Der grüne Virus Der mysteriöse Zerfall einer großen Mannschaft

8. Teil: Mein Werder: Das Leiden am W


        Das Leiden am W         

Meine Liebe zu Werder hatte an einem kalten Januarmittwoch im Jahr 1962 begonnen, ich durfte an der Hand von Onkel Heini das Viertelfinale im Europapokal gegen Atlético Madrid besuchen; durch den Fußgängertunnel am Osterdeich näherten wir uns auf regennassem Kopfsteinpflaster dem Stadion, dessen Flutlichtmasten den dunstigen Himmel in ein geheimnisvolles Licht tauchten.

Eine Überschrift aus dem "Kicker" beschrieb am besten, was die Mannschaft über Jahrzehnte für mich war: "Die Sphinx des Nordens", ein unberechenbares Team, zu grandiosen Festen ebenso fähig wie zu peinlichen Debakeln.

Auch die schmerzhaften Phasen konnte man ertragen, die Millionen-Elf der Siebziger, die 93-Gegentore-Saison, den Abstieg aus der 1. Bundesliga, die 13 Trainer in elf Jahren (1971 bis 1981), die fünf Trainer in fünf Jahren (1995 bis 1999), weil die Zuversicht blieb, die Sphinx werde sich immer wieder in etwas Mächtiges verwandeln und beim Gegner Angst und Schrecken verbreiten. Aber jetzt fehlt die Zuversicht.

Mein Werder-Moment

Teil 3: Revolverheld, Rudolf Hickel, Jürgen Born

Aus Selbstschutz habe ich meine Begeisterung für Werder inzwischen der Leidenschaft angepasst, mit der die Spieler auf dem Platz um Raumgewinn und Tore ringen. Ich denke wie sie von Spiel zu Spiel, mal begeistern sie mich, dreimal in dieser Saison, meist bewundere ich die rhetorische Leistung, mit der Kapitän Clemens Fritz und andere nach Spielschluss erklären, warum "heute die Einstellung der Mannschaft" gefehlt habe, wie sehr "ihnen die Fans leid tun", und dass man "hart arbeiten müsse, um im nächsten Spiel eine Antwort zu geben". Ich stelle mir die Spieler dann in jenem Rhetorikkurs vor, der heutzutage wohl zu jedem Werder-Trainingslager gehören muss.

Bremer Fans im Münchner Olympiastadion
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Bremer Fans im Münchner Olympiastadion

Mich sorgt dieser hässliche Nie-wieder-Micoud-Fußball irgendwo zwischen Otto Rehhagels griechischem Euro-Riegel und altem englischem Kick-and-rush, den Werder in vielen Spielen bietet: nur mit langen Bällen, ohne Mittelfeld, Torgefahr nur durch Ecken und Freistöße. Am vorletzten Spieltag gegen Hertha BSC war es Hunt, der mit zwei Toren und ein paar Pässen alte Spielkunst aufblitzen ließ. Und als in der Halbzeitpause die Meister-Elf von 2004 auf dem Rasen geehrt wurde und die Zuschauer Micoud mit seinem "Hey Jude"-Refrain feierten, wehte der kalte Weser-Wind ein paar Jahre Frust aus dem Stadion. Mit wem ich auch sprach, mit Lemke, mit Borowski, Bode, Baumann oder Born, ich sah in ihren Augen das Abstiegsgespenst, besonders warnend blickte Hunt in die Zukunft. Er beklagt die Spielfreude, die fehlt; die Lust, mit dem Ball etwas Verrücktes anzustellen; den Abgang dieser Typen, die nicht ersetzt wurden, und daraus hat er den Schluss gezogen, woanders zu kicken.

Die Spielmacher im Vergleich

Dass Trainer Robin Dutt sofort erklärte, Hunt werde man nicht durch einen neuen Spieler ersetzen, das könne die Mannschaft im Kollektiv, erinnert mich zu sehr an die dröhnenden Beschwichtigungen bei den Abgängen von Özil, Pizarro, Naldo und all den anderen. Werder wirkt wie ein Organismus, der sich selbst auffrisst, befallen von einem grünen Virus.

Hartmut Naegele/ laif

Zwei, drei Jahre lang werde Werder gegen den Abstieg spielen, ließen alle meine Gesprächspartner durchblicken. Und die Hoffnung auf bessere Zeiten ziehen sie aus dem Blick zurück, aus den miesen Phasen zwischen 1971 und 1980, zwischen 1995 und 1999. "Vor 2003 waren wir ähnlich schwankend wie jetzt", sagt Baumann tröstend, der zuletzt im Verein für das Scouting verantwortlich war.

Aber auch er wird den Verein verlassen.

Meine Elf des Jahrzehnts

Illustration: HORT

Wiese (Tor); Davala, Naldo, Mertesacker und Sokratis (Abwehr), Frings und Baumann (Defensives Mittelfeld); Diego, Micoud und Özil (Zentrales Mittelfeld), Pizarro (Sturm)


Konzeption: Jens Kuppi, Jens Radü, Cordt Schnibben
Text-Supplements: Lena Steeg, Lucas Vogelsang
Dokumentation: Andreas Meyhoff
Gestaltung: Elsa Hundertmark, Hanz Sayami
Programmierung/Grafiken: Guido Grigat
Spieler-Videos: Kai Niels Bogena
Film/Ton-Schnitt: Olaf Heuser
Radioreportagen: Henry Vogt (Radio Bremen)
Bildredaktion: Thorsten Gerke
Schlussredaktion: Fred Schlotterbeck
Koordination: Jule Lutteroth



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broca 14.05.2014
1. Grammatik ändern
Ich glaube, dass wegen SpOn die Grammatik geändert werden sollte, denn hartnäckigerweise hält sich dort das grammatikzerstörende Virus, dass sein eigenes Genus mutiert und vollführt ungehindert sein zerstörerisches Werk.
Tatarak 14.05.2014
2. Was denn nun?
Durch Virus oder Fehlentscheidungen?
iki 14.05.2014
3. Interessant
In der "Elf" des Jahrzehnts fehlt noch Dys Kalkulie!
robin-masters 14.05.2014
4. Hauptfehler
der Hauptfehler war die Annahme das man mit teuren Transfers auch gute Spieler bekommt. Das Problem haben schon viele Clubs erfahren müssen inkl. BVB und Mönchen Gladbach etc. Es gibt einfach sehr viele Faktoren die dazu beitragen ob ein Spieler Erfolg hat und das ist nicht nur der Preis!
desitka 14.05.2014
5. Fehlentscheidungen
Das Problem begann aus meiner Sicht, als Werder sich von dem jahrelang erfolgreichen Prinzip, nicht mehr Geld auszugeben,als reinkam verbaschiedete. Lange wurden altgediente aber inzwischen günstige Recken wie Burgsmüller, Allofs oder Kostedde mit damals jungen noch günstigen Spielern wie Völler,Riedle,Basler,Ailton sowie international erfahrenen Ausländern wie Bratseth,Herzog,Pezzey, Micoud zu einer alle Bereiche abdeckenden Mannschaft geformt. Erst als man Anfing viel Geld in die Hand zu nehmen (Carlos Alberto,Wesley etc) und sich kaum noch für den Nachwuchs interressierte gings bergab. Als Folge müssen Spieler wie Clemens Fritz, die nicht einmal mehr entfernt die alten Listungen bringen oder Spieler wie Prödl als Einäugiger untern den Blinden das Gerüst bilden. Das kann nicht gutgehen. Im Übrigen wurden wirkliche Talente wie zB Kruse nicht als solche erkannt. Wehmütig vermisst man deshalb das gute Auge für Speiler, wie es ein Kalli Kamp besaß. Aber auch in der leitung scheint es nicht rund zu laufen. Während sich in der erfolgreichen Zeit eine klare Trennung von sportlichen Entscheidungen und geschäftsleitung immer wieder bewährt hat, wird heute, ähnlich wie beim HSV, von allen Seiten mitentschieden und hineingeredet. Das Klare Konzept jedenfalls ist auf der Strecke geblieben. So bewunderswert die Ruhe in Bremen immer wieder sein mag,hinzu kommt auch ein sich seit Jahren wiederholdendes Schönreden der Dauerkrise. Man ertappst sich auch als Fan gelegentlich dabei, den Gedanken eines Abstieges und völligem Neuanfang gar nicht für so unsymphatisch zu halten. Ob Eichin und Dutt die Richtigen dazu sind ist höchst zweifelhaft. Die Tatsache, daß Frank Baumann seine Scouting-Funktion zum Herbst aufgibt,läßt zumindest schon einmal hoffen.
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