Der grüne Virus Der mysteriöse Zerfall einer großen Mannschaft

6. Teil: Schaafs Werder: Die Dinge regeln


        Die Dinge regeln         

Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel, regelmäßiger Stadionbesucher, vergleicht das Verhalten der Bremer Öffentlichkeit Schaaf gegenüber mit dem Entstehen einer Blase an der Börse, "die Sicht auf die Realität ist getrübt durch die Hoffnungen". Allofs' Kurs ist durch den Wechsel nach Wolfsburg abgestürzt, aber der Blick auf Schaaf ist ungetrübt wie eh und je. Nie einen guten Linksverteidiger gefunden, nach Frings keinen guten Sechser gesucht, immer wieder die Balance zwischen Angriff und Abwehr verfehlt, viele Tore nach Kontern kassiert, diese komisch menschenleere Sprache, in der immer nur von "Dingen" die Rede ist - all dies wurde ihm verziehen. Weil er seit 42 Jahren ein Werder-Mensch ist, weil er den Bremern jahrelang den besten Werder-Fußball aller Zeiten bescherte, verzeihen ihm die Fans bis heute alles.

Als er einsah, dass er der Mannschaft nichts mehr geben konnte, soll er - laut Willi Lemke - zur Werder-Geschäftsführung gesagt haben: "Wenn ich ihr wärt, würde ich mich entlassen." Eigentlich müsste er sich lebenslang ins Werder-Museum stellen. Seinen Kult-Status wird er erst verlieren, falls er jemals beim HSV auf der Trainerbank sitzen sollte.

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Punkte je Spiel; Tabellenplatz

Die harten Fans haben Werders Absturz in das untere Tabellendrittel längst eingepreist, ihre Erwartungen können auch durch ein 0:3 in Mainz nicht mehr unterboten werden. Über dem HSV zu stehen, das reicht ihnen, und so wirken sie mit ihrer schon sektenhaften Begeisterung wie die letzte Konstante in Werders Sphinxfußball.

Trainer Schaaf nach Meistertriumph 2004
ddp images/ dapd

Trainer Schaaf nach Meistertriumph 2004


Wenn eine Mannschaft berauschenden Fußball spielt, wie jahrelang unter Schaaf, dann dauert ein Spiel drei Tage. Am Tag vor dem Match geht der Fan die Aufstellung der Mannschaft durch, er zittert um die Verletzten, er taxiert die Form seiner Leute, er checkt, wer beim Gegner ausfällt, er rechnet durch, auf welchem Tabellenplatz sein Verein nach einem Sieg stehen wird.

Verkaufte Stars

 


Am Tag nach dem Spiel liest er alle Spielberichte, prüft die Verletztenliste und trifft Prognosen für den weiteren Verlauf der Saison. Für mich - Werder-Fan seit über 50 Jahren und Mitglied des Vereins - dauern Spiele von Werder Bremen nur noch 90 Minuten, manchmal nur 45 oder sogar nur 15 Minuten.

Innerhalb von drei Jahren ist eine Champions-League-Mannschaft auf Zweitliga-Format heruntergewirtschaftet worden, die am Ende der Saison froh sein muss, den Abstieg vermieden zu haben, weil es drei Vereine gibt, die noch schlechter spielen. Schönen Dank, HSV!

Trainer Schaaf nach Pokaltriumph 2009
picture alliance/ Sven Simon

Trainer Schaaf nach Pokaltriumph 2009

Zuschauerplakat 2013
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Zuschauerplakat 2013

Der entscheidende Akteur dieses Spiels liegt heute im Museum. So oft kommt es ja nicht vor, dass sich zwei deutsche Mannschaften in einem Europapokal-Halbfinale gegenüberstehen. Der HSV hatte das Hinspiel in Bremen gewonnen. Der HSV trug rot. Werder spielte in schwarz und hatte, wie es eben Bremer Tradition ist, schon mal das Wechselbad eingelassen. Denn erst traf Oli¿, dann die Bremer durch Diego und Pizarro. Doch weil das ein Nordderby war und der Gegner in diesen Spielen nicht einfach nur geschlagen, sondern gedemütigt zurück gelassen werden muss, hatte ein HSV-Fan eine Papierkugel auf den Rasen geworfen. Ein Stück Papier, zusammen geknüllt, ohne erkennbare Botschaft. In der 83. Minute wollte der Hamburger Verteidiger Michael Gravgaard einen Rückpass auf seinen Torwart Frank Rost spielen. Der Ball aber traf die Papierkugel und sprang von dort ans Bein von Gravgaard und ins Aus. Ecke für Bremen. Baumann traf zum 3:1. Die Entscheidung. Werder jubelte, der HSV tobte. Einige Tage später wurde die Kugel von einem in Hamburg lebenden Bremen-Fan ersteigert. Für 4510 Euro.



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broca 14.05.2014
1. Grammatik ändern
Ich glaube, dass wegen SpOn die Grammatik geändert werden sollte, denn hartnäckigerweise hält sich dort das grammatikzerstörende Virus, dass sein eigenes Genus mutiert und vollführt ungehindert sein zerstörerisches Werk.
Tatarak 14.05.2014
2. Was denn nun?
Durch Virus oder Fehlentscheidungen?
iki 14.05.2014
3. Interessant
In der "Elf" des Jahrzehnts fehlt noch Dys Kalkulie!
robin-masters 14.05.2014
4. Hauptfehler
der Hauptfehler war die Annahme das man mit teuren Transfers auch gute Spieler bekommt. Das Problem haben schon viele Clubs erfahren müssen inkl. BVB und Mönchen Gladbach etc. Es gibt einfach sehr viele Faktoren die dazu beitragen ob ein Spieler Erfolg hat und das ist nicht nur der Preis!
desitka 14.05.2014
5. Fehlentscheidungen
Das Problem begann aus meiner Sicht, als Werder sich von dem jahrelang erfolgreichen Prinzip, nicht mehr Geld auszugeben,als reinkam verbaschiedete. Lange wurden altgediente aber inzwischen günstige Recken wie Burgsmüller, Allofs oder Kostedde mit damals jungen noch günstigen Spielern wie Völler,Riedle,Basler,Ailton sowie international erfahrenen Ausländern wie Bratseth,Herzog,Pezzey, Micoud zu einer alle Bereiche abdeckenden Mannschaft geformt. Erst als man Anfing viel Geld in die Hand zu nehmen (Carlos Alberto,Wesley etc) und sich kaum noch für den Nachwuchs interressierte gings bergab. Als Folge müssen Spieler wie Clemens Fritz, die nicht einmal mehr entfernt die alten Listungen bringen oder Spieler wie Prödl als Einäugiger untern den Blinden das Gerüst bilden. Das kann nicht gutgehen. Im Übrigen wurden wirkliche Talente wie zB Kruse nicht als solche erkannt. Wehmütig vermisst man deshalb das gute Auge für Speiler, wie es ein Kalli Kamp besaß. Aber auch in der leitung scheint es nicht rund zu laufen. Während sich in der erfolgreichen Zeit eine klare Trennung von sportlichen Entscheidungen und geschäftsleitung immer wieder bewährt hat, wird heute, ähnlich wie beim HSV, von allen Seiten mitentschieden und hineingeredet. Das Klare Konzept jedenfalls ist auf der Strecke geblieben. So bewunderswert die Ruhe in Bremen immer wieder sein mag,hinzu kommt auch ein sich seit Jahren wiederholdendes Schönreden der Dauerkrise. Man ertappst sich auch als Fan gelegentlich dabei, den Gedanken eines Abstieges und völligem Neuanfang gar nicht für so unsymphatisch zu halten. Ob Eichin und Dutt die Richtigen dazu sind ist höchst zweifelhaft. Die Tatsache, daß Frank Baumann seine Scouting-Funktion zum Herbst aufgibt,läßt zumindest schon einmal hoffen.
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