Tops und Flops der Bundesliga-Transfers Wo Wolfsburg Letzter ist

Im großen Bundesliga-Transfercheck von SPIEGEL ONLINE kommt eine Methode zum Einsatz, die es bislang nur im Baseball gibt. Das Ergebnis: Der VfL Wolfsburg ist der große Verlierer - und der beste Zugang spielt beim FC Bayern.

Wolfsburg-Profi Paul Verhaegh: Verletzt und enttäuschend
DPA

Wolfsburg-Profi Paul Verhaegh: Verletzt und enttäuschend

Von und Otto Kolbinger


Der VfL Wolfsburg hat am Donnerstag den ersten von zwei Schritten gemacht, doch noch seine Saison zu retten. 3:1 gewann das Team gegen Holstein Kiel - aber gesichert ist die Bundesliga immer noch nicht. Im Rückspiel am Montag geht es immer noch um die Zukunft des Klubs, der vor gerade mal neun Jahren noch die Deutsche Meisterschaft gewann. Der Absturz des VfL hat viele Gründe, ein entscheidender ist jedoch ganz offensichtlich die völlig missratene Transferbilanz der Wölfe. Und die lässt sich jetzt mit neuen Zahlen belegen.

Für den großen Bundesliga-Transfercheck von SPIEGEL ONLINE wurden die Zugänge aller Klubs analysiert - mit einem im Fußball völlig neuen Ansatz. Was wäre, wenn man den Wert eines Spielers auch in der Anzahl der Siege ausweisen könnte, die der Profi seinem Verein mehr (oder weniger) gebracht hat oder bringen würde? Als Inspiration diente Baseball, wo die "WAR" (Wins above Replacement) genannte Zahl elementarer Bestandteil der Kaderplanung ist.

Wolfsburg-Trainer Labbadia: Es geht um die Zukunft des Klubs
Getty Images

Wolfsburg-Trainer Labbadia: Es geht um die Zukunft des Klubs

Seit dem legendären Baseballfilm "Moneyball" mit Brad Pitt in der Hauptrolle ist das Statistik-basierte Scouting auch hier einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. (Mehr zum Film und zum Prinzip der WAR gibt es im Hintergrundkasten.) "Your goal shouldn't be to buy players, your goal should be to buy wins", wird Brad Pitt in einer berühmten Szene belehrt. Ziel dürfe es nicht sein, Spieler zu kaufen, sondern Siege.

Hintergrund
WAR
Im Baseball sind die Wins above Replacement (WAR) eine wichtige Kennzahl für die Bewertung eines Spielers. Sie trifft eine Aussage darüber, wie viele Siege ein Baseball-Spieler mehr oder weniger wert ist als ein beliebiger auf dem Markt verfügbarer Spieler. Für die Ermittlung des objektiven Einflusses eines Profis auf das Spiel der eigenen Mannschaft werden dessen offensive und defensive Beiträge erfasst und dann anhand deren Korrelation mit erzielten und kassierten Runs in WAR umgerechnet. Das ist im Baseball besonders gut möglich. Denn dort lässt sich die Leistung einzelner Spieler aufgrund der sequentiellen Struktur einfacher messen, Offensive und Defensive können klar getrennt werden.
"Moneyball"
Der Film von Bennett Miller aus dem Jahr 2011 mit Brad Pitt in der Hauptrolle basiert auf dem Buch "Moneyball: The Art of Winning an Unfair Game" von Michael Lewis. Brad Pitt verkörpert im Film Billy Beane, den General Manager des Baseball-Teams Oakland Athletics, der Anfang der 2000er die Kaderplanung in die Hände des Statistikers und Computernerds Peter Brand legt. Dessen reales Vorbild Paul DePodesta verstand es mit Hilfe innovativer Statistiken unterbewertete Spieler zu entdecken und ermöglichte Billy Beane somit die kostengünstige Zusammenstellung eines Titelanwärters. Die Oakland A’s ärgerten mit ihrem geringen Budget noch jahrelang die großen Teams und DePodesta wurde einer der jüngsten General Manager der Geschichte. Heute sind "Sabermetrics"-basierte Spielerbewertungen Standard in allen professionellen Baseballclubs.

Wäre das auch im Fußball vorstellbar? Im Ergebnis hätte man gleich zwei Rankings: Die besten und schlechtesten Spieler einer Saison, gemessen an den Siegen, die sie einem Klub bringen. Und die besten und schlechtesten Transfers, gemessen an den Siegen, die sie ihrem neuen Arbeitgeber mehr oder weniger gebracht haben. Wer will, kann hier gleich zu den Ergebnissen.

Wer lesen möchte, wie wir gerechnet haben, liest hier weiter.

Die Basis

Mit dem SPIX (hier geht es zur Erklärung) hat SPIEGEL ONLINE einen objektiven Index zur Erfassung der Leistung eines Spielers. Das ermöglicht es, an jedem Spieltag einen Team-SPIX zu berechnen und zu simulieren, wie dieser Wert ausgesehen hätte, wenn man Spieler X durch einen beliebigen Durchschnittsspieler (SPIX von 50) ersetzt hätten. Mit anderen Worten: Für jeden Einsatz eines Spielers erhält man einen Wert, um wie viele SPIX-Punkte dieser Spieler sein Team pro Partie oder pro Saison verbessert (oder verschlechtert) hat, einen SPIX Above Replacement (SPIXAR).

Vom SPIXAR zum WAR

Und wie kommt man nun davon auf Siege, also Wins Above Replacement? Trockene Mathematik: Gibt es einen linearen Zusammenhang zwischen zwei Werten, also zum Beispiel zwischen SPIX Above Replacement pro Team und der Anzahl an Siegen, kann man jeden der beiden Werte über den jeweils anderen "vorhersagen". Je größer der Zusammenhang, desto besser (für die Statistiker unter Ihnen: der Korrelationskoeffizient zwischen SPIX Above Replacement und Siegen betrug über die vergangenen drei Saisons 0.89).

Baseballstar José Altuve (Nummer 27): Eher Messi als Müller
AFP

Baseballstar José Altuve (Nummer 27): Eher Messi als Müller

Zur Interpretation der Werte auf Spielerbasis sollte man bedenken, dass Fußball und Baseball Mannschaftssportarten mit mindestens elf bzw. neun eingesetzten Spielern pro Partie sind. Der Einfluss eines einzelnen Spielers ist dementsprechend begrenzt. In der US-Profiliga Major League Baseball (MLB) erzielten 2017 drei Spieler WAR-Werte über 8.0 in 162 Spielen: José Altuve (8.3), Corey Kluber (8.2) und Aaron Judge (8.1). Den höchsten Saisonwert der vergangenen zehn Jahre erreichte Mike Trout 2012 bzw. 2016 mit jeweils 10.5.

Heruntergerechnet auf eine Bundesligasaison mit 34 Spielen ergäben die Baseballwerte von Altuve 1.7 zusätzliche Siege, die Höchstwerte von Trout 2.2. Aber: Beide gehören zu den weltbesten Spielern, Altuve wäre also eher Messi als Müller und Trout eher Ronaldo als Lewandowski.

Die Ergebnisse

Im Ranking der Top-Spieler der Bundesligasaison 2017/2018 erreichte Mats Hummels mit einem WAR von 1.0 den besten Wert, knapp vor Robert Lewandowski (ebenfalls 1.0). Beiden wurden höhere Werte durch viele Schonzeiten verwehrt. Die besten Spieler ohne Bayern-Trikot sind Naldo und Leon Bailey auf den Rängen vier und fünf, mit Werten von jeweils 0.9.

Der Top-Transfer der Saison ist wenig überraschend James Rodríguez. In lediglich 21 Einsätzen von mehr als 30 Minuten erreichte er ebenfalls einen WAR von 0.9. Hinter dem Kolumbianer reihen sich weitere Bayern ein - aber auch ein Schalker und ein Spieler, der Eintracht Frankfurt maßgeblich verstärkte.

Den schlechtesten Transfer in dieser Saison - und da sind wir bei einer Erklärung für den Wölfe-Verfall, tätigte der VfL Wolfsburg mit Paul Verhaegh, der den VfL 0.7 Siege kostete. Betrachtet man die eingesetzten Außenverteidiger beim VfL insgesamt, stellte der Club in der abgelaufenen Saison zum Beispiel auch die schlechteste Außenverteidigung aller Bundesligisten.

2016/2017 war der VfL u.a. mit Ricardo Rodríguez (jetzt AC Mailand), Jannes Horn (1. FC Köln) und Christian Träsch (FC Ingolstadt) dort noch knapp überdurchschnittlich besetzt. In Siegen ausgedrückt betrug der Unterschied 1.0. Ein einziger Sieg - aber dem VfL hätte er die Relegation erspart.

  • Dieser Text ist Teil des Sportdatenprojekts, das SPIEGEL ONLINE gemeinsam mit der TU München und dem Institut für Spielanalyse betreibt. Es wird im Rahmen der Digitalen Nachrichten Initiative von Google gefördert.


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
MarcusDidiusFalco 18.05.2018
1. Draft System
Gut Fussball ist extrem langweilig ... Und mit dem ewigen Dauermeister noch viel langweiliger. Vielleicht würde das amerikanische Draft System die Langeweil etwas durchbrechen. Der Tabellen Letzte hat als erster Zugriff auf Transfers.
hoppelkaktus 18.05.2018
2. Da bleibt viel in Zufalls Macht - zum Glück!
Immer neue statistische Mätzchen machen den Sport allgemein und somit auch den Fußball im Besonderen weder wirklich kalkulierbarer noch aufregender, oder? Es fehlt ja bei all diesen Rechenspielchen notwendigerweise immer der unwägbare Faktor Zufall, der jedoch im Verlauf eines Wettbewerbs den Dingen so oft den entscheidenden Stoß in Richtung auf das schließlich herausspringende Ergebnis gibt. Und außerdem: mir kommt sowieso in dem großen Statistiksalat immer die nackte Psychologie viel zu kurz - sofern sie überhaupt mal eine Rolle darin spielt. Denn, mal ganz im Ernst: Was glauben Sie, wie viele Spiele beispielsweise der FC Bayern in der jüngsten Bundesligasaison n i c h t gewonnen hätte, wenn weniger Mannschaften aus der Konkurrenz mit von vorn herein vollen Hosen gegen die aufgelaufen wären? Darüber hätte ich nun wirklich mal gerne 'ne aufschlussreiche statistische Erhebung. Und sei es nur um des Vergnügens willen...
tim85nrw 18.05.2018
3. @1
Das amerikanische Draftsystem ist auf Europa doch gar nicht kopierbar, während in den USA die Schulen die sportliche Ausbildung übernehmen und dadurch keine Ambitionen vorhanden sind, Ältere zu halten, funktioniert das System. In Europa bilden die Vereine ihren Nachwuchs selbst aus, so dass gar keine Strukturen für sowas vorhanden sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.