Bundesligatrikots "Die konnten nur mit abgeklebten Brustwarzen spielen"

Arbeitskleidung ist öde? Nicht in der Bundesliga. In den Sechzigern waren es schlichte Baumwollhemden, heute sind Trikots ein Millionenbusiness. Buchautor Stefan Appenowitz erklärt die Faszination.

Dariusz Wosz (l.) und Peter Peschel, VfL Bochum 1997/1998
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Dariusz Wosz (l.) und Peter Peschel, VfL Bochum 1997/1998

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Appenowitz, was fasziniert Sie an Fußballtrikots?

Stefan Appenowitz: Die vielen Anekdoten aus mehr als einem halben Jahrhundert Bundesliga-Geschichte. Wie die Bayern im Jahr 2001 in Köln in ihren weißen ärmellosen Trainingsleibchen antreten mussten - weil sie keine Ausweichtrikots dabeihatten. Oder wie Bayer Uerdingen 1988 beim Auswärtsspiel in Frankfurt in Trikots der deutschen Nationalmannschaft gespielt hat, die ein DFB-Mitarbeiter schnell aus der DFB-Zentrale nebenan organisierte.

  • Thorsten Jochim
    Autor Stefan Appenowitz lebt in München und arbeitet in der Mediavermarktung. Wenn Sie zum Thema Bundesligatrikots Fragen oder Anregungen haben, können Sie Appenowitz direkt kontaktieren. (Bei Twitter oder bei Facebook.)

SPIEGEL ONLINE: Wie kam die Trikotwerbung in die Bundesliga?

Appenowitz: Dass Eintracht Braunschweig 1973 der Pionier war - mit Jägermeister auf dem Trikot -wissen ja die meisten. Aber was ist mit den Firmen, die danach kamen? Wieso wurde der Rasiererhersteller Remington Sponsor bei Eintracht Frankfurt? Wie kam der Campari-Schriftzug auf die Trikots des HSV? Eine spezielle Form des Trikotsponsorings gab es übrigens schon vor den Braunschweigern.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Appenowitz: Ich meine das rot-weiß gestreifte Werder-Trikot aus der Saison 1971/1972, in dem die sogenannte Millionen-Elf auflief. Das war im Grunde das erste Sponsoring, wenn auch nicht offiziell. Die Stadt Bremen und potente Mitglieder der Bremer Wirtschaft haben Werder damals viel Geld gegeben, um eine Mannschaft zusammenstellen, die um die Meisterschaft mitspielen sollte. Im Gegenzug verzichtete Werder auf seine weiß-grünen Vereinsfarben und lief in rot-weiß-gestreiften Speckflaggentrikots auf - in den Landesfarben von Bremen. Und der Bremer Schlüssel ersetzte die Werder-Raute auf der Brust.

SPIEGEL ONLINE: Heute ist Trikotwerbung eine Sache der Chefetage. Wer hat sich in den Anfangstagen der Bundesliga um die Trikots gekümmert?

Appenowitz: Die Vereine haben damals ihre Trikots noch ganz normal über den Sportfachhandel bezogen. Das war alles Katalogware. Erst Mitte der Siebzigerjahre gab es die ersten festen Bindungen zwischen den Vereinen und den Ausrüstern. Und selbst dann kam es noch vor, dass die Klubs in Trikots von anderen Herstellern gespielt haben. So lief der 1. FC Kaiserslautern in Hummel oder Le Coq Sportif auf, obwohl Adidas bereits Partner des Klubs war. Das geschah oft, wenn Trikotsätze unvollständig waren und dringend Ersatz hermusste.

SPIEGEL ONLINE: Wie war der Markt aufgeteilt?

Appenowitz: Bis Mitte der Siebzigerjahre waren es vor allem Erima und Bruno Palme. Dann übernahm Adidas Erima und beherrschte zusammen mit Puma bis Ende der Achtzigerjahre die Bundesliga als Ausrüster. In den Neunzigern kamen mit Nike, Reebok, Asics, Diadora, Patrick, Reusch oder Erbacher viele neue Sportartikelhersteller dazu - und alles wurde bunter. Bei den neongelben Dortmund-Trikots haben die meisten BVB-Fans erst mal große Augen gemacht. Prägend für die Neunzigerjahre war auch das Trikot des VfL Bochum.

SPIEGEL ONLINE: Das berühmte Papageiendesign?

Appenowitz: Das Kuriose daran war, dass Faber nicht nur Sponsor, sondern gleichzeitig Ausrüster war. Das waren ja nicht die Farben des VfL, sondern die des Sponsors. Für Faber hat sich das definitiv gelohnt, jeder erinnert sich auch heute noch an diese Trikots. Ob die Shirts qualitativ so gut waren, ist eine andere Frage: Die Spieler haben sich schon beschwert. Der Sponsorenbalken auf der Brust war bretthart, die Bochumer konnten damals kaum ohne abgeklebte Brustwarzen spielen. Man findet dieses Trikot immer wieder in Ranglisten, wenn es um das "hässlichste Bundesligatrikot der Geschichte" geht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mehr als fünf Jahrzehnte Trikotgeschichte vor Augen, unterbietet das Bochumer Trikot alles?

Appenowitz: Ich finde es eigentlich ganz cool - wahrscheinlich als einer von wenigen. Aber das ist immer Geschmackssache.

SPIEGEL ONLINE: Von den Baumwollhemden der Sechziger zu den Hightech-Shirts der Neuzeit ist es eine fortlaufende Geschichte der Kommerzialisierung, die Sie erzählen. Wenn es um die Produktionsbedingungen geht, unter denen die teuren Shirts hergestellt werden, sind Sie vergleichsweise zurückhaltend.

Appenowitz: Mein Wunsch war es, einmal den kompletten Prozess zu begleiten, vom Entwurf bis zur Auslieferung - anhand eines Klubs und eines Trikotdesigns aus der zurückliegenden Saison. Ich habe mit vielen Herstellern gesprochen, alle waren sehr hilfsbereit - ohne sie wäre das Buch in dieser Form gar nicht möglich gewesen. Aber bei der Produktion lassen sie sich leider nicht gern in die Karten schauen.

SPIEGEL ONLINE: Gab es weitere Themenbereiche, bei denen Sie an Grenzen gestoßen sind?

Appenowitz: Die Sammler kennen alle wichtigen Merkmale, an denen man ein Originaltrikot von einem gefälschten Trikot unterscheiden kann. Diese zu verraten, wäre jedoch fatal, da sonst die Fälscher wieder nachziehen würden. Der Markt ist nämlich mittlerweile sehr groß und lukrativ, und es sind viele Fälschungen im Umlauf. Da werden aus Rohlingen und den passenden Patches und Nummern vermeintliche Originale zusammengeschustert und dann auf verschiedenen Onlineplattformen für viel Geld angeboten. Ein unbedarfter Fan hat bei vielen Fälschungen kaum eine Chance, die Unterschiede zu erkennen. Deshalb halten sich die Sammler bei dem Thema verständlicherweise ebenfalls sehr bedeckt.

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Stefan Appenowitz:
Die Trikots der Bundesliga

1963 bis heute

Geramond; 256 Seiten; gebunden; 29,99 Euro

SPIEGEL ONLINE: Was sind Trikotsammler für Menschen?

Appenowitz: Die meisten sind einfach heiß auf Trikots. Dabei gilt: Je älter die Trikots sind, desto besser. Natürlich müssen die Trikots auch "matchworn" sein - also vom Spieler getragen. Dann gehen die Herzen der Sammler auf. Fast alle haben riesige Sammlungen mit bis zu 2000 und mehr Trikots, manchmal nur von einem einzigen Verein, mal breiter gemischt vom Lieblingsklub bis zur Nationalmannschaft oder internationalen Klubs. Nicht wenige haben sich zu Hause ein eigenes Museum eingerichtet, auf das manche Bundesligisten neidisch werden könnten.

SPIEGEL ONLINE: Was zahlt ein interessierter Sammler für ein Trikot?

Appenowitz: Das kann schnell in den vier- oder gar fünfstelligen Bereich gehen, wenn es eine echte Seltenheit ist. Das entscheidende Kriterium ist jedoch immer: Ist die Quelle sicher? Ist das ein Trikot, das nachweisbar in einem bestimmten Match oder in einer bestimmten Saison getragen wurde? Ein richtig altes Trikot kann dann da locker mal für 5000 Euro oder mehr den Besitzer wechseln.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
jogola 27.11.2018
1. "Buchautor Stefan Appenowitz erklärt die Faszination"
Ist das nicht wie ein erklärter Witz ?
hausfeen 27.11.2018
2. Die zwei nackten Frauen auf dem Oberarm zur Schulter.
Ich dachte lange, das sei Werbung für ein Erotik-Etablissement.
rofldub 27.11.2018
3.
Zitat von hausfeenIch dachte lange, das sei Werbung für ein Erotik-Etablissement.
Welches Trikot war das denn?
kastenmeier 27.11.2018
4.
250 Seiten über Fußballhemden. Alter Schwede, geht mir der Fußball mittlerweile auf den Geist.
serenity2012 27.11.2018
5. Klickzwang
Zitat von kastenmeier250 Seiten über Fußballhemden. Alter Schwede, geht mir der Fußball mittlerweile auf den Geist.
Geht Ihnen so furchtbar auf den Geist, dass Sie doch gleich mal den Artikel anklicken mussten, richtig?
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