Der grüne Virus Der mysteriöse Zerfall einer großen Mannschaft

2. Teil: Micouds Werder: Le Chef dirigiert


        Le Chef dirigiert         

Bei Hunt und Borowski verklärt sich noch heute der Blick, wenn sie von ihrer Zeit mit Micoud sprechen. Der Franzose wechselte 2002 zu Werder, das heißt, er wurde - wie danach so manch anderer - von Klaus Allofs zu Werder gewechselt, weil der AC Parma seinen Geldgeber, einen Milchkonzern, verloren hatte und Allofs die Chance hatte, mit seinem bei Olympique Marseille und Girondins Bordeaux geschulten Französisch den Spielmacher nach Bremen zu quatschen.

Mein Werder-Moment

Teil 1: Micoud, Ailton, Matthias Brandt

Kein Spieler davor, kein Spieler danach hat die Spielkultur einer Werder-Elf so angehoben wie Micoud. Wer bei seinem ersten Spiel für Werder (am 10. September 2002 gegen den 1. FC Nürnberg) im Stadion war, erkannte die Mannschaft, die auf dem 13. Bundesligaplatz gestanden hatte, nicht wieder. Dieses Spiel dauerte für mich sieben Tage lang. Zwei Wochen später war Werder Tabellenvierter, zur Winterpause Dritter.

Spielmacher Micoud
picture-alliance / Pressefoto ULMER

Spielmacher Micoud

Micoud lenkte nicht nur auf dem Spielfeld, auch im Training brachte er jungen Spielern wie Borowski, Fabian Ernst, Ivan Klasnic und Aílton bei, wie man über schnelles Passspiel im modernen Fußball zu Toren kommt. Sein Ehrgeiz und seine Besessenheit machten ihn bei Mitspielern unbeliebt, aber sie folgten ihm.

Tore und Gegentore je Spiel

der Mannschaft in der Ära der jeweiligen Spielmacher

Da war, zweitens, Klaus Allofs. Er wurde zum Vorbild für eine ganze Sportmanager-Generation, weil er es - zunächst ahnungslos - wie kein anderer schaffte, Geld in Tore und Punkte zu verwandeln, pro investiertem Euro den maximalen sportlichen Erfolg zu erwirtschaften. Júlio César, Claudio Pizarro, Mladen Krstajic, Frank Verlaat, Ümit Davala, Valérien Ismaël, Andreas Reinke, Daniel Jensen, Miroslav Klose, Naldo, Per Mertesacker, Diego, Mesut Özil. Viele wurden irgendwo entdeckt, meist mit wenig Geld nach Bremen gelotst, oft für viel Geld wieder verkauft. Ein Jahrzehnt lang funktionierte Allofs fast fehlerfrei, dann wurde er zum Problem für den Verein.

Trainer Schaaf, Stürmer Ailton
imago

Trainer Schaaf, Stürmer Ailton


Da war, drittens, Thomas Schaaf. Er war vier Trainern (Aad de Mos, Dixie Dörner, Wolfgang Sidka, Felix Magath) gefolgt und bearbeitete den innerhalb von vier Jahren wild zusammengekauften, überalterten Kader so, dass daraus in vier Jahren eine Meistermannschaft wurde. "Er schaffte es, ein Spielsystem zu entwickeln", so sieht es Frank Baumann, "das genau auf uns Spieler passte, wir hatten zwar einige überragende Einzelspieler, aber wir waren vor allem eine überragende Mannschaft."

"Wir waren anderen Teams um Jahre voraus", sagt Borowski

Als "Raute" wurde das System mit vier Mittelfeldspielern bezeichnet, das zwei Stürmer bediente. "Wir waren anderen Teams voraus", sagt Borowski. "Schnelles Gegenpressing, hohes Verteidigen, Kurzpassspiel mit wenigen Kontakten. Wir besaßen nicht die Schnelligkeit wie heute die Dortmunder, aber wir hatten viele Elemente in unserem Spiel, die den BVB in den letzten Jahren so erfolgreich gemacht haben."

Micoud mit Meisterschale
ddp images/ dapd

Micoud mit Meisterschale

Da war, viertens, die besondere Mischung aus erfahrenen Spielern, die in anderen Vereinen nicht richtig funktioniert hatten, und jungen Spielern, die ihre Chance bekamen, weil immer wieder Profis wie Torsten Frings, Aílton, Krstaji, Ernst, Ismaël den Verein verließen.

Da war, fünftens, die Zuversicht bei vielen Talenten, sich bei einem Wechsel zu Werder so weiterzuentwickeln, dass sie beim nächsten Verein noch mehr verdienen konnten.

Es konnte da ja noch niemand ahnen, wie dramatisch das Rückspiel werden würde. Diese 88. Minute in Turin, sie war da noch weit weg. Gästetrainer Fabio Capello erlebte, was es bedeutet, im Europapokal auf Werder Bremen zu treffen, auf diesen Verein, der an solchen Abenden seiner ganz eigenen Arithmetik zu folgen scheint. Nach der Führung durch Christian Schulz hatte der Favorit aus Turin, mit Ibrahimovic, Nedved, Émerson und Trézéguet in der Startelf, das Spiel mit Toren in der 73. Minute und in der 82. Minute eigentlich gedreht. Dann aber erinnerten sich die Bremer daran, dass ja Europapokal war. Irrenhaus unter Flutlicht. Also traf erst Tim Borowski zum Ausgleich, bevor Bremen in der Nachspielzeit noch einen letzten Eckball zugesprochen bekam. Patrick Owomoyela verlängerte diese Ecke von Torsten Frings auf den Kopf von Johan Micoud. 3:2. Es konnte ja noch niemand ahnen, dass Tim Wiese zwei Wochen später, in der 88. Minute von Turin, auf die Idee kommen würde, einen gefangenen Ball mit einer Vorwärtsrolle feiern zu müssen.



insgesamt 53 Beiträge
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broca 14.05.2014
1. Grammatik ändern
Ich glaube, dass wegen SpOn die Grammatik geändert werden sollte, denn hartnäckigerweise hält sich dort das grammatikzerstörende Virus, dass sein eigenes Genus mutiert und vollführt ungehindert sein zerstörerisches Werk.
Tatarak 14.05.2014
2. Was denn nun?
Durch Virus oder Fehlentscheidungen?
iki 14.05.2014
3. Interessant
In der "Elf" des Jahrzehnts fehlt noch Dys Kalkulie!
robin-masters 14.05.2014
4. Hauptfehler
der Hauptfehler war die Annahme das man mit teuren Transfers auch gute Spieler bekommt. Das Problem haben schon viele Clubs erfahren müssen inkl. BVB und Mönchen Gladbach etc. Es gibt einfach sehr viele Faktoren die dazu beitragen ob ein Spieler Erfolg hat und das ist nicht nur der Preis!
desitka 14.05.2014
5. Fehlentscheidungen
Das Problem begann aus meiner Sicht, als Werder sich von dem jahrelang erfolgreichen Prinzip, nicht mehr Geld auszugeben,als reinkam verbaschiedete. Lange wurden altgediente aber inzwischen günstige Recken wie Burgsmüller, Allofs oder Kostedde mit damals jungen noch günstigen Spielern wie Völler,Riedle,Basler,Ailton sowie international erfahrenen Ausländern wie Bratseth,Herzog,Pezzey, Micoud zu einer alle Bereiche abdeckenden Mannschaft geformt. Erst als man Anfing viel Geld in die Hand zu nehmen (Carlos Alberto,Wesley etc) und sich kaum noch für den Nachwuchs interressierte gings bergab. Als Folge müssen Spieler wie Clemens Fritz, die nicht einmal mehr entfernt die alten Listungen bringen oder Spieler wie Prödl als Einäugiger untern den Blinden das Gerüst bilden. Das kann nicht gutgehen. Im Übrigen wurden wirkliche Talente wie zB Kruse nicht als solche erkannt. Wehmütig vermisst man deshalb das gute Auge für Speiler, wie es ein Kalli Kamp besaß. Aber auch in der leitung scheint es nicht rund zu laufen. Während sich in der erfolgreichen Zeit eine klare Trennung von sportlichen Entscheidungen und geschäftsleitung immer wieder bewährt hat, wird heute, ähnlich wie beim HSV, von allen Seiten mitentschieden und hineingeredet. Das Klare Konzept jedenfalls ist auf der Strecke geblieben. So bewunderswert die Ruhe in Bremen immer wieder sein mag,hinzu kommt auch ein sich seit Jahren wiederholdendes Schönreden der Dauerkrise. Man ertappst sich auch als Fan gelegentlich dabei, den Gedanken eines Abstieges und völligem Neuanfang gar nicht für so unsymphatisch zu halten. Ob Eichin und Dutt die Richtigen dazu sind ist höchst zweifelhaft. Die Tatsache, daß Frank Baumann seine Scouting-Funktion zum Herbst aufgibt,läßt zumindest schon einmal hoffen.
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