Der grüne Virus Der mysteriöse Zerfall einer großen Mannschaft

4. Teil: Özils Werder: Zu gut für Schalke


        Zu gut für Schalke         

Als Diego ging und Mesut Özil ihn ersetzte, funktionierte Schaafs Fähigkeit noch, aus einem Talent einen Nationalspieler zu formen. Nach dem Pokalsieg 2009, dem letzten Titel, verlor Werder mit ausbleibendem Erfolg die Qualität, jeden Spieler, der zu dem Verein kam, besser zu machen. Marko Marin und der Brasilianer Wesley sind Beispiele für Stagnation. "Schaaf hat nie viel mit Spielern gesprochen,", sagt Hunt. Nun zog er sich noch mehr zurück.

In den ersten Jahren des Erfolges war Werder die begehrteste Adresse für Spieler, die sich zutrauten, ganz nach oben zu kommen, und das lag an Thomas Schaaf. Er konnte schwierige Typen ins Mannschaftsgefüge integrieren, Aílton wurde erst unter Schaaf zum Topstürmer, manche Spieler wie Baumann kamen nur wegen Schaaf zu Werder, manche Spieler wie Diego waren nur bei Werder richtig gut.

Spielmacher Özil, Diego
action press

Spielmacher Özil, Diego

Pässe

Mannschaftspässe in der Ära der jeweiligen Spielmacher

Da sind, zum einen, die teuer transferierten Spieler, die nicht den Weg in die Mannschaft finden und deshalb die Stimmung und die Qualität des Spiels nach unten ziehen. "Das hat Auswirkungen auf jeden Spieler im Team, es bilden sich keine Automatismen heraus", sagt Hunt, "es entsteht kein harmonisches Ganzes." Für die Spieler, die gingen, seien zudem in jeder Saison schwächere dazu gekommen.

Werder-Stars Frings, Borowski, Klose
DPA

Werder-Stars Frings, Borowski, Klose

Da sind, zum anderen, die jungen Spieler, die aus dem eigenen Nachwuchs nicht mehr so nachrücken wie vorher. "Wenn du Champions League spielst", sagt Allofs, "dann überlegst du dir genauer als vorher, ob ein junger Spieler die Qualität der Mannschaft steigert oder nicht". Max Kruse, Dennis Diekmeier, Karim Bellarabi verlassen den Verein, um sich weiterzuentwickeln. Als erster Verein hatte Werder ein Jugendinternat, immer wieder war es gelungen, Spieler wie Nelson Valdez, Schulz, Borowski und Hunt in die Mannschaft zu integrieren. In den Jahren des Erfolgs schauten Allofs und Schaaf auf der Suche nach Talenten lieber in die weite Welt als auf die Nebenplätze des Stadions.

"Es bilden sich keine Automatismen mehr heraus", sagt Hunt

Anzustreben sei, sagt Aufsichtsrat Marco Bode, dass der Spielerkader zu einem Drittel aus Nachwuchsspielern bestehe, zu einem Drittel aus erfahrenen Bundesligaspielern und zu einem Drittel aus Potentialspielern, denen man zutraue, Nationalspieler zu werden. Davon ist Werder weit entfernt.

Özil mit DFB-Pokal 2009
REUTERS

Özil mit DFB-Pokal 2009

Allofs, der nach dem Ausscheiden Borns an die Spitze der Werder-Geschäftsführung aufgerückt ist, kümmert sich nicht mehr so wie früher um das Scouting und auch private Probleme machen ihm zu schaffen - es beginnt eine lange Reihe von Transferflops. Said Husejinovi, Sandro Wagner, Marcelo Moreno, Denni Avdi, Wesley, Mehmet Ekici, Joseph Akpala. Zwischen Allofs und Lemke eskaliert der Streit um Transfers im Jahr 2011, der Etatansatz ist weit überschritten. Über seltsame Spielerberater, die bei Allofs' Transfers häufig auftauchen, wird im Aufsichtsrat diskutiert, über Spieler, die nur verpflichtet werden sollen, um einem Spielerberater einen Gefallen zu tun, über viele Zusatzzahlungen, hier noch mal eine halbe Million und dort noch mal eine, und über Deals wie beim Transfer von Marko Marin - der Vater wurde eingestellt. Wenn wir das nicht machten, heißt es im Aufsichtsrat, "geht der Sohn zum HSV".

Den undankbarsten Auftritt an diesem Nachmittag in München hatte Tim Borowski. Der Ex-Bremer, gerade erst zweieinhalb Monate zuvor zum FC Bayern gekommen, wurde zu Beginn der zweiten Hälfte eingewechselt. Die Klinsmann-Bayern waren, trotz Gummitwist und Buddha-Figuren auf dem Trainingsgelände, zu unbeweglich. Vor allem Mesut Özil tanzte auf seiner ganz eigenen Party und bereitete wie beiläufig noch die beiden ersten Tore durch Naldo und Rosenberg vor. Das 3:0 besorgte er selbst. Dann trafen auch noch Rosenberg und Pizarro. 5:0. Der Bremer Offensivfußball erlebte einen seiner letzten Höhepunkte. Und weil jener Tim Borowski bis vor kurzem noch Teil dieser Spektakelmaschine gewesen war, schoss er eben auch noch zwei Tore. Am Ende stand so ein 2:5 auf der Anzeigetafel.



insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
broca 14.05.2014
1. Grammatik ändern
Ich glaube, dass wegen SpOn die Grammatik geändert werden sollte, denn hartnäckigerweise hält sich dort das grammatikzerstörende Virus, dass sein eigenes Genus mutiert und vollführt ungehindert sein zerstörerisches Werk.
Tatarak 14.05.2014
2. Was denn nun?
Durch Virus oder Fehlentscheidungen?
iki 14.05.2014
3. Interessant
In der "Elf" des Jahrzehnts fehlt noch Dys Kalkulie!
robin-masters 14.05.2014
4. Hauptfehler
der Hauptfehler war die Annahme das man mit teuren Transfers auch gute Spieler bekommt. Das Problem haben schon viele Clubs erfahren müssen inkl. BVB und Mönchen Gladbach etc. Es gibt einfach sehr viele Faktoren die dazu beitragen ob ein Spieler Erfolg hat und das ist nicht nur der Preis!
desitka 14.05.2014
5. Fehlentscheidungen
Das Problem begann aus meiner Sicht, als Werder sich von dem jahrelang erfolgreichen Prinzip, nicht mehr Geld auszugeben,als reinkam verbaschiedete. Lange wurden altgediente aber inzwischen günstige Recken wie Burgsmüller, Allofs oder Kostedde mit damals jungen noch günstigen Spielern wie Völler,Riedle,Basler,Ailton sowie international erfahrenen Ausländern wie Bratseth,Herzog,Pezzey, Micoud zu einer alle Bereiche abdeckenden Mannschaft geformt. Erst als man Anfing viel Geld in die Hand zu nehmen (Carlos Alberto,Wesley etc) und sich kaum noch für den Nachwuchs interressierte gings bergab. Als Folge müssen Spieler wie Clemens Fritz, die nicht einmal mehr entfernt die alten Listungen bringen oder Spieler wie Prödl als Einäugiger untern den Blinden das Gerüst bilden. Das kann nicht gutgehen. Im Übrigen wurden wirkliche Talente wie zB Kruse nicht als solche erkannt. Wehmütig vermisst man deshalb das gute Auge für Speiler, wie es ein Kalli Kamp besaß. Aber auch in der leitung scheint es nicht rund zu laufen. Während sich in der erfolgreichen Zeit eine klare Trennung von sportlichen Entscheidungen und geschäftsleitung immer wieder bewährt hat, wird heute, ähnlich wie beim HSV, von allen Seiten mitentschieden und hineingeredet. Das Klare Konzept jedenfalls ist auf der Strecke geblieben. So bewunderswert die Ruhe in Bremen immer wieder sein mag,hinzu kommt auch ein sich seit Jahren wiederholdendes Schönreden der Dauerkrise. Man ertappst sich auch als Fan gelegentlich dabei, den Gedanken eines Abstieges und völligem Neuanfang gar nicht für so unsymphatisch zu halten. Ob Eichin und Dutt die Richtigen dazu sind ist höchst zweifelhaft. Die Tatsache, daß Frank Baumann seine Scouting-Funktion zum Herbst aufgibt,läßt zumindest schon einmal hoffen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.