Fehlentscheidungen der Schiris Warum der Videobeweis nichts bringt

Fehler der Schiedsrichter sorgen für hitzige Debatten in der Bundesliga. Kann der Videobeweis Abhilfe schaffen? SPIEGEL-ONLINE-Experte Dietmar Hamann glaubt nicht an das Wunder der Technik.

Schiedsrichter Gräfe: Erlebte einen schwarzen Abend in Wolfsburg
AP/dpa

Schiedsrichter Gräfe: Erlebte einen schwarzen Abend in Wolfsburg


Zur Person
  • DPA
    Dietmar "Didi" Hamann (Jahrgang 1973) gab 1993 sein Bundesligadebüt für den FC Bayern. Fünf Jahre später wechselte er in die Premier League, wo er für Newcastle United, den FC Liverpool und Manchester City spielte. Hamann absolvierte 59 Länderspiele und wurde 2002 Vizeweltmeister. Heute lebt er in der Nähe von Manchester, arbeitet als Experte für den Sender Sky und kommentiert für SPIEGEL ONLINE regelmäßig Entwicklungen in der Bundesliga und im internationalen Fußball.
Die Szene am elften Spieltag der Fußballbundesliga lieferte Befürwortern des Videobeweises neue Argumente: Nicklas Bendter hatte für Wolfsburg gegen Leverkusen ein eigentlich irreguläres Tor erzielt. Schiedsrichter Manuel Gräfe gab den Treffer und überstimmte seinen Assistenten, der wegen einer Abseitsstellung die Fahne gehoben hatte.

Später entschuldigte sich der Unparteiische für seinen Fehler und sagte: "Der Videobeweis hätte in dieser Szene geholfen." Obwohl Wolfsburg von Gräfes Fehler profitierte, sprach sich auch VfL-Manager Klaus Allofs für die technische Hilfe aus. SPIEGEL-ONLINE-Experte Dietmar Hamann hält hingegen nichts davon.

Hat die Bundesliga ein Schiedsrichterproblem?

Grundsätzlich ist der Leistungsstandard in Ordnung, aber in den vergangenen Wochen haben sich die Entscheidungen gehäuft, die nicht bundesligatauglich waren. Deswegen haben wir jetzt wieder diese Videobeweis-Diskussion. Die Höhepunkte waren das Handtor von Leon Andreasen gegen Köln und Wolfsburgs Abseitstor gegen Leverkusen. Da erwarte ich von einem Gespann von vier Leuten, dass sie solche Szenen richtig sehen.

Halten Sie den Videobeweis für sinnvoll?

Nein, für mich ist es absolut unrealistisch, den Videobeweis im Fußball einzuführen. Wo würde man die Technik einsetzen? Nur bei Elfmetern? Oder auch bei Fouls im Mittelfeld und Abseitspositionen? Theoretisch müsste man dann jede Abseitsposition bis zum Ende durchspielen, um zu gucken, wie die Szene ausgeht. Denn nur so erfüllt der Videobeweis seinen Zweck und man bekäme die von vielen gewünschte Gerechtigkeit. Aber die ganzen Unterbrechungen würden das Spiel komplett zerreißen. Dazu untergräbt er die Autorität des Schiedsrichters, wenn seine Entscheidungen ständig aufgehoben werden.

VfL-Stürmer Bendtner: War selbst überrascht, dass sein Tor zählte
AFP

VfL-Stürmer Bendtner: War selbst überrascht, dass sein Tor zählte

Was könnte stattdessen helfen?

Wichtig ist, dass wir die Schiedsrichter besser schulen. Momentan arbeiten viele als Einzelkämpfer und nicht als Gespann. Deshalb passieren solche Sachen wie am Samstag. Und das war ein Unding für mich: Manuel Gräfe ist sich seiner Sache so sicher, dass er seinen Assistenten überstimmt - und hinterher geht er trotzdem zu den Spielern und fragt, wer den Ball gespielt hat?

Wie muss ein Spieler in einer solchen Situation antworten?

Gar nicht. Ich finde es völlig unverständlich, dass Schiedsrichter überhaupt Spieler nach ihren Einschätzungen fragen. Es ist sein Job, die Entscheidungen zu treffen. Wenn das häufiger vorkommt, vermittelt es den Eindruck, dass die Unparteiischen keinen Überblick haben. Im Zweifel muss der Schiedsrichter seinem Assistenten vertrauen. So hätte Herr Gräfe seinen Fehler am Samstag auch verhindern können.

Wie reagieren Fußballer, wenn der Linienrichter Abseits signalisiert?

Du bleibst erst einmal stehen, das ist ein Automatismus. In den meisten Fällen pfeift der Schiedsrichter dann auch Abseits. Aber wenn er seinen Assistenten doch überstimmt, gehen wertvolle Sekundenbruchteile verloren. Vielleicht hätte Leverkusens Abwehr den Ball sonst auch noch klären können. Ich halte es für unmöglich, diesen Automatismus aus den Köpfen der Spieler herauszukriegen. Und das müsste geschehen, wenn der Videobeweis kommen sollte.

Fotostrecke

7  Bilder
Fotostrecke: Wolfsburg im Glück



insgesamt 200 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
_derhenne 02.11.2015
1.
Bevor man den Videobeweis bespricht, sollte man vielleicht über den Tellerand schauen und analysieren, wie er in anderen Sportarten umgesetzt wird. Sich die schlechtestmögliche Umsetzung herauszusuchen und auf Basis dessen die ganze Idee zu zerreden, ist eben nur eines echten Fußballexperten würdig. Meine Güte, Didi...
feyvel 02.11.2015
2. Schwachsinn
Ich verstehe die Welt nicht mehr. Natürlich würde der Videobeweis den Effekt erzielen, dass es nicht mehr zu derartigen Aussetzern der Schiedsrichter kommt. Er würde dann eingesetzt, wenn der Schiedsrichter oder die Assistenten das Geschehen nicht genau gesehen haben. Ich verstehe die ganze Argumentationsstruktur von Hamann einfach nicht.
cthulu81 02.11.2015
3.
Herr Hamann hätte sich vielleicht mal die Zeit nehmen solllen um sich ein Spiel der RugbyWM in England anzusehen. Dort ist der Videobeweis schon seit Jahren Standard und hat so manche Fehlentscheidung des Schiedsrichters verhindert...
MaxMütze 02.11.2015
4. Videobeweis im Rugby
Die am Wochenende beendete Rugby-WM hat sehr gut demonstriert, wie wichtig und nuetzlich ein Videobeweis sein kann. Der Schiri auf dem Platz hat so eine zusaetzliche Hilfe fuer seine Entscheidungen. Man kann sich ja fuer den Anfang auf bestimmte Szenarien festlegen, bei denen der Schiri eine Videokontrolle anfordern kann (Tor/kein Tor, Abseits vor Toren, Elfmeter/kein Elfmeter). Heutzutage sind die Spiele sowieso staendig unterbrochen und es wird zum Teil 7, 8 Minuten nach gespielt, da kommt es im Sinne der Fairness auch nicht auf 2,3 Minuten pro Spiel mehr an, die durch den Videobeweis anfallen.
tizian 02.11.2015
5. Abschaffen
Es gibt eine ganz einfache Möglichkeit: Das Abseits abschaffen. Eine Regel, die praktisch immer Fehler verursacht, muss abgeschafft werden. Gerade weil es sich um eine Regel von vor Jahrzehnten handelt, die mit dem Tempo des heutigen Spiels nicht mehr vereinbar ist. Im Übrigen müsste ein Spiel nicht völlig durch Unterbrechungen zerrissen werden. Jede Seite erhält eine kleine Anzahl von Videovetos und die sind weg, wenn das Veto unberechtigt war. Die Autorität von Schiedsrichtern leidet doch wegen der dokumentierten Fehlentscheidungen, nicht wenn diese auf eben diese Dokumentation zurückgreifen könnten. Ich finde schon, dass man das sehr ernst nehmen sollte, wenn Schiedsrichter selber dafür plädieren, dies in Anspruch nehmen zu dürfen. Und ich finde im übrigen einen Sport seltsam, der von seinen Fehlentscheidungen lebt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.