Nach Mertesacker-Äußerungen Brauchen Fußballer den Psychologen?

Per Mertesacker hat mit seinen Äußerungen im SPIEGEL eine Debatte über Leistungsdruck im Fußball ausgelöst. Die Vereine arbeiten heute mit Sportpsychologen zusammen, so richtig scheinen sie aber noch nicht angekommen zu sein.

Per Mertesacker bei der WM 2014
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Per Mertesacker bei der WM 2014

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Wenn im Sport vom Druck die Rede ist, ist schnell der Motivationstrainer Matthias Herzog zur Stelle. Als die Spieler von Borussia Dortmund im Vorjahr einen Bombenanschlag zu überstehen hatten, wenn Boxer Klitschko zum letzten Gefecht antritt oder wenn Thomas Tuchel sich beim BVB mit dem Vorstand verkracht hat - der Promi-Motivator Herzog hat zu allem eine Einschätzung.

Herzog hat sich nun auch nach den Aufsehen erregenden Äußerungen von Per Mertesacker zu Wort gemeldet. Dem Sportinformationsdienst teilte er seinen Argwohn mit, ob Mertesackers Worte über den extremen Leistungsdruck, den er empfunden hat, wirklich Konsequenzen hätten. "Die Spieler haben Angst, Schwäche zu zeigen und zu Mentaltrainern zu gehen", sagte Herzog. Viele Profis würden befürchten, dann nur noch auf der Bank zu sitzen oder keinen neuen Vertrag mehr zu bekommen.

Ohnehin glaubt er, dass "viele Bundesligisten Mentaltrainer nur pseudomäßig engagieren". Gerade die modernen Trainer würden Mentalcoaches eher als Konkurrenz ansehen.

"Bei uns herrschen keine Ressentiments"

So viel Skepsis - da gehen die Vereine nicht unbedingt mit. "Selbstverständlich haben die Profis stets die Möglichkeit, sportpsychologische Hilfen in Anspruch zu nehmen", sagt Dirk Mesch, Pressesprecher bei Erstligist Bayer Leverkusen. Der Klub biete "praktische Angebote" und gehe auch auf "exklusive Wünsche einzelner Spieler" ein, sagt Mesch. Mit einem Seitenhieb auf Experten wie Lothar Matthäus, der sich am Wochenende despektierlich zu Mertesacker geäußert hatte, sagt Mesch: "In diesem Zusammenhang herrschen bei uns keinerlei Ressentiments."

Der Nachbar 1. FC Köln hat psychologische Hilfe seit zwei Jahren in seinem Nachwuchsleistungszentrum etabliert. Die Kooperation mit der Deutschen Sporthochschule wurde im Januar 2016 gestartet, damals konnte der FC mit Fug und Recht behaupten, dass es sich um ein Projekt handelt, das "in dieser Form wahrscheinlich einzigartig in Deutschland ist", sagte Jörg Jakobs, damals der verantwortliche Sportdirektor. Jakobs ist nicht mehr im Verein, beim FC haben sich ohnehin fast alle Dinge umgewälzt, aber an dem Projekt hält der Verein fest.

Schon die Jahrgänge U8 und U9 der FC-Bambini haben dort einen Ansprechpartner, wenn sie Probleme haben. Da geht es um Leistungsdruck, aber auch um solche Themen wie ausreichende Erholung, genug Schlaf, den Umgang mit Stress. Genau die Dinge, die dem angehenden Nachwuchscoach Mertesacker für seine künftige Arbeit beim FC Arsenal wichtig sind.

Hermann aus dem DFB-Team nicht wegzudenken

Der frühere Nationalspieler hat davon gesprochen, dass er sich nicht getraut habe, psychologische Hilfe wahrzunehmen, auch wenn es Angebote gab - um keine Schwäche zu zeigen. Das dürfte nach wie vor ein Hemmnis sein, auch wenn Hertha-Mediendirektor Marcus Jung betont, man pflege "bei diesem Thema einen offenen Dialog mit den Profis", einige der Herthaspieler würden zudem "privat in diesem Bereich an sich arbeiten". So richtig ins Detail, ob und wie die Psychologen eingebunden und tatsächlich angefragt sind, wollen die Vereine aber nicht gehen.

Der SC Freiburg verzichtet im Profibereich noch auf einen Psychologen. "Im Trainerstab haben Christian Streich und Torwarttrainer Andreas Kronenberg ein Studium mit pädagogischem Hintergrund", verweist Pressesprecher Sascha Glunk: "Abgesehen davon glauben wir, dass die Kommunikationswege und das Vertrauensverhältnis zwischen Spielern und Verantwortlichen in Freiburg intakt sind."

Als viele Vereine über Psychologie im Fußball noch gelächelt haben, hat man bei der Nationalmannschaft das Thema bereits in die Arbeit integriert. Hans-Dieter Hermann arbeitet bereits seit 2004 für das DFB-Team, eine Initiative des damaligen Teamchefs Jürgen Klinsmann. Er hatte im Verband auch mit dieser Maßnahme erhebliche Widerstände zu überwinden, heute ist Hermann aus dem Team von Joachim Löw nicht wegzudenken.

"Der Eindruck von funktionierenden Jungs, die ständig eine ratgebende Entourage um sich haben, täuscht", hat er schon 2013 in einem seiner eher seltenen Interviews der "Zeit" gesagt, er mag da auch an Mertesacker gedacht haben: "Fußballspieler auf diesem Leistungsniveau sind von der Öffentlichkeit intensiv beobachtete Hochleistungssportler, die schnell in Ungnade fallen, wenn sie eine erwartete oder geforderte Leistung nicht bringen."

Hermann hatte schon vor Jahren eine "größere Nachfrage nach psychologischer Unterstützung" registriert. Ob das alle Spitzenvereine auch so sehen, ist allerdings fraglich.



insgesamt 21 Beiträge
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Fackel 12.03.2018
1. Kalter Kaffee
Die BL Vereine haben das schon lange im Angebot. Sie können es sich gar nicht erlauben, dass ein so teures Asset wie ein Spielet nicht das bestmögliche aus sich rausholt. Nur wird wahrscheinlich sehr viel versteckt gemacht um die Spieler zu schützen. Geht ja auch keinen was an.
dasfred 12.03.2018
2. Erst die Diagnose, dann der Psychologe
Wenn ein Problem auftritt, ist es erstmal wichtig, eine genaue Diagnose zustellen. Für viele gibt es keinen Unterschied zwischen "Lampenfieber", Depression, depressive Verstimmung und "Burnout". Da nutzt ein Motivationscoaching gar nicht. Zu jeder emotionalen Belastung muss erst die Ursache gefunden werden, bevor eine Psychotherapie überhaupt eingeleitet werden kann, und selbst dann muss der Patient erst Vertrauen zum Psychologen fassen können. Das ist dann nicht zwangsläufig der, den der Verein engagiert. Von daher, auch in Betracht der Vorurteile, sollte ein Fussballer zuerst private Hilfe von außen suchen.
Atheist_Crusader 12.03.2018
3.
Im Profisport kann man in wenigen Jahren genug Geld verdienen um sein Leben lang nicht mehr arbeiten zu müssen - vorausgesetzt man investiert einigermaßen klug und hat seine Ausgaben unter Kontrolle. Ist doch nicht überraschend, dass in einer solchen Branche ein hoher Leistungsdruck herrscht - das ist der Preis den man für den Ruhm und das Geld bezahlt. Aber wer sich dem nicht gewachsen fühlt, der sollte diesen Beruf auch nicht ergreifen. Oder vielleicht aus eigener Tasche einen Psychologen bezahlen. Sich mit einem Jahresgehalt von aktuell 4,3 Millionen Euro hinzustellen und sich dann beschweren, dass dafür mehr Leistung erwartet wird als beim Bolzverein um die Ecke finde ich doch ein bisschen dreist. Wollen vielleicht als nächstes die Top-Manager mit sechsstelligem Monatsgehalt anfangen zu heulen, dass sie ihre Familie kaum sehen? Es gibt Ausbeutung - und es gibt Leute die nicht begreifen, dass ein extrem gut bezahlter Job eben auch hohe Anforderungen haben kann.
Actionscript 12.03.2018
4. Jeder Theaterschauspieler,
Zitat von Atheist_CrusaderIm Profisport kann man in wenigen Jahren genug Geld verdienen um sein Leben lang nicht mehr arbeiten zu müssen - vorausgesetzt man investiert einigermaßen klug und hat seine Ausgaben unter Kontrolle. Ist doch nicht überraschend, dass in einer solchen Branche ein hoher Leistungsdruck herrscht - das ist der Preis den man für den Ruhm und das Geld bezahlt. Aber wer sich dem nicht gewachsen fühlt, der sollte diesen Beruf auch nicht ergreifen. Oder vielleicht aus eigener Tasche einen Psychologen bezahlen. Sich mit einem Jahresgehalt von aktuell 4,3 Millionen Euro hinzustellen und sich dann beschweren, dass dafür mehr Leistung erwartet wird als beim Bolzverein um die Ecke finde ich doch ein bisschen dreist. Wollen vielleicht als nächstes die Top-Manager mit sechsstelligem Monatsgehalt anfangen zu heulen, dass sie ihre Familie kaum sehen? Es gibt Ausbeutung - und es gibt Leute die nicht begreifen, dass ein extrem gut bezahlter Job eben auch hohe Anforderungen haben kann.
der vor Publikum auftritt, hat Leistungsdruck. Ob da nun Millionen wie beim Fussball oder 100 Leute zuschauen, macht keinen Unterschied. Und der Schauspieler bekommt nur ein einfaches Gehalt und kann sich keinen bemerkbaren Fehler erlauben, der Fussballspieler schon. Denn davon geht ein Spiel nicht unbedingt in die Hose. Da frage ich mich nun doch, was das ganze Theater um den "Druck" im Fussball soll. Wenn ich das nicht ab kann, dann muss ich was anderes tun.
samothrake.von.nike 12.03.2018
5.
Zitat von Atheist_CrusaderIm Profisport kann man in wenigen Jahren genug Geld verdienen um sein Leben lang nicht mehr arbeiten zu müssen - vorausgesetzt man investiert einigermaßen klug und hat seine Ausgaben unter Kontrolle. Ist doch nicht überraschend, dass in einer solchen Branche ein hoher Leistungsdruck herrscht - das ist der Preis den man für den Ruhm und das Geld bezahlt. Aber wer sich dem nicht gewachsen fühlt, der sollte diesen Beruf auch nicht ergreifen. Oder vielleicht aus eigener Tasche einen Psychologen bezahlen. Sich mit einem Jahresgehalt von aktuell 4,3 Millionen Euro hinzustellen und sich dann beschweren, dass dafür mehr Leistung erwartet wird als beim Bolzverein um die Ecke finde ich doch ein bisschen dreist. Wollen vielleicht als nächstes die Top-Manager mit sechsstelligem Monatsgehalt anfangen zu heulen, dass sie ihre Familie kaum sehen? Es gibt Ausbeutung - und es gibt Leute die nicht begreifen, dass ein extrem gut bezahlter Job eben auch hohe Anforderungen haben kann.
Sie schreiben, was ich denke. Wer Leistungssportler wird, weiß, dass es Druck im Wettkampf gibt. Wer in der ersten Liga spielt, der weiß, dass es dort noch mehr Druck geben wird. Wer damit nicht klar kommt, der darf kein Leistungssportler geben. Ein Fußballer dieser Riege weiß aber auch, dass er in einem Jahr mehr verdient als mancher in seinem ganzen Leben. Dies sind alles freiwillige Entscheidungen. Sich einen Job auszusuchen und dann zu sagen, den mache ich dauerhaft aber nur mit psychologischer Betreuung, ist irgendwie komisch.
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