft. Nun gibt er beim Algarve-Cup sein Debüt für den DFB. "Der prüft, wie es bei denen ist. Dies ist aber noch nicht die endgültige Entscheidung", beschwichtigt sein 19-jähriger Bruder Chris, ebenfalls polnischer Junioren-Nationalspieler.

Das Pendeln entspricht Fifa-Regularien

Dieses Ausprobieren ist bei Nachwuchstalenten mit Migrationshintergrund überhaupt nicht ungewöhnlich, wie der Fall Julien Green zeigt. Der 20-jährige Deutsch-Amerikaner von Bayern München spielte sowohl in den U-Mannschaften des DFB als auch des US-amerikanischen Fußballverbands. Als Green 2014 die Möglichkeit bekam, an der Weltmeisterschaft in Brasilien teilzunehmen, entschied er sich endgültig für die USA.

Gerade weil die Pendelei zwischen den Verbänden geltenden Fifa-Regularien entspricht, ist man beim DFB überrascht über die aktuellen Vorwürfe aus Polen. "Für uns zählt einzig und allein das Leistungsprinzip", sagt DFB-Sportdirektor Hansi Flick SPIEGEL ONLINE. "Wenn wir denken, dass ein Spieler ein gewisses Potenzial hat, dann wollen wir ihn näher kennenlernen." Flick betont, dass "die Spieler aus freien Stücken entscheiden können, ob sie die Nominierung annehmen".

Beim polnischen Fußballverband scheint man bezüglich der Jugendspieler aber nicht nur dem DFB zu misstrauen. "Wir haben ein Problem mit einigen Bundesligaklubs. Sie drängen darauf, dass die Spieler für Deutschland spielen", unterstellt Scout Rybicki in der "Przeglad Sportowy". Ein besonders schwieriges Verhältnis gibt es von Seiten des PZPN offenbar mit dem FC Schalke 04, wo mit Michael Olczyk (U19) und David Konietzny (U18) zwei hoffnungsvolle Talente polnischer Herkunft kicken. "Olczyk ist selbst dann schwer nach Polen zu bekommen, wenn ein offizieller Fifa-Termin ansteht", heißt es seitens des PZPN.

Vorwürfe, für die man bei den Königsblauen wenig Verständnis hat. "Anfragen von allen Nationalmannschaften werden gleich behandelt", sagt Oliver Ruhnert, Direktor des Schalker Nachwuchszentrums. Ruhnert betont, dass alle Berufungen mit den Spielern und ihren Eltern abgesprochen werden. Dabei spielten nicht nur sportliche Faktoren eine wichtige Rolle, sondern auch die schulischen Leistungen der Nachwuchskicker. "Gerade bei ausländischen Landesverbänden ist es so, dass die Maßnahmen nicht auf den Ligabetrieb oder gar auf das deutsche Schulsystem abgestimmt sind", so Ruhnert.

Es ist ein Umstand, der die Zusammenarbeit mit dem DFB erleichtert. "Bei der Nationalelf sind auch Lehrer vor Ort, die mit den Spielern den Schulausfall kompensieren", erklärt Ruhnert. Eine Mühe, die man sich beim PZPN offenbar nicht machen will. "Das ist nur ein Nebenaspekt. Wir können uns zu den schulischen Fortschritten nicht äußern, da wir ein Sportverband und kein Bildungsinstitut sind", sagt Verbands-Vize Kozminski.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
crazy_swayze 04.02.2016
Wenn die Spieler in Deutschland leben, in deutschen Fußballakademien ihre Ausbildung erhalten und für deutsche Klubs spielen, warum sollen sie dann für Polen spielen? Was wird denn vom polnischen Verband erwartet? Dass Deutschland alle Ausgaben hat, und Polen die Früchte dann abernten kann? Das hört sich doch sehr klischeehaft nach Diebstahl an...
2. Nicht nachvollziehbar
vliege 04.02.2016
Die Talente werden hier von den Bundesligisten und vom DFB in den Junioren Teams ausgebildet und gefördert, das kostet Zeit und vor allem Geld. Wenn sich ein Talent entscheidet für Deutschland zu spielen, weil es sich für die nächsten Karriereschritte bessere Chancen erhofft ist es genauso legitim wie wenn er sich für das Heimatland seiner Eltern entscheidet. Für diesen Fall wäre allerdings eine Ausbildungs bzw. Aufwandsentschädigung fällig.
3. Ball flach halten
widower+2 04.02.2016
Die jungen Spieler, um die es geht, sind deutsche Staatsbürger, leben in Deutschland und haben ihre fußballerische Ausbildung im Rahmen der inzwischen hervorragenden hiesigen Jugendarbeit erhalten. Da wirkt es vom polnischen Verband doch arg anmaßend, wenn man glaubt, quasi einen Anspruch auf diese Spieler zu haben.
4.
niska 04.02.2016
Man kann die Intention dieses Wunsches schon verstehen. Aber wir haben nunmal ein vereinigtes Europa wo jeder arbeiten kann wo er will. Lösung wäre es ähnlich attraktive Akademien in Polen zu betreiben.
5.
theduderino 04.02.2016
Erinnert mich ein bisschen an die Fälle mit Spielern der türkischen Nationalmannschaft. Wenn ich mich richtig erinnere, dann hätten fast mehr als die Hälfte der Spieler, die 2002 den 3. Platz bei der WM erreichten, auch für Deutschland spielen dürfen, da sie hier geboren und aufgewachsen, sowie ausgebildet wurden. Damals hat man sich einfach nicht genug um sie bemüht und gekümmert. Heute hat man zum Glück nicht mehr diesen enormen Verlust an talentierten Kickern, die hier bei deutschen Vereinen mit höchstem Know-How ausgebildet werden, damit sie dann für Länder auflaufen, deren Sprache sie nur unzulänglich beherrschen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Das große Bilderrätsel

Fotostrecke
Millionen für Spieler: Die teuersten Bundesliga-Transfers

Themenseiten Fußball
Tabellen


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: