Von Hendrik Baumann
Peter Neururer gehört zu denen, die sich trotzdem aus der Deckung wagen. Der Trainer des MSV Duisburg hatte schon vor Monaten die neuen Anstoßzeiten als "Katastrophe für das familiäre Zusammenleben sowie den Amateur- und Nachwuchsfußball" bezeichnet. "Nach den ersten Spielen zeigt sich, dass vor allem Auswärtsfans unter den Terminen zu leiden haben", sagt Neururer SPIEGEL ONLINE. Seiferts bissiger Konter im "Kicker": "Wenn Herr Neururer erst mal Chelsea trainiert, womit ja nach seiner eigenen Einschätzung täglich zu rechnen ist, wird er feststellen, dass er dort sogar um 12.45 Uhr spielen muss."
Tatsächlich zeigt ein Blick in die anderen Top-Ligen Europas, dass deutsche Fans noch vergleichsweise gut bedient sind. Mit fünf Spielterminen liegt die Bundesliga im Mittelfeld. In der englischen Premier League, mit jährlich 840 Millionen Euro Spitzenreiter bei den Fernseh-Erlösen, gelten bis zu sieben unterschiedliche Anstoßzeiten, in Spaniens Primera Division sechs. In Italiens Serie A und Frankreichs Ligue 1 rollt der Ball nur an vier verschiedenen Terminen. Dennoch gibt es dort weniger Fußball im Free-TV zu sehen als in Deutschland, wie eine Studie des Marktforschungsunternehmen IFM zeigt.
Fansprecher Markhardt prophezeit jedoch englische Verhältnisse auch in der Bundesliga: "Die Zerstückelung der Spieltage wird weitergehen, weil Clubs und DFL an höheren Einnahmen interessiert sind." Dass gefüllte Konten das beste Argument sind, um attraktive Spieler in die Liga zu lotsen, lässt Markhardt nicht gelten: "Dass man auch ohne die teuersten Spieler wettbewerbsfähig sein kann, haben zuletzt Bremen und der HSV bewiesen, die im Halbfinale des Uefa-Cups standen. Außerdem sind viele Kader auf Pump finanziert, siehe Real Madrid."
Seifert räumt ein, es werde noch dauern, bis sich alle an den neuen Spielplan gewöhnt haben. Mindestens bis 2013 haben die Fans dazu Zeit, so lange gilt der TV-Vertrag. Doch es sind nicht allein die Anstoßzeiten, die für Unmut sorgen.
Ärger über kurzfristige Ansetzung
"Die Salami-Spieltage wären ja noch zu verkraften, wenn man wenigstens die genauen Termine früher wüsste", sagt Fanbetreuer Ruoff. An welchem Tag und zu welcher Zeit eine Partie ausgetragen wird, gibt die DFL "einige Wochen vorher bekannt", heißt es auf der Internetseite des Verbands. Waren das vor dem ersten Spieltag dieser Saison noch vier Wochen, lagen zwischen Ansetzung und Austragung des sechsten Spieltags nur knapp zweieinhalb. "Das ist definitiv zu wenig", kritisiert Markhardt, "Frühbucher-Rabatte für Zugtickets und Hotels gibt es dann oft nicht mehr. Auch Urlaub müssen die meisten Arbeitnehmer heute viel länger im Voraus beantragen. Darauf muss die DFL endlich reagieren."
Der Adressat wehrt sich gegen die Vorwürfe. "Wir terminieren so früh, wie es die anderen Wettbewerbe zulassen", sagt Hieronymus SPIEGEL ONLINE. Die DFL müsse die Ergebnisse und Auslosungen im DFB-Pokal sowie die Qualifikation zur Gruppenphase der Europa League berücksichtigen. "Erst wenn wir wissen, welcher Club wo die nächste Runde erreicht hat, können wir für ein Ligaspiel Tag und Uhrzeit festlegen."
Tatsächlich hat die DFL nach der Auslosung des Pokal-Achtelfinales, das am 27. und 28. Oktober stattfindet, die verbliebenen Spieltage im Jahr 2009 fest terminiert. Natürlich könne man auch für die gesamte Hinrunde schon vor dem Saisonauftakt genaue Zeiten ansetzen, sagt Hieronymus. "Aber dann müssten die Fans mit vielen Spielverlegungen rechnen und der Ärger wäre noch größer. Mein Motto ist: Lieber kurzfristig und sicher ansetzen als langfristig und vage."
"Die waren richtig sauer"
Was eine Umterminierung bedeutet, mussten zuletzt wiederum die Anhänger von Borussia Mönchengladbach erfahren. Ihr Auswärtsspiel beim SC Freiburg am siebten Spieltag sollte ursprünglich am Samstag stattfinden, wurde von der DFL binnen 24 Stunden jedoch auf den Sonntag verlegt - weil im Gegenzug das Derby Dortmund gegen Schalke auf den Samstag rutschte. "Dafür haben wir uns mit Rücksicht auf die Amateure entschieden", begründet Hieronymus. "Daran hätte die DFL auch eher denken können", sagt Ruoff. "Viele unserer Fans hatten Zugtickets und Hotels bereits gebucht. Die waren richtig sauer."
Nach Freiburg gefahren sind die Borussia-Fans trotzdem. Auch viele andere reisen ihren Clubs nach wie vor hinterher. "Die Treue zum Verein ist größer als der Ärger", sagt Hansa-Betreuer Schmidt. Doch mancher Fanbeauftragte sieht die Strapazierfähigkeit der Anhänger erschöpft: "Ich weiß nicht, wie lange das noch gut geht", sagt Wolfgang Emmert vom KSC. "Aber ich glaube, nicht mehr so lange."
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