Videobeweis in der Bundesliga Big Brother is watching your Handspiel

Der Videobeweis könnte schneller kommen als gedacht: Die Fifa drängt die Bundesliga, die Technik so schnell wie möglich einzuführen. Vielleicht schon zur Rückrunde der kommenden Saison.

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Videokamera bei Bundesligapartie
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Videokamera bei Bundesligapartie


Schiedsrichter-Fehlentscheidungen im Fußball - es gibt kaum etwas, das Fans so sehr in Rage versetzen kann. Ein ungeahndetes Handspiel? Ein Elfmeter, der keiner war? Skandal! Wie schwer der Job des Referee ist, zeigte zuletzt die Aufregung um Leverkusens Trainer Roger Schmidt.

Der Bayer-Coach hatte sich im Spiel gegen Borussia Dortmund etwas zu energisch über eine Entscheidung von Schiedsrichter Felix Zwayer beschwert und war deshalb auf die Tribüne verwiesen worden. Schmidt weigerte sich jedoch zunächst - also ging Zwayer selbst vom Platz. Erst als sich der Trainer dann doch aus dem Innenraum entfernte, wurde die Partie wieder angepfiffen. Später gab es drei Spiele Sperre für Schmidt - und einen weiteren Eintrag in die historische Sammlung von Schiedsrichter-Skandalen.

Der Aufreger ließ auch Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge nicht kalt. "Was wir dringend brauchen, ist der Videobeweis, hätten wir den gehabt, dann hätte es keinen großen Aufreger gegeben", sagte der Vorstandsvorsitzende der Münchner. "Es geht um zu viel, am Ende kann das darüber entscheiden ob man Champions League spielt oder nicht."

Die Leidenszeit von Fans und Verantwortlichen könnte bald vorbei sein: Am 5. März entscheidet das IFAB, das Regelgremium der Fifa, ob auch in der Bundesliga Tests mit dem Videoschiedsrichter durchgeführt werden. In Deutschland begrüßt laut Umfragen eine Mehrheit die Einführung zusätzlicher technischer Hilfsmittel für die Unparteiischen.

Im Video: Der DFL-Chef zur neuen Technologie

Warum hat der Videoschiedsrichter das nicht gesehen?

Zumal die Torlinientechnik bereits seit dieser Saison erfolgreich in deutschen Stadien angewandt wird. War der Ball hinter der Linie? Das können die Schiedsrichter nun meist verlässlich beantworten - ein Phantomtor wie von Stefan Kießling ist nahezu undenkbar geworden. Doch das Thema Videoschiedsrichter ist etwas komplizierter.

Das zeigt auch Rummenigges Statement. Selbst ein Fachmann wie er hat den Videoschiedsrichter noch nicht richtig verstanden. Den Eklat von Leverkusen hätte dieser nämlich keineswegs verhindert. Schiedsrichter Felix Zwayer bewertete die umstrittene Szene vor dem 1:0 für Dortmund, als BVB-Profi Matthias Ginter einen Freistoß einige Meter vom Ort des Fouls entfernt ausführte, auch nach Ansicht der Zeitlupen genauso wie zuvor auf dem Platz.

Anders verhält es sich hingegen bei der zweiten strittigen Szene des Topspiels: In der Schlussphase übersahen Zwayer und sein Team einen klaren Handelfmeter für Leverkusen. Ein Videoschiedsrichter, der innerhalb weniger Sekunden unterschiedliche TV-Einstellungen betrachtet, hätte hier für Aufklärung sorgen können.

Keine Frage: Ein solcher Experte für Fernsehbilder würde das Spiel gerechter machen, aber Fehlentscheidungen und vor allem leidenschaftliche Diskussionen über die korrekte Regelauslegung würde es weiterhin geben. Dann würde zusätzlich geschimpft werden: "Warum hat der Videoschiedsrichter das nicht gesehen?"

Videoschiedsrichter soll bereits ab Rückrunde eingreifen

Die Vision von einer vollständigen Gerechtigkeit wird also eine Utopie bleiben, die Grauzone des Regelwerks weiter existieren. Kameraleute, Zeitlupenoperatoren und technische Redakteure könnten nicht schnell genug das passende Bild finden - und zu den neuen Buhmännern werden. Denn wenn die Zeitlupen, Abseitsanalysen und Großaufnahmen kein eindeutiges Urteil zulassen, bleibt die spontane Tatsachenentscheidung vom Platz bestehen. Das wird zu neuen Debatten führen.

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Technische Hilfsmittel im Fußball

Soll die Bundesliga den Videoschiedsrichter einführen?

Nichtsdestotrotz wollen DFB und DFL den Videoschiedsrichter in Deutschland so schnell wie möglich einführen. Man wolle sich "an die Spitze einer Entwicklung" stellen, sagte DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann, der für das Schiedsrichterwesen zuständig ist. Doch es gibt noch Unstimmigkeiten zwischen den deutschen Verbänden und dem IFAB.

Wie DFB-Schiedsrichterchef Herbert Fandel im Januar angekündigte, wolle man in der Bundesliga "zunächst hinter den Kulissen testen und Erfahrungswerte sammeln, ohne dass der Schiedsrichter und die Mannschaften etwas davon mitbekommen oder das Spiel beeinflusst wird".

Das geht den Funktionären beim IFAB jedoch nicht weit genug. Denn eine solche stille Testphase läuft bereits seit eineinhalb Jahren in Holland, dort gab es keine Kommunikation zwischen Videoschiedsrichter und den Kollegen auf dem Platz. Und damit auch keine Korrekturen von Fehlern. Man habe "sehr viele Informationen sammeln können", sagt IFAB-Sekretär Lukas Brud.

"Wir wollen niemanden unter Druck setzen"

Nun wollen sie beim IFAB einen Schritt weiter gehen: "Jetzt wollen wir Fragen klären, die für uns nur im Rahmen von Live-Experimenten klärbar sind. Das heißt, wenn die Erkenntnisse des Videoschiedsrichters in die Entscheidungsfindung des Unparteiischen auf dem Platz einfließen", sagte Brud SPIEGEL ONLINE.

Wer also an der nächsten Testphase teilnehmen möchte, sollte bereit sein, das System auch möglichst schnell scharf zu stellen. Ligen wie die Major League Soccer in den USA und die holländische Eredivsie brennen darauf, loszulegen. Inwieweit die Deutschen dazu bereit sind, ist noch unklar. Es würde jedenfalls einen enormen Aufwand bedeuten.

Innerhalb weniger Wochen müssten Ausbildungsveranstaltungen für Videoschiedsrichter und Experten, die die Bilder zur Verfügung stellen, organisiert werden. Dass das kompliziert ist, weiß auch das IFAB. "Wir wollen niemanden unter Druck setzen. Eine solche Einführung ist sehr komplex und zeitaufwendig, und eine genaue Planung und Vorbereitung ist elementar wichtig für den Erfolg dieser Tests", sagte Brud.

Denkbar sei daher, dass die Verantwortlichen bei DFB und DFL, zwischen August und Dezember Erfahrungen sammeln, ohne dass die Erkenntnisse des Videoschiedsrichters zum verantwortlichen Kollegen auf dem Platz übermittelt werden. Bevor das System in der Rückrunde der kommenden Saison dann online geht und die Einschätzungen des Videoschiedsrichters Relevanz erhalten.

DFB und DFL erwägen zudem eine Änderung des derzeitigen Systems, bei dem nur der Videoschiedsrichter in einem TV-Studio außerhalb des Stadions die TV-Bilder sieht. Der neue Vorschlag, den die Deutschen laut Brud gemeinsam mit anderen Nationen machen: Auch der Schiedsrichter auf dem Platz soll am Spielfeldrand eine strittige Szene noch einmal sehen können.

IFAB-Mann Brud ist zuversichtlich. Er glaubt, dass "die Akzeptanz unter dem Strich sehr groß" sein wird. "In anderen Sportarten war die Entwicklung und das Zögern vor der Einführung durchaus vergleichbar." Doch heute seien diese zufrieden, weil der Videobeweis zur Fairness des Spiels beitragen könne.

Für eine Gruppe wird es sich besonders auszahlen, sagt Brud: "Vor allem die Schiedsrichter sind über diese Hilfe sehr froh."



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Seite 1
steinbock8 02.03.2016
1. Fußball
es wird endlich zeit das die unsäglichen Fehlentscheidungen vom Tisch kommen was passiert eigentlich wenn der Videobeweis nicht eindeutig ist
Leser161 02.03.2016
2. Tretmühle
Habe im Winter Football geguckt. Da gibs Videobeweis. Auch mit Videobeweis kann man trefflich an den Schiedsrichterentscheidung rumdiskutieren. Ist einfach ein Gadget, das genau nichts ändert. Soll ja auch so sein, denn was wäre Sport ohne kontroverse Diskussionen? Vermutlich hat irgendwer in der FIFA einen Deal mit einem Herstellerkonsortium für Videobeweistechnologie (Nach Blatter scheint mir das wahrscheinlich)
event.staller 02.03.2016
3. Den neuesten Stand der Technik nutzen.
Denn zuviel steht auf dem Spiel, wenn z.B. eine falsche Entscheidung zum Hand-Elfmeter führt. Der dann verwandelte Elfmeter genügt oft, um ein Spiel unverdient zu gewinnen und kann für den Verlierer sehr viel Geld-Verlust bedeuten - wenn nicht sogar den Abstieg.
Mähtnix 02.03.2016
4.
Hoffentlich kommt der Videobeweis :-). Ich kann es als EffZeh-Fan derzeit kaum noch ertragen, was da abgeht. Ansonsten: Die Argumentation von Herrn Theweleit ist nicht wirklich schlüssig: "Das zeigt auch Rummenigges Statement. Selbst ein Fachmann wie er hat den Videoschiedsrichter noch nicht richtig verstanden. Den Eklat von Leverkusen hätte dieser nämlich keineswegs verhindert." Woher nimmt Herr Theweleit diese Weisheit? Der Videobeweis hätte Schiri Zwayer und Schmidt die Möglichkeit eröffnet, in einen vernünftigen Diskurs über die Regelauslegung zu treten: Schmidt hätte nach dem Tor die Challenge gezogen. Das Spiel wäre bis zur Entscheidung (5 Meter mehr Raum ist um des schnellen Spiels und des Vorteils der gefoulten Mannschaft Willen ok) unterbrochen gewesen. Die Emotionen von Schmidt wären runter gegangen und er hätte die Entscheidung vielleicht nicht verstanden, aber akzeptiert (und eine Challenge verloren). Ich bin mir sicher, dass Schmidt nicht auf die Tribüne gemusst hätte.
Crom 02.03.2016
5.
Abseits, Eckball oder Abstoß etc. solche Entscheidungen kann auch der Computer übernehmen oder zumindest den Assistenten an der Seitenlinie unterstützen. Für einen Video-Schiri sind diese aber ungeeignet. Der sollte eher auf versteckte Fouls, Handspiele etc. achten.
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