Erster VfB-Sieg unter Stevens Plötzlich wieder Fußball

Unter seinem neuen, alten Trainer Huub Stevens zeigte der VfB Stuttgart phasenweise, dass er zu Unrecht im Tabellenkeller steckt. Den Rest erledigte eine verwirrte Freiburger Mannschaft - mit gefühlt vier Eigentoren.

Aus Freiburg berichtet

DPA

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Im Fußball bedarf es nicht vieler Worte, man versteht sich auch so, und eine ehrliche Geste sagt ohnehin oft mehr. Auch die Trainer Christian Streich und Huub Stevens mussten an diesem Freitagabend nicht mehr viel sprechen, eine kräftigte Umarmung reichte aus. Der eine (Streich) war mindestens so niedergeschlagen wie der andere erleichtert (Stevens) und jeder von beiden wusste, was den anderen bewegte.

Stevens, der in seinem ersten Spiel nach der Wieder-Einstellung in Stuttgart gleich einen 4:1 (1:1)-Sieg gegen Freiburg landete, hatte einen angemessen gelassenen Auftritt bei der anschließenden Pressekonferenz. Mit wenigen Worten erzählte er die schwache erste Stuttgarter Hälfte nach, um im Anschluss genau zwei positive Sätze über das Spiel seiner Mannschaft zu sagen: "Wir haben dann sehr guten Konterfußball gespielt. Ich denke, es ist nicht so schlecht, wenn man auswärts vier Tore schießt." Das stimmte schon: Ein so deutlicher Auswärtssieg ist weit mehr, als man sich noch vor wenigen Tagen in Stuttgart erträumt hätte.

Zumal die drei Punkte verdientermaßen nach Stuttgart gingen. Zwar war der VfB in der ersten Hälfte vor allem spielerisch unterlegen, doch dafür dominierte er den zweiten Durchgang umso klarer. Und das lag nicht nur an den grotesken Fehlern der Freiburger, sondern auch am plötzlich konsequenten Zweikampfverhalten der der Stuttgarter. "Wir haben Freiburgs Innenverteidiger unter Druck gesetzt, sie zu Fehlern gezwungen und davon letztlich auch profitiert", freute sich der neue, alte Coach.

Stuttgart mit One-touch-Fußball

Und tatsächlich: Je besser die Balleroberungen gelangen, desto drückender wurde das Übergewicht im Mittelfeld, das im ersten Durchgang noch Freiburger Hoheitsgebiet gewesen war. Nun rochierten dort die Stuttgarter, die auf einmal einen sehr ansehnlichen One-Touch-Fußball spielten. Und prompt kam das Glück zurück, dem Armin Veh am vergangenen Montag in seiner Abschiedserklärung so nachgetrauert hatte.

Vor dem 2:1 fiel der Ball dem Stuttgarter Carlos Gruezo im Rückraum vor die Füße. In Freiburgs Drangphase schepperte nur die Latte (Felix Klaus/44. Minute), und zumindest der erste Harnik-Treffer war schwer abseitsverdächtig.

Doch das interessierte am Ende des Abends niemanden mehr. Denn der SC, der zuletzt sieben Punkte aus drei Bundesligapartien geholt hatte, war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um zu hadern: Schlimme Fehlpässe, dumme Fouls, mehrere individuelle Totalausfälle - es war besorgniserregend, wie wenig in diesem verwirrten zweiten Durchgang funktionierte. Trainer Streich hatte insofern Recht, als er sagte: "Das waren alles gefühlte Eigentore, auch wenn es am Schluss immer ein Stuttgarter war, der getroffen hat."

"Die Kirche im Dorf lassen"

Um genau zu sein, waren es vier Tore, für die recht oft der gleiche Fußballer verantwortlich war: Stefan Mitrovic spielte vor dem 2:1 einen brutalen Fehlpass in den Fuß von Sercan Sararer und leitete das 3:1 (Timo Werner/68.) mit einem weiteren Fehlpass ein. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Ehe ihm das dritte Gegentor anzukreiden gewesen wäre - diesmal hatte der serbische Nationalspieler das entscheidende Laufduell gegen Harnik um Längen verloren -, erlöste er sich selbst mit einem Foul an der Strafraumgrenze, für das er Rot sah.

"Wir müssen aufpassen, dass er sich nicht zu sehr geißelt und mit dem Spiel heute konstruktiv umgeht", sagte Streich nach der Partie. "Heute ist wirklich alles zusammengekommen." Stimmt: Es trugen zuerst Freiburgs Offensive und dann seine Defensive dazu bei, dass der Stevens-Auftakt so perfekt gelang. "Wir sollten jetzt die Kirche im Dorf lassen", forderte deshalb auch Doppeltorschütze Harnik, bevor er zum Mannschaftsbus ging.

Dass das kein leerer Spruch war, bewies ein Blick in den offenen Lagerraum. Kein Champagner weit und breit. Aber immerhin eine Kiste Malzbier.

SC Freiburg - VfB Stuttgart 1:4 (1:1)
0:1 Harnik (31.)
1:1 Darida (42.)
1:2 Gruezo (52.)
1:3 Timo Werner (68.)
1:4 Harnik (76.)
Freiburg: Bürki - Sorg, Torrejon, Mitrovic, Günter - Darida, Höfler - Klaus (53. Kerk), Schmid - Mehmedi (84. Frantz), Freis (72. Schahin)
Stuttgart: Ulreich - Klein, Baumgartl, Rüdiger, Hlousek - Gruezo (90. Ginczek), Leitner (75. Gotoku Sakai) - Sararer (66. Rausch), Gentner, Timo Werner - Harnik
Schiedsrichter: Gräfe
Zuschauer: 24.000 (ausverkauft)
Rote Karte: Mitrovic nach einer Notbremse (70.)
Gelbe Karten: Mehmedi, Höfler - Gruezo

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
dr.könig 29.11.2014
1. Trainer stellt Team otimal ein
Da sieht man, was einen guten von einem sehr guten Trainer unterscheidet. Einmalig, klasse, Super..... Nur schade, dass Huub diese Wertschätzung vom Präsidium nicht erfährt. Letztes Jahr war Herr Stevens die Aushilfe zum Klassenerhalt. Jetzt wird er geholt bis zum Saisonende als Retter des gesamten Vereins. Dem Mann sollte man einen " guten " Vertrag bis 2016 geben. Nach dem gestrigen Spiel habe ich schon zwischendurch an ein " Denkmal " für Huub gedacht.
Talan068 29.11.2014
2. Wetten das
Darauf hätte ich nicht gewettet. Gab bestimmt eine gute Quote, wenn man das getippt hat.
zauselfritz 29.11.2014
3.
Zitat von dr.königDa sieht man, was einen guten von einem sehr guten Trainer unterscheidet. Einmalig, klasse, Super..... Nur schade, dass Huub diese Wertschätzung vom Präsidium nicht erfährt. Letztes Jahr war Herr Stevens die Aushilfe zum Klassenerhalt. Jetzt wird er geholt bis zum Saisonende als Retter des gesamten Vereins. Dem Mann sollte man einen " guten " Vertrag bis 2016 geben. Nach dem gestrigen Spiel habe ich schon zwischendurch an ein " Denkmal " für Huub gedacht.
Das ist natürlich völliger Unsinn. Nicht das Stevens kein ordentlicher Trainer wäre, aber kein Trainer der der Welt kann aus einem untauglichen Haufen innerhalb einer Woche eine taugliche Mannschaft formen. Und weil das eine Tatsache ist, bleibt nur die erneute Erkenntnis, dass auch diese Stuttgarter Mannschaft schlicht Arbeitsverweigerung betrieben hat - so wie es beim VfB seit Jahren Mannschaftstradition ist. Wenn dann der Trainer weg ist, sei es gefeuert oder zurückgetreten, und ein neuer Besen mit einem harten Ruf eingezogen ist, geht die Angst um im Kreise der Mannschaft und plötzlich besinnt man sich wieder darauf, dass man ja für sein üppiges Gehalt auch was arbeiten sollte. Ich wäre bereit darauf zu wetten, dass dieser Effekt auch bei dieser Mannschaft schon bald wieder nachlässt und Stuttgart da bleibt wo es hingehört: Unten. Diese Saison wäre ein Abstieg endlich mal fällig um den Stall von oben bis unten auszumisten.
klaus meucht 29.11.2014
4. Doch zurecht weit unten
Ich habe keine Verbesserung des VfB Spiels gesehen. Die Stuttgarter waren in der ersten Hälfte sehr schlecht und retteten mit viel Glück ein 1 zu 1 in die Pause. Der deutliche Sieg kam nicht aus eigener Stärke heraus, sondern durch extreme individuelle Fehler der Freiburger. Man sollte sich nicht vom Ergebnis täuschen lassen. In dieser Form ist der VfB weiterhin ein Abstiegskandidat. Allerdings einer von vielen. Denn zwischen dem 6. und 18. sind die Unterschiede nur gering.
riko67 29.11.2014
5. Stimme ich zu!
Zitat von klaus meuchtIch habe keine Verbesserung des VfB Spiels gesehen. Die Stuttgarter waren in der ersten Hälfte sehr schlecht und retteten mit viel Glück ein 1 zu 1 in die Pause. Der deutliche Sieg kam nicht aus eigener Stärke heraus, sondern durch extreme individuelle Fehler der Freiburger. Man sollte sich nicht vom Ergebnis täuschen lassen. In dieser Form ist der VfB weiterhin ein Abstiegskandidat. Allerdings einer von vielen. Denn zwischen dem 6. und 18. sind die Unterschiede nur gering.
Ich habe das ähnlich gesehen. Jeder beim VfB wäre gut beraten, zwar zum einen den Schwung mitzunehmen, aber es nicht zu versäumen, strukturelle Veränderungen (in die Zukunft gerichtete) einzuleiten. Ob dies mit Stevens zu machen ist, weiß ich nicht. Es kann aber zumindest in Stuttgart nicht das Ziel sein, alljährlich lediglich um den Klassenerhalt zu spielen - alleine mit diesem Background (Stadion und Einzugsgebiet) und den finanziellen Mitteln, die dort zur Verfügung stehen... Wir werden sehen!
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