Bayern-Sieg in Mönchengladbach Typisch Müller?

Man kennt das: Thomas Müller läuft auf verrückten Wegen in den Strafraum, stochert herum, kurz darauf führen die Bayern. Typisch? In dieser Saison eigentlich nicht.

Thomas Müller
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Thomas Müller

Aus Mönchengladbach berichtet


Was ist "ein typischer Müller"? Wenn es nach TV-Kommentator Wolff Fuss ginge, dann hatten die Zuschauer beim Sieg des FC Bayern im Borussia-Park von Mönchengladbach einen solchen mit eigenen Augen gesehen: das 0:1 in der 62. Minute. Irgendwie hatte Müller mal wieder einen seiner besonderen Laufwege gefunden. Er war am Elfmeterpunkt aufgetaucht, hatte Thiagos brillante Hereingabe mit einer hölzern wirkenden Bewegung aus der Luft geangelt und irgendwie ins Tor befördert.

Ja, es war eines dieser typischen Müller-Tore, von denen es in der laufenden Bundesligasaison nur so wenige zu sehen gibt. Der Schütze widersprach dann auch: "Ich weiß nicht, ob man von einem typischen Müller sprechen kann, ich habe ja getroffen." Insgesamt war es sein 93. Bundesligator im 250. Spiel.

In dieser Saison aber ist typisch für Müller eher, dass er gut spielt und seinen Mitspielern wunderbare Vorlagen serviert. Mit zehn Assists ist er gemeinsam mit dem Leipziger Emil Forsberg der besten Vorlagengeber der Liga. Zum Müller dieser Saison gehört aber eben auch, dass er seine Chancen ungenutzt lässt.

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Im Borussia-Park war ihm nun deutlich anzumerken, wie gut dieses Erfolgserlebnis tut. Sein bisher einziger Ligatreffer war ihm im Dezember beim 5:0 gegen den VfL Wolfsburg gelungen, 848 torlose Spielminuten hatte er seither absolviert. Dieses zweite Saisontor ist nun wirklich kostbar, denn Enttäuschungen können die Bayern vor dem wichtigen April nicht gebrauchen.

Die erste Halbzeit habe ihm "richtig, richtig gut" gefallen, sagte Carlo Ancelotti, in der zweiten Hälfte war Mönchengladbach "etwas besser", resümierte der Münchner Trainer. Aber niemand zweifelte daran, dass dieser Sieg in einem insgesamt eher unspektakulären Spiel verdient war. Auf 13 Punkte ist der Vorsprung des Tabellenführers auf RB Leipzig damit angewachsen.

Lange sah es so aus, als könne die Meisterschaft in diesem Jahr wirklich spannender werden als in den vier Spieljahren zuvor, inzwischen ist das Titelrennen wieder ein Langweiler. Und jetzt trifft auch noch der Müller, der die bayerische Überlegenheit in aller Ausgiebigkeit genoss. Am Ende des Abends ließ er sich sogar zu der Aussage hinreißen, dass die bevorstehende Länderspielpause "ganz gut tun" könne. "Da kann die Liga sich von dem Schock erholen, dass ich getroffen habe", sagte er. Auch das war ein typischer Müller: ironisch und mit verstecktem Seitenhieb.

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Denn natürlich hat ihn nicht nur der plötzliche Verlust seines Torinstinkts beschäftigt, sondern auch die Tatsache, dass alle Welt über seine Verwandlung vom Vollstrecker zum Vorlagengeber diskutiert hat. Die Lautstärke der Debatte um die schwache Torquote fand er offenbar übertrieben, aber dass es sich nicht um eine klassische Stürmerflaute handelt, an deren Ende die Tore wieder wie von allein fallen, bleibt natürlich bemerkenswert.

Selbst in den letzten Wochen, in denen die Bayern ja wieder hohe Siege am Fließband produzierten, gehörte Müller nie zu den Schützen. Einer der Gründe ist sicher das Aufblühen des auch in Gladbach wieder brillanten Thiago, der Spanier spielt oftmals hinter den Spitzen und besetzt Räume, die in früheren Jahren zur freien Verfügung Müllers standen. Aber die Schwäche im Torabschluss gehörte ja schon zu den Auffälligkeiten der EM im vorigen Sommer.

Dass Müller nun ausgerechnet in einem Spiel getroffen hat, in dem er persönlich im Gegensatz zu vielen anderen Partien der vergangenen Wochen nicht zu den Besten gehörte, war den Bayern am Ende natürlich völlig egal. "Tatsächlich ist es schön, mal wieder ein Tor selbst geschossen zu haben", sagte Teamkollege Mats Hummels mitfühlend, während Müller den stärker werdenden Hunger nach Erfolgen als besondere Qualität dieses Teams hervorhob. "Wir sind ein bisschen süchtig nach Siegen und wollen in diesem Flow bleiben."

In den vergangenen Jahren haben die Bayern gelernt, dass Seriosität in möglicherweise bedeutungslosen Bundesligaspielen wichtig ist, um auch in der Champions League stark zu spielen. Und wenn dieser Ausflug nach Mönchengladbach dazu beitragen würde, einen echten Müller-Flow in Gang zu setzen, gebührt diesem 1:0 irgendwann ein besonderer Platz in den Saisonrückblicken. Typisch.



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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
doppelnass 20.03.2017
1. Spitzenclub
So ist das halt bei echten Topclubs. Trifft der eine mal nicht, machen andere halt die Tore. Oder bereiten sie vor. Diese herbeigeredete Müller-Krise war schon drollig. Zum Glück interessiert es bei Bayern niemanden. Da lecken sich nur andere die Finger nach und zählen Minuten.
romeov 20.03.2017
2. Neulich
...fragte eine dieser standardisierten Interviewerinnen von SKY, ob es nicht bezeichnend gewesen wäre, dass in diesem Spiel (Bayern München) alle Tore durch Abwehrspieler geschossen wurden. Mir persönlich ist es vollkommen egal, wer in meiner Mannschaft die Tore macht, hauptsache wir gewinnen. Aber das ist typisch für diese Sportberichterstattungen, ständig wird verglichen und es werden Statistiken heruntergebetet, unter dem Motto: "1972 fiel auch bei Vollmond das Tor in der 83. Minute".
fairgame 20.03.2017
3. Erfrischend
Thomas Müller nur an seinen Toren zu messen, ist unsinnig. Sein Instinkt für die Situation ist einfach phänomenal, er hat ein super Auge für seine Mitspieler (siehe Assists). Eben ein Mannschaftsspieler im besten Fußballsinn. Außerdem sind seine Interviewstatements erfrischend originell mit einem Schuss Selbstironie - keine gestanzten Worthülsen, die man sonst oft von Profis hört. Wenn Lahm aufhört, wird Müller noch wichtiger für die Identifizierung der Bayernfans mit ihrem Verein. Absolut unverkäuflich.
Pela1961 20.03.2017
4. Nur mal so .....
Weil ja manchmal auch zu hören ist, dass die Tore des T. Müller dem FC Bayern fehlen würden und deshalb die letztjährige Dominanz nicht mehr vorhanden wäre: letztes Jahr am 25. Spieltag hatten die Münchner zwei Tore weniger erzielt. :-)
bollocks1 20.03.2017
5. Mueller =
total ueberschaetzt. Er hatte seine Zeit, nicht mehr und nicht weniger, ist aber rum.
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