Der grüne Virus Der mysteriöse Zerfall einer großen Mannschaft

3. Teil: Diegos Werder: Tanze Samba mit mir


        Tanze Samba mit mir         

Als Micoud 2006 zu Girondins Bordeaux weiterzog, nahm der junge Brasilianer Diego seinen Platz ein, der beim FC Porto nur noch auf der Bank oder der Tribüne gesessen hatte. Diego spielte egoistischer als Micoud, "er war ein überragender Fußballer und Vollstrecker", sagt Borowski, aber neben Micoud kam er in einer Saison auf zehn Tore, neben Diego nur noch auf vier Tore in zwei Spielzeiten.

Seit dem Triumph im Münchner Olympiastadion 2004 war Werder in den folgenden vier Jahren immer unter die Top Drei der Bundesliga gekommen. "Für mich und Thomas war schon an diesem 8. Mai klar, dass das die eigentliche Leistung sein würde", sagt Allofs, "durch die Teilnahme an der Champions League die Gelder zu erspielen, die der Verein brauchte, um oben mitspielen zu können."

Torschüsse je Spiel

der Mannschaft in der Ära der jeweiligen Spielmacher

Für Jürgen L. Born, damals Vereinsvorsitzender, war seit 2007 nicht mehr alles in Ordnung im Verein. Die Erfolge lösen einen lange schwelenden Streit darüber aus, wem sie zu verdanken sind. Die vom Verein jahrzehntelang propagierte "Werder-Familie" beginnt sich aufzulösen, jeder will der Vater des Erfolges sein. Neben Allofs, Schaaf und Born sind es die Vorstandsmitglieder Klaus-Dieter Fischer und der Aufsichtsrat Willi Lemke, die um Macht und Einfluss ringen. Wer hat Aílton nach Bremen geschleust? Wer Pizarro? Wer hat den Stadionausbau versaut? Wer das Schlimmste verhindert? Das sind beliebte Streitthemen. Besonders Lemke, der unter Otto Rehhagel Manager und nach dessen Abgang für das vierjährige Missmanagement bis 1999 mitverantwortlich war, neidet Allofs den Erfolg und versucht Transfers, wie zum Beispiel den von Klose, zunächst zu verhindern.

Stürmerstar Klose
picture-alliance/ Pressefoto ULMER

Stürmerstar Klose

Als Klose 2007 für 15 Millionen Euro an Bayern München verkauft wird, beginnen Allofs Transferprobleme, die in den folgenden Jahren die Qualität der Mannschaft nach unten ziehen. Boubacar Sanogo (für 4,5 Millionen Euro vom HSV) und Carlos Alberto (für 7,8 Millionen von Corinthians São Paulo) sollen die Lücke im Angriff schließen, Sanogo spielt nur in der Hinrunde gut, Carlos Alberto steht nur fünfmal auf dem Platz, wegen massiver gesundheitlicher Probleme, Trainingsrückstands, nächtlichen Kondomkaufs an Tankstellen und diverser anderer Eskapaden.

So schieben sich langsam die Probleme von allen Seiten zusammen

Die Mannschaft gewinnt zwar 2009 noch mal den DFB-Pokal und schafft es ins Finale des Uefa-Cups. Aber im Verein eskalieren die Konflikte unter den Verantwortlichen in einer seltsamen Attacke gegen den Vorsitzenden Born. Er soll vom Berater Pizarros 50 000 Dollar Handgeld bekommen haben, so der Vorwurf einer Zeitung aus Peru. Der Aufsichtsratsvorsitzende Lemke drängt Born zum schnellen Rücktritt, weil er das Medienecho fürchtet, nach Klärung durch Wirtschaftsprüfer erweisen sich die Vorwürfe als nicht belegbar. Born sieht sich als Opfer einer Intrige und greift Lemke an: Der habe sich eine vom Verein finanzierte Rente in Höhe von monatlich rund 2500 Euro garantieren lassen; in Lemkes Zeit als Manager habe der Verein am Finanzamt vorbei eine schwarze Kasse von über 800 000 Mark verwaltet, wofür der SV Werder nach einer Selbstanzeige 2001 Steuern nachzahlen und eine Strafzahlung leisten musste.

Diego im Uefa-Cup-Finale 2009
Getty Images

Diego im Uefa-Cup-Finale 2009

Mit Born, im Hauptberuf Banker, wird der Mann aus der Führungsebene gedrängt, der den Verein geführt hatte wie ein mittelständisches Unternehmen, patriarchalisch, volkstümlich, mit guten Verbindungen zur heimischen Wirtschaft. Da er dank seiner vielen Jahre in Südamerika an vielen Transfers beteiligt war, verliert der Verein zudem einen guten Scout.

Mein Werder-Moment

Teil2: Moritz Rinke, Valdez, Thomas Schaaf

Und so schieben sich langsam von allen Seiten die Probleme zusammen, die dem Verein wirtschaftlich und sportlich zusetzen. Eine Mannschaft ist wie ein empfindliches Mobile, das sensibel auf viele Einflüsse reagiert: auf die Strömungen im Verein, auf die Charaktere im Vorstand, auf die Linie des Managers, auf die Autorität des Trainers, auf die Qualität der Spieler, auf die Stimmung in der Mannschaft. Bei Werder beginnen diese Variablen gegeneinander zu arbeiten.

REUTERS

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde das Spiel der Bremer von einer simplen Idee geleitet: Wer vorne immer ein Tor mehr schießt als er hinten kassiert, gewinnt am Ende das Spiel. Werder Bremen, das war zu jener Zeit die spektakuläre Summe aus einer oft desolaten Abwehr auf Zweitliga-Niveau und einer mitreißend unberechenbaren Offensivabteilung. Nie wurde das so deutlich wie in diesem Spiel gegen den Aufsteiger aus Hoffenheim. Wobei allen Bremer Nostalgikern schon bei einem Blick auf die Aufstellung die Tränen kommen müssten, bestand die Offensive in diesem Spiel doch tatsächlich aus Diego, Mesut Özil und Claudio Pizarro. Da aber auf der Gegenseite Sejad Salihovic, Demba Ba und ein Vedad Ibiševic in der Form ihres Lebens wirbelten, entwickelte sich das vielleicht beste Bundesligaspiel der Saison 2008/09. Ein 90-minütiger Werbefilm für den Fußball. Es trafen, in dieser Reihenfolge: Özil, Ba, Pizarro, Diego, Hunt. 4:1. Nach einer halben Stunde. 4:4. Nach 71 Minuten. Am Ende schließlich erzielte Mesut Özil den letzten Treffer dieses Spiels.



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broca 14.05.2014
1. Grammatik ändern
Ich glaube, dass wegen SpOn die Grammatik geändert werden sollte, denn hartnäckigerweise hält sich dort das grammatikzerstörende Virus, dass sein eigenes Genus mutiert und vollführt ungehindert sein zerstörerisches Werk.
Tatarak 14.05.2014
2. Was denn nun?
Durch Virus oder Fehlentscheidungen?
iki 14.05.2014
3. Interessant
In der "Elf" des Jahrzehnts fehlt noch Dys Kalkulie!
robin-masters 14.05.2014
4. Hauptfehler
der Hauptfehler war die Annahme das man mit teuren Transfers auch gute Spieler bekommt. Das Problem haben schon viele Clubs erfahren müssen inkl. BVB und Mönchen Gladbach etc. Es gibt einfach sehr viele Faktoren die dazu beitragen ob ein Spieler Erfolg hat und das ist nicht nur der Preis!
desitka 14.05.2014
5. Fehlentscheidungen
Das Problem begann aus meiner Sicht, als Werder sich von dem jahrelang erfolgreichen Prinzip, nicht mehr Geld auszugeben,als reinkam verbaschiedete. Lange wurden altgediente aber inzwischen günstige Recken wie Burgsmüller, Allofs oder Kostedde mit damals jungen noch günstigen Spielern wie Völler,Riedle,Basler,Ailton sowie international erfahrenen Ausländern wie Bratseth,Herzog,Pezzey, Micoud zu einer alle Bereiche abdeckenden Mannschaft geformt. Erst als man Anfing viel Geld in die Hand zu nehmen (Carlos Alberto,Wesley etc) und sich kaum noch für den Nachwuchs interressierte gings bergab. Als Folge müssen Spieler wie Clemens Fritz, die nicht einmal mehr entfernt die alten Listungen bringen oder Spieler wie Prödl als Einäugiger untern den Blinden das Gerüst bilden. Das kann nicht gutgehen. Im Übrigen wurden wirkliche Talente wie zB Kruse nicht als solche erkannt. Wehmütig vermisst man deshalb das gute Auge für Speiler, wie es ein Kalli Kamp besaß. Aber auch in der leitung scheint es nicht rund zu laufen. Während sich in der erfolgreichen Zeit eine klare Trennung von sportlichen Entscheidungen und geschäftsleitung immer wieder bewährt hat, wird heute, ähnlich wie beim HSV, von allen Seiten mitentschieden und hineingeredet. Das Klare Konzept jedenfalls ist auf der Strecke geblieben. So bewunderswert die Ruhe in Bremen immer wieder sein mag,hinzu kommt auch ein sich seit Jahren wiederholdendes Schönreden der Dauerkrise. Man ertappst sich auch als Fan gelegentlich dabei, den Gedanken eines Abstieges und völligem Neuanfang gar nicht für so unsymphatisch zu halten. Ob Eichin und Dutt die Richtigen dazu sind ist höchst zweifelhaft. Die Tatsache, daß Frank Baumann seine Scouting-Funktion zum Herbst aufgibt,läßt zumindest schon einmal hoffen.
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