Umstrittener Ticketanbieter Viagogo soll Schalke erpresst haben

Die Zusammenarbeit mit Viagogo gehört zu den dunklen Kapiteln der Schalker Vereinsgeschichte. Jetzt veröffentlichte der Bundesligist neue Details: Der Ticketanbieter wollte offenbar mehr Karten und soll Schalke erpresst haben.

Schalker Fans (Archivbild): Protest gegen Viagogo
DPA

Schalker Fans (Archivbild): Protest gegen Viagogo


Hamburg - Als Schalkes Marketingvorstand Alexander Jobst den Deal mit der Ticketbörse Viagogo eintütete, tat er das in der festen Annahme, dem Bundesligaklub damit etwas Gutes zu tun: Insgesamt 3,6 Millionen Euro sollte der Verein an der dreijährigen Zusammenarbeit verdienen. Stattdessen führte sie zu heftigem Unmut der Schalker Fanszene, endete in einem Streit vor einem Schiedsgericht - und einer Abneigung, die bis heute anhält.

So zumindest ist der Vorstoß Jobsts zu verstehen, der jetzt, ein gutes halbes Jahr nach dem Urteil des Gerichts, Details aus der missglückten Kooperation auspackte. Der Sportnachrichtenseite goal.com zeigte der Marketingvorstand einen E-Mail-Verkehr, der belegen soll, dass Viagogo im Sommer 2013 versucht habe, Schalke zu erpressen.

Demnach hätten beide Seiten den Start der Zusammenarbeit für den 1. August 2013 beschlossen, da Schalkes Vertrag mit dem Viagogo-Vorgänger CTS Eventim noch bis Ende Juli 2013 lief. Doch Viagogo wollte gern schon zum 1. Juli einsteigen, also vereinbarte Jobst mit CTE Eventim eine frühere Trennung - und kam mit dem neuen Ticketpartner in mündlichen Gesprächen überein, dass man bereits einen Monat früher als geplant beginnen könne. Einen schriftlichen Vertrag für diesen Monat gab es laut Jobst nicht, "was man uns durchaus zum Vorwurf machen kann".

Obwohl es Viagogo zuvor so eilig gehabt hatte, ließ das Unternehmen sich nach dieser Vereinbarung angeblich viel Zeit mit den technischen Abstimmungen, und je näher der 1. Juli rückte, umso schwieriger sei es für Schalke gewesen, überhaupt eine Antwort vom Ticketanbieter zu bekommen. Es war für den Verein demnach nicht mehr klar, ob Viagogo tatsächlich zum 1. Juli Tickets verkaufen würde können. "Dann wäre die Kritik von allen Seiten auf uns eingeprasselt", sagte Jobst goal.com.

Viagogo will sich zu den Vorwürfen nicht äußern

Einige Tage vor der Jahreshauptversammlung habe er einen Anruf von Steve Roest erhalten, dem Manager von Viagogo. "In diesem teilte er mir mit, dass Viagogo zum 1. Juli startklar wäre. Allerdings nur unter der Bedingung, Viagogo noch mehr Karten und Spiele zu gewähren", sagte Jobst: "Steve Roest sagte mir am Telefon: 'Wir können das Ganze auch verzögern.' Das wäre aus unserer Sicht katastrophal gewesen."

Viagogo wollte demnach 3600 statt 3000 Karten für Bundesliga-Heimspiele sowie die Option auf mehr Wettbewerbe wie die Champions League und nutzte offenbar die Unsicherheit Schalkes für den Monat Juli als Druckmittel. Schalke gab laut Jobst nach und änderte den ursprünglichen Vertrag nach den Wünschen Viagogos ab.

Wie goal.com hat auch SPIEGEL ONLINE Viagogo ergebnislos mit den Vorwürfen konfrontiert, das Unternehmen beharrte darauf, sich nicht äußern zu wollen - weil der ganze Vorgang lange zurückliege und bereits abgeschlossen sei. Das ist er in der Tat, der Vorwurf der Erpressung ist allerdings neu.

Die Zusammenarbeit wurde nur wenige Wochen nach ihrem Beginn wieder beendet, weil Schalke nachweisen konnte, dass Viagogo sich nicht an die (neuen) Vertragsbedingungen gehalten hatte. Mittlerweile bietet der Bundesligist seine überschüssigen Tickets auf einer vereinseigenen Börse an.

psk



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insgesamt 5 Beiträge
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Rummelfliege 26.02.2015
1. Warum soll das Erpressung sein?
Bei der Erpressung versucht jemand, sich selbst oder Dritte rechtswidrig durch Gewalt oder durch Androhung eines empfindlichen Übels zu Lasten eines anderen zu bereichern. Wo hätte sich viagogo hier rechtswidrig verhalten? Das klingt nach einer normalen Nachverhandlung eines Vertrages. Sie sollten Ihre journalistischen Standards nochmal überdenken.
funhouse 26.02.2015
2. Schalke 04 hat aus der Erpressung gelernt
Dass es als wirtschaftlich Stärkerer offensichtlich einfacher ist, sich durchzusetzen, hat auch Schalke erkannt. Und versucht das gleiche Spiel jetzt bei kleinen Ticketverkäufern:[url]http://www.jurablogs.com/go/schalke-04-gibt-auf[url/] Zum Glück hat im Privatrecht der Gesetzgeber Grenzen gesetzt und macht es den Clubs nicht zu leicht.
crunchy_frog 26.02.2015
3.
Wie jezt... ein Marketingvorstand (!) eines Bundesligisten trifft eine wichtige Abmachung, macht diese mit dem Geschäftspartner nicht schriftlich und wundert sich dann, wenn der Geschäftspartner plötzlich seine Meinung ändert? Was ist denn das für ein schlechter Witz? Da muss man auf Schalke ja froh sein, dass bei dem noch niemand mit dem Enkeltrick angerufen hat.
PeterPan95 27.02.2015
4.
Zitat von RummelfliegeBei der Erpressung versucht jemand, sich selbst oder Dritte rechtswidrig durch Gewalt oder durch Androhung eines empfindlichen Übels zu Lasten eines anderen zu bereichern. Wo hätte sich viagogo hier rechtswidrig verhalten? Das klingt nach einer normalen Nachverhandlung eines Vertrages. Sie sollten Ihre journalistischen Standards nochmal überdenken.
Androhung eines empfindlichen Übels = "Wir können die Sache auch verzögern" = Ein Monat kein Ticketverkauf für Schalke = Einnahmeausfälle, ggf. unverkaufte Karten etc. --- Bereicherung = Durch mehr verfügbare Karten für vianogo machen diese auch mehr Gewinn = mehr Geld. --- Wenn Sie Ihre Verträge auch so "nachverhandeln", sind Sie sicherlich ein total beliebter Vertragspartner, ähnlich wie vianogo ;)
bratwurst007 27.02.2015
5.
Zitat von crunchy_frogWie jezt... ein Marketingvorstand (!) eines Bundesligisten trifft eine wichtige Abmachung, macht diese mit dem Geschäftspartner nicht schriftlich und wundert sich dann, wenn der Geschäftspartner plötzlich seine Meinung ändert? Was ist denn das für ein schlechter Witz? Da muss man auf Schalke ja froh sein, dass bei dem noch niemand mit dem Enkeltrick angerufen hat.
Wenn Sie wüssten, wie oft es mündliche Absprachen gibt, würden Sie sich wundern. Ich möchte diesbezüglich auch nur einwerfen, dass auch mündliche Vertragsabsprachen gültige Verträge sind. Das beliebte Beispiel "Brötchenkauf" kennen Sie vielleicht - oder gehen Sie Sonntag morgen mit einem Vertrag Ihre Semmeln holen? Mir ist klar, dass der Vergleich natürlich hinkt und sich Schalke hier nicht sonderlich professionell verhalten hat. Das ändert aber nichts daran, sollte der Vorwurf stimmen, dass sich nicht der Verein hier unredlich verhalten hat.
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