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10. Februar 2013, 11:32 Uhr

VfB-Trainer Labbadia

Tinte trocken - Flasche leer

Von Christoph Ruf, Stuttgart

Vor elf Tagen erst wurde sein Vertrag bis 2015 verlängert, jetzt fordern die Fans seinen Rauswurf. Nach fünf Niederlagen in Folge steht Bruno Labbadia in Stuttgart unter Beschuss. Sauer sind die Fans auch auf den Vorstand - weil dieser den Verein kaputtspare.

Das Spiel war noch lange nicht vorbei, als sich Endzeitstimmung im westlichen Teil des Stuttgarter Stadions breitmachte. "Bruno raus" skandierten die Fans an der Eckfahne, "Stuttgart retten, Vorstand raus", die hinterm Tor. Und alle hatten irgendwie "die Schnauze voll".

Wer sollte den VfB-Fans ihren Frust auch verdenken angesichts der fünften Niederlage in Folge. Jeweils null Punkte gegen Bremen, Mainz, Wolfsburg, Bayern und Düsseldorf - drastischer kann eine Elf, die noch an Weihnachten ans internationale Geschäft dachte, nicht versagen. Oder doch?

In Wahrheit geht das nämlich durchaus: Der VfB hat es in den vergangenen Wochen schließlich geschafft, bei den vier Niederlagen seit Rückrundenstart mehr als ein Dutzend krasse Abwehrfehler zu fabrizieren, die ihm "das Genick gebrochen haben", wie Trainer Bruno Labbadia zugab.

Lange hat sich der VfB-Coach geziert, seinen Vertrag zu verlängern. Am 31. Januar war es dann endlich soweit. Nun sieht es so aus, als könne Labbadia froh sein, ein bis 2015 gültiges Arbeitspapier in den Händen zu haben. Wobei - und das ist aus Stuttgarter Sicht eher noch deprimierender - der VfB auch gegen Werder wieder gut ins Spiel kam und agierte, als sei er wild entschlossen, für sich und das Konzept des Trainers zu spielen.

Stuttgarts Defensive mit zu vielen "Molinaros"

Die erste halbe Stunde waren die Stuttgarter dann auch das klar bessere Team, das sowohl bei eigenem als auch bei gegnerischem Ballbesitz überzeugte. Doch was nützt das, wenn der Gegner jedes Mal von Fehlern profitiert, wie sie selbst in DFB-Pokal-Erstrundenspielen gegen bierbäuchige Siebtligisten selten passieren?

Bei der 1:4-Niederlage gegen Bremen gingen gleich drei der vier Gegentore auf das Konto der Stuttgarter Defensive. Zwei davon wurden dabei von so genannten "Molinaros" begünstigt. So nennen die VfB-Fans seit dem spielentscheidendem Fehler des gleichnamigen Verteidigers gegen Bayern die komplett unnötigen Abwehrböcke, die zu Torvorlagen für den Gegner werden.

Vor dem 1:2 durch Aaron Hunt (60. Minute) ließ sich William Kvist den Ball von Nils Petersen abluchsen. Dem 1:3 durch einen Freistoß von Mehmet Ekici (74.) ging ein Foul voraus, das Christian Gentner beging, um einen haarsträubenden Fehler von Georg Niedermeier auszubügeln. Und der 1:4-Schlusspunkt durch Kevin de Bruyne (90.) fiel, weil Keeper Sven Ulreich im Kasten blieb, anstatt den kürzeren Weg zum Ball zu nutzen. "Es hat doch keinen Sinn, über ein Tor in der Nachspielzeit zu diskutieren", sagte VfB-Manager Fredi Bobic: "Da war das Spiel längst entschieden."

So oder so: Lediglich der erste Bremer Treffer durch Ekici (34.) und der zwischenzeitliche Stuttgarter Ausgleich durch Ibrahima Traoré waren Tore, die nicht nach slapstickartigen Fehlern fielen. Und so sehr Werder-Coach Thomas Schaaf Recht hatte, wenn er sein Team für "ein gelungenes und gutes Spiel" lobte - Bremen trat am Samstag keinesfalls wie eine unschlagbare Elf auf. Wenn beim VfB derzeit eben nicht so vieles "eine Sache der Konzentration" wäre, wie Bobic befand.

Strukturelle Probleme bei den sparsamen Schwaben

Innenverteidiger Serdar Tasci wunderte sich nach dem Spiel dann auch zu Recht über die Dynamik des Duells: "Das 1:1 so kurz nach der Pause hätte uns Sicherheit geben müssen. Leider ist es anders herum gelaufen." Kapitän Tasci hatte einige Tage zuvor bereits festgestellt, der VfB habe "mental nicht die stärkste Mannschaft".

Was schwer zu bestreiten ist bei einem Team, in dem derzeit so gut wie alle Leistungsträger (inklusive dem einstigen Ausbund an Zuverlässigkeit, Kvist) viel zu viel mit ihren eigenen Formschwankungen zu tun haben, um den wenigen Jüngeren im Kader helfen zu können. Strukturelle Probleme, die auch eine Folge des Sparkonzepts sind, das Präsident Gerd Mäuser dem Club verordnet hat.

Gegen Werder war mit Traoré jedenfalls bezeichnenderweise ein 24-Jähriger mit 33 Erstligaspielen der einzige Akteur, der den Kopf oben hatte - und der damit dem Spielverlauf und dem legendär destruktiven Stuttgarter Publikum gleichzeitig trotzte.

Ein interessantes Bild für die Lage des Clubs fand nach dem Spiel Manager Bobic, der vor der richtungsweisenden Begegnung bei Hoffenheim am kommenden Sonntag (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) empfahl, die "brutale Situation ernstzunehmen". Man stehe trotz der neun Punkte Vorsprung auf die Kraichgauer im Abstiegskampf: "Wir sind im Dreck und müssen uns da jetzt raussuhlen."

In der Tat eine schweinische Situation.

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