Bundesliga-Transfers: Fressen und gefressen werden

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Hat der FC Bayern bei der Verpflichtung von Mario Götze unmoralisch gehandelt? Darf er jetzt auch noch so offensiv um Robert Lewandowski werben? Seit Tagen wird das Transfergebaren der Münchner heftig diskutiert. Dabei spiegelt es nur den normalen Alltag in der Bundesliga wider.

Was bleibt am Ende dieser für den deutschen Fußball so außerordentlichen Woche? Die Aussicht auf das erste deutsch-deutsche Endspiel in der Champions League, das zerbröselnde Denkmal des Uli Hoeneß - und ein vergiftetes Klima zwischen den beiden Großclubs Bayern München und Borussia Dortmund.

Der ebenso spektakuläre wie überraschende Transfer von BVB-Jungstar Mario Götze zu den Bayern und deren Plan, auch gleich den Vierfach-Torschützen vom Mittwoch, Robert Lewandowski, zu verpflichten, haben in Dortmund massiven Unmut ausgelöst. Für degoutant hielt man beim BVB vor allem den Umstand, dass es die Bayern nicht für nötig gehalten hatten, den Konkurrenten über die Anbahnung des Götze-Transfers zu informieren.

Der gute Ton war das tatsächlich sicherlich nicht - der FC Bayern muss eventuell noch lernen, dass zu einem Weltclub auch ein gewisser Stil, eine gewisse Noblesse gehört. Aber: Borussia Dortmund hat es vor Jahresfrist, als der Verein den Fußballer des Jahres 2012, Marco Reus aus Mönchengladbach, nach Dortmund lotste, ähnlich gehandhabt.

Bayern war zu keinem Kontakt verpflichtet

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Fotostrecke: Von Karpfen und Hechten der Liga
BVB-Boss Hans-Joachim Watzke hat dieser Tage zwar betont: "Als wir vor einem Jahr Marco Reus von Borussia Mönchengladbach verpflichtet haben, hat unser Manager Michael Zorc sofort seinen Kollegen Max Eberl angerufen." Aber eben erst dann. Zuvor hatte Eberl vergeblich auf ein Signal aus Dortmund gewartet, ob der BVB an Reus dran sei oder nicht. Deshalb gab es ein Jahr zuvor aus Mönchengladbach ähnliche Töne der Enttäuschung, wie man sie jetzt aus Dortmund hört.

Der FC Bayern war keineswegs verpflichtet, den BVB im Vorfeld zu informieren - weil sich der karrierebewusste Götze eine Ausstiegsklausel in seinen Vertrag hatte hineinschreiben lassen. München hat das ausgenutzt. Das ist das gute Recht der Bayern. Es hätte sie allerdings auch niemand daran gehindert, im Sinne eines verbesserten Bundesliga-Binnenklimas einmal kurz bei Watzke anzurufen.

Diese Nichtkommunikation war es, die Christian Heidel, Manager von Mainz 05, als "eines deutschen Meisters nicht würdig" bezeichnete. "Mir entzieht sich die Logik, warum ein aufnehmender Verein den abgebenden Verein nicht offiziell über einen Transfer informiert. Ich vermute mal, in Dortmund hat niemand mit einer Veröffentlichung einen Tag vor einem Champions-League-Halbfinale gerechnet, und dass ein Götze-Transfer ein Beben auslösen wird war jedem klar", sagt Heidel.

Heribert Bruchhagen, Vereinsboss von Eintracht Frankfurt, springt seinem Kollegen zur Seite: "Das ist eine reine Höflichkeitssache." Zugleich räumt er ein, dass er den Götze-Transfer genauso wie der FC Bayern durchgezogen hätte: "Hätten wir einen Lizenzspieleretat wie der FC Bayern, würden wir auch 37 Millionen Euro für so einen Spieler ausgeben", sagt Bruchhagen SPIEGEL ONLINE. "Das sind völlig normale Vorgänge, wie sie seit Jahrzehnten stattfinden. Wir holen Jan Rosenthal aus Freiburg, Dortmund holt Ilkay Gündogan aus Nürnberg - es geht doch immer von oben nach unten. Das ist die natürliche Nahrungskette." Er sehe deshalb keinen Grund zur Aufregung.

Fressen und gefressen werden - das sind die Marktmechanismen der Bundesliga. Und die Vereine sind darin teilweise nur noch mittelbar Handelnde. Zuweilen ist das Transfergeschäft zur Schachpartie zwischen Spielerberatern geworden. Im Fall Lewandowski wächst in der Öffentlichkeit das Unbehagen darüber. Dass die Spieler selbst dabei auch ein Wörtchen mitreden, vergisst man beinahe.

Im Fall Kruse war Gladbach der Hecht im Karpfenteich

Der Fußballprofi Max Kruse hatte beim FC St. Pauli eine gute Zeit in der zweiten Liga, wurde dort zum besten Spieler des Teams. Er stand in Hamburg noch bis 2014 unter Vertrag, als der SC Freiburg ihn 2012 in den Breisgau und damit in die erste Liga lockte. In Freiburg spielte Kruse groß auf. So wurde Borussia Mönchengladbach auf ihn aufmerksam und nutzte eine Ausstiegsklausel. Kruse unterschrieb bis 2017 in Gladbach.

Freiburgs impulsiver Coach Christian Streich schimpfte danach über den "Viehmarkt" Bundesliga. Ein Jahr zuvor, als der SC Kruse aus Hamburg weggelockt hatte, sagte der Sportdirektor vom SC, Dirk Dufner: "Dass es uns gelungen ist, einen umworbenen jungen Profi nach Freiburg zu holen, zeigt, dass der SC mit seiner Philosophie eine hervorragende Adresse für talentierte Spieler bleibt." Es liegt viel Heuchelei in der Luft.

Freiburg frisst St. Pauli, Gladbach frisst Freiburg, Dortmund frisst Gladbach, und der FC Bayern frisst sie alle. München ist der reichste Verein, ihm scheint auf Jahre hinaus sportlicher Erfolg garantiert, es ist der künftige Guardiola-Club. Die Bundesliga ist eine Art Leiter geworden, auf der die Spieler und ihre Berater nach und nach hochsteigen. Auf der obersten Sprosse thronen Karl-Heinz Rummenigge und Matthias Sammer, bis vor kurzem auch Uli Hoeneß.

Borussia Dortmund hat übrigens angekündigt, sich nach entsprechendem Ersatz für den abwandernden Mario Götze umzuschauen. Angeblich hat der Verein Gladbachs Patrick Herrmann ins Auge gefasst. Herrmanns Vertrag in Gladbach läuft noch bis 2015. Aber das heißt ja nichts.

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insgesamt 194 Beiträge
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1. Die Spieler werden nicht gezwungen zu wechseln
danido 26.04.2013
Die Leute die sich aufregen, sollten nicht vergessen, dass zu einem Wechsel immer zwei gehören. Der Verein der abwirbt und der Spieler selbst.
2. optional
copenista 26.04.2013
Bin zwar jetzt nicht der große Fan von den Bayern, aber es steht jedem Club frei, die Roten mit klugem Wirtschaften und richtigen Entscheidungen vom Thron zu stoßen. Scheint ja nicht allzu weit verbreitet zu sein, wenn man sich so in den Profiligen umschaut... Lieber jammert man über die Dominanz aus München - ist ja soviel einfacher!
3. optional
LapOfGods 26.04.2013
Bloß weil das der normale Alltag in der Bundesliga ist, heißt das ja nicht, dass man das gut finden muss.
4.
andi5lebt 26.04.2013
Es würde mich sehr wundern wenn nicht mindestens ein aktueller BVB Spieler demnächst in Manchester oder Madrid (Hauptsache Italien) spielen würde. Von eventuellen Guardiola Opfern von Bayern ganz zu schweigen. Es glaubt ja wohl niemand, daß Madrid und Barca sich das gefallen lassen. Und der Scheich in Manchester ist mit einem Aus in der Gruppenphase sicher auch nicht glücklich.
5.
muellerthomas 26.04.2013
Zitat von copenistaBin zwar jetzt nicht der große Fan von den Bayern, aber es steht jedem Club frei, die Roten mit klugem Wirtschaften und richtigen Entscheidungen vom Thron zu stoßen.
Möglicherweise kann man noch so gut wirtschaften und wird dort nicht hinkommen, weil die Spielregeln so gestaltet sind, dass sich dank CL 1-3 Mannschaften dauerhaft etablieren können. Nur wenn eine dieser Mannschaften sehr große Fehler macht, kann eine nachrücken.
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