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14. Mai 2014, 11:49 Uhr

Der grüne Virus

Der mysteriöse Zerfall einer großen Mannschaft

Von Cordt Schnibben

Am 8. Mai 2004 führte der SV Werder im Olympiastadion gegen Bayern München nach einer halben Stunde 3:0, antwortete so auf die Drohung von Uli Hoeneß, die Bremer "niederzumachen", und sicherte sich endgültig die Deutsche Meisterschaft und danach auch das Double. Die Mannschaft, die am drittletzten Spieltag dieser Saison in München 2:5 verlor, war eine Halbzeit lang durch geschicktes Mauern und vier Konter ein Gegner, in der zweiten Halbzeit dann nur noch ein Spielball für die Münchner.

Die zehn Jahre, die zwischen diesen beiden Spielen liegen, erzählen mehr als die Geschichte vom ewigen Auf und Ab im Fußball. Werder Bremen ist ein Musterbeispiel dafür, wie im modernen Fußball ein paar Fehlentscheidungen ausreichen, um einen sportlich und wirtschaftlich gut geführten Verein scheinbar schicksalhaft in den Sog nach unten zu reißen.

"Werder spielt revolutionär und kreativ", sagte Fußballexperte Menotti 2006

Die Mannschaft, die noch 2006 vom großen argentinischen Fußball-Philosophen César Luis Menotti als Vorbild für offensiven Fußball gelobt wurde ("Werder spielt revolutionär und kreativ, so untypisch für den oft erstarrten deutschen Fußball"), schafft es inzwischen nur noch, sich gegen andere Mannschaften zu wehren, meist erfolglos.

Viermal Meister, sechsmal Pokalsieger, einmal Europapokalsieger, hinter Bayern zweitbester Verein in der Ewigen Tabelle der Bundesliga, unter Otto Rehhagel von 1985 bis 1995 großer Konkurrent der Münchener, ebenso unter Thomas Schaaf von 2003 bis 2010 - das waren Phasen, in denen es glücklich machte, Werder-Fan zu sein. Ich bin Werder-Fan seit über 50 Jahren.

Der Niedergang der letzten drei Jahre macht ratlos und hoffnungslos, weil er eine Mannschaft zerstört, die rauschhaften Fußball spielen und in jeder Saison eine besondere Geschichte erzählen konnte.

Wer sich von Frank Baumann, Tim Borowski und Aaron Hunt das letzte Jahrzehnt Werder-Fußball erklären lässt, erfährt viele Gründe dafür, warum sich Fußballexperten wie Menotti in Werder verliebten. Die drei Männer - Baumann und Borowski arbeiten für die Geschäftsführung - sitzen in der Spieler-Lounge des Weserstadions, von hier schauen die Familienangehörigen und die verletzten Spieler den Heimspielen zu. Während der Woche sorgen lange Reihen von künstlichen Sonnenstrahlen dafür, dass der Rasen genügend Licht bekommt. In der Lounge erzählen Jubelportraits von den Glanzzeiten Werders, auch eins von Johan Micoud hängt da, vom 08. Mai 2004. Er hält mit beiden Händen seinen Kopf fest, in seinen Augen ist der Zweifel darüber, was gerade passiert ist: Werder hat Bayern im Münchener Olympiastadion geschlagen und ist Deutscher Meister.

Micouds Werder: Le Chef dirigiert

Bei Hunt und Borowski verklärt sich noch heute der Blick, wenn sie von ihrer Zeit mit Micoud sprechen. Der Franzose wechselte 2002 zu Werder, das heißt, er wurde - wie danach so manch anderer - von Klaus Allofs zu Werder gewechselt, weil der AC Parma seinen Geldgeber, einen Milchkonzern, verloren hatte und Allofs die Chance hatte, mit seinem bei Olympique Marseille und Girondins Bordeaux geschulten Französisch den Spielmacher nach Bremen zu quatschen.

Kein Spieler davor, kein Spieler danach hat die Spielkultur einer Werder-Elf so angehoben wie Micoud. Wer bei seinem ersten Spiel für Werder (am 10. September 2002 gegen den 1. FC Nürnberg) im Stadion war, erkannte die Mannschaft, die auf dem 13. Bundesligaplatz gestanden hatte, nicht wieder. Dieses Spiel dauerte für mich sieben Tage lang. Zwei Wochen später war Werder Tabellenvierter, zur Winterpause Dritter.

Micoud lenkte nicht nur auf dem Spielfeld, auch im Training brachte er jungen Spielern wie Borowski, Fabian Ernst, Ivan Klasnic und Aílton bei, wie man über schnelles Passspiel im modernen Fußball zu Toren kommt. Sein Ehrgeiz und seine Besessenheit machten ihn bei Mitspielern unbeliebt, aber sie folgten ihm.

Da war, zweitens, Klaus Allofs. Er wurde zum Vorbild für eine ganze Sportmanager-Generation, weil er es - zunächst ahnungslos - wie kein anderer schaffte, Geld in Tore und Punkte zu verwandeln, pro investiertem Euro den maximalen sportlichen Erfolg zu erwirtschaften. Júlio César, Claudio Pizarro, Mladen Krstajic, Frank Verlaat, Ümit Davala, Valérien Ismaël, Andreas Reinke, Daniel Jensen, Miroslav Klose, Naldo, Per Mertesacker, Diego, Mesut Özil. Viele wurden irgendwo entdeckt, meist mit wenig Geld nach Bremen gelotst, oft für viel Geld wieder verkauft. Ein Jahrzehnt lang funktionierte Allofs fast fehlerfrei, dann wurde er zum Problem für den Verein.

Da war, drittens, Thomas Schaaf. Er war vier Trainern (Aad de Mos, Dixie Dörner, Wolfgang Sidka, Felix Magath) gefolgt und bearbeitete den innerhalb von vier Jahren wild zusammengekauften, überalterten Kader so, dass daraus in vier Jahren eine Meistermannschaft wurde. "Er schaffte es, ein Spielsystem zu entwickeln", so sieht es Frank Baumann, "das genau auf uns Spieler passte, wir hatten zwar einige überragende Einzelspieler, aber wir waren vor allem eine überragende Mannschaft."

"Wir waren anderen Teams um Jahre voraus", sagt Borowski

Als "Raute" wurde das System mit vier Mittelfeldspielern bezeichnet, das zwei Stürmer bediente. "Wir waren anderen Teams voraus", sagt Borowski. "Schnelles Gegenpressing, hohes Verteidigen, Kurzpassspiel mit wenigen Kontakten. Wir besaßen nicht die Schnelligkeit wie heute die Dortmunder, aber wir hatten viele Elemente in unserem Spiel, die den BVB in den letzten Jahren so erfolgreich gemacht haben."

Da war, viertens, die besondere Mischung aus erfahrenen Spielern, die in anderen Vereinen nicht richtig funktioniert hatten, und jungen Spielern, die ihre Chance bekamen, weil immer wieder Profis wie Torsten Frings, Aílton, Krstaji, Ernst, Ismaël den Verein verließen.

Da war, fünftens, die Zuversicht bei vielen Talenten, sich bei einem Wechsel zu Werder so weiterzuentwickeln, dass sie beim nächsten Verein noch mehr verdienen konnten.

Diegos Werder: Tanze Samba mit mir

Als Micoud 2006 zu Girondins Bordeaux weiterzog, nahm der junge Brasilianer Diego seinen Platz ein, der beim FC Porto nur noch auf der Bank oder der Tribüne gesessen hatte. Diego spielte egoistischer als Micoud, "er war ein überragender Fußballer und Vollstrecker", sagt Borowski, aber neben Micoud kam er in einer Saison auf zehn Tore, neben Diego nur noch auf vier Tore in zwei Spielzeiten.

Seit dem Triumph im Münchner Olympiastadion 2004 war Werder in den folgenden vier Jahren immer unter die Top Drei der Bundesliga gekommen. "Für mich und Thomas war schon an diesem 8. Mai klar, dass das die eigentliche Leistung sein würde", sagt Allofs, "durch die Teilnahme an der Champions League die Gelder zu erspielen, die der Verein brauchte, um oben mitspielen zu können."

Für Jürgen L. Born, damals Vereinsvorsitzender, war seit 2007 nicht mehr alles in Ordnung im Verein. Die Erfolge lösen einen lange schwelenden Streit darüber aus, wem sie zu verdanken sind. Die vom Verein jahrzehntelang propagierte "Werder-Familie" beginnt sich aufzulösen, jeder will der Vater des Erfolges sein. Neben Allofs, Schaaf und Born sind es die Vorstandsmitglieder Klaus-Dieter Fischer und der Aufsichtsrat Willi Lemke, die um Macht und Einfluss ringen. Wer hat Aílton nach Bremen geschleust? Wer Pizarro? Wer hat den Stadionausbau versaut? Wer das Schlimmste verhindert? Das sind beliebte Streitthemen. Besonders Lemke, der unter Otto Rehhagel Manager und nach dessen Abgang für das vierjährige Missmanagement bis 1999 mitverantwortlich war, neidet Allofs den Erfolg und versucht Transfers, wie zum Beispiel den von Klose, zunächst zu verhindern.

Als Klose 2007 für 15 Millionen Euro an Bayern München verkauft wird, beginnen Allofs Transferprobleme, die in den folgenden Jahren die Qualität der Mannschaft nach unten ziehen. Boubacar Sanogo (für 4,5 Millionen Euro vom HSV) und Carlos Alberto (für 7,8 Millionen von Corinthians São Paulo) sollen die Lücke im Angriff schließen, Sanogo spielt nur in der Hinrunde gut, Carlos Alberto steht nur fünfmal auf dem Platz, wegen massiver gesundheitlicher Probleme, Trainingsrückstands, nächtlichen Kondomkaufs an Tankstellen und diverser anderer Eskapaden.

So schieben sich langsam die Probleme von allen Seiten zusammen

Die Mannschaft gewinnt zwar 2009 noch mal den DFB-Pokal und schafft es ins Finale des Uefa-Cups. Aber im Verein eskalieren die Konflikte unter den Verantwortlichen in einer seltsamen Attacke gegen den Vorsitzenden Born. Er soll vom Berater Pizarros 50 000 Dollar Handgeld bekommen haben, so der Vorwurf einer Zeitung aus Peru. Der Aufsichtsratsvorsitzende Lemke drängt Born zum schnellen Rücktritt, weil er das Medienecho fürchtet, nach Klärung durch Wirtschaftsprüfer erweisen sich die Vorwürfe als nicht belegbar. Born sieht sich als Opfer einer Intrige und greift Lemke an: Der habe sich eine vom Verein finanzierte Rente in Höhe von monatlich rund 2500 Euro garantieren lassen; in Lemkes Zeit als Manager habe der Verein am Finanzamt vorbei eine schwarze Kasse von über 800 000 Mark verwaltet, wofür der SV Werder nach einer Selbstanzeige 2001 Steuern nachzahlen und eine Strafzahlung leisten musste.

Mit Born, im Hauptberuf Banker, wird der Mann aus der Führungsebene gedrängt, der den Verein geführt hatte wie ein mittelständisches Unternehmen, patriarchalisch, volkstümlich, mit guten Verbindungen zur heimischen Wirtschaft. Da er dank seiner vielen Jahre in Südamerika an vielen Transfers beteiligt war, verliert der Verein zudem einen guten Scout.

Und so schieben sich langsam von allen Seiten die Probleme zusammen, die dem Verein wirtschaftlich und sportlich zusetzen. Eine Mannschaft ist wie ein empfindliches Mobile, das sensibel auf viele Einflüsse reagiert: auf die Strömungen im Verein, auf die Charaktere im Vorstand, auf die Linie des Managers, auf die Autorität des Trainers, auf die Qualität der Spieler, auf die Stimmung in der Mannschaft. Bei Werder beginnen diese Variablen gegeneinander zu arbeiten.

Özils Werder: Zu gut für Schalke

Als Diego ging und Mesut Özil ihn ersetzte, funktionierte Schaafs Fähigkeit noch, aus einem Talent einen Nationalspieler zu formen. Nach dem Pokalsieg 2009, dem letzten Titel, verlor Werder mit ausbleibendem Erfolg die Qualität, jeden Spieler, der zu dem Verein kam, besser zu machen. Marko Marin und der Brasilianer Wesley sind Beispiele für Stagnation. "Schaaf hat nie viel mit Spielern gesprochen,", sagt Hunt. Nun zog er sich noch mehr zurück.

In den ersten Jahren des Erfolges war Werder die begehrteste Adresse für Spieler, die sich zutrauten, ganz nach oben zu kommen, und das lag an Thomas Schaaf. Er konnte schwierige Typen ins Mannschaftsgefüge integrieren, Aílton wurde erst unter Schaaf zum Topstürmer, manche Spieler wie Baumann kamen nur wegen Schaaf zu Werder, manche Spieler wie Diego waren nur bei Werder richtig gut.

Da sind, zum einen, die teuer transferierten Spieler, die nicht den Weg in die Mannschaft finden und deshalb die Stimmung und die Qualität des Spiels nach unten ziehen. "Das hat Auswirkungen auf jeden Spieler im Team, es bilden sich keine Automatismen heraus", sagt Hunt, "es entsteht kein harmonisches Ganzes." Für die Spieler, die gingen, seien zudem in jeder Saison schwächere dazu gekommen.

Da sind, zum anderen, die jungen Spieler, die aus dem eigenen Nachwuchs nicht mehr so nachrücken wie vorher. "Wenn du Champions League spielst", sagt Allofs, "dann überlegst du dir genauer als vorher, ob ein junger Spieler die Qualität der Mannschaft steigert oder nicht". Max Kruse, Dennis Diekmeier, Karim Bellarabi verlassen den Verein, um sich weiterzuentwickeln. Als erster Verein hatte Werder ein Jugendinternat, immer wieder war es gelungen, Spieler wie Nelson Valdez, Schulz, Borowski und Hunt in die Mannschaft zu integrieren. In den Jahren des Erfolgs schauten Allofs und Schaaf auf der Suche nach Talenten lieber in die weite Welt als auf die Nebenplätze des Stadions.

"Es bilden sich keine Automatismen mehr heraus", sagt Hunt

Anzustreben sei, sagt Aufsichtsrat Marco Bode, dass der Spielerkader zu einem Drittel aus Nachwuchsspielern bestehe, zu einem Drittel aus erfahrenen Bundesligaspielern und zu einem Drittel aus Potentialspielern, denen man zutraue, Nationalspieler zu werden. Davon ist Werder weit entfernt.

Allofs, der nach dem Ausscheiden Borns an die Spitze der Werder-Geschäftsführung aufgerückt ist, kümmert sich nicht mehr so wie früher um das Scouting und auch private Probleme machen ihm zu schaffen - es beginnt eine lange Reihe von Transferflops. Said Husejinovi, Sandro Wagner, Marcelo Moreno, Denni Avdi, Wesley, Mehmet Ekici, Joseph Akpala. Zwischen Allofs und Lemke eskaliert der Streit um Transfers im Jahr 2011, der Etatansatz ist weit überschritten. Über seltsame Spielerberater, die bei Allofs' Transfers häufig auftauchen, wird im Aufsichtsrat diskutiert, über Spieler, die nur verpflichtet werden sollen, um einem Spielerberater einen Gefallen zu tun, über viele Zusatzzahlungen, hier noch mal eine halbe Million und dort noch mal eine, und über Deals wie beim Transfer von Marko Marin - der Vater wurde eingestellt. Wenn wir das nicht machten, heißt es im Aufsichtsrat, "geht der Sohn zum HSV".

Hunts Werder: Zehn Jahre treu

Als Özil nach der WM 2010 zu Real Madrid wechselte, trauten Schaaf und Allofs Hunt und Marin zu, das kreative Duo im Offensivspiel zu werden, aber beide erfüllten die Erwartungen nicht. "Wir hatten nicht mehr die Anhäufung von Top-Spielern im Kader", sagt Allofs, "es hat nicht funktioniert, gleichwertige Nachfolger zu integrieren". Und gute Spieler, die man geholt habe, seien bei Werder nicht besser geworden.

Die ausbleibenden Erfolge in drei Spielzeiten (13., 9., 14. Tabellenplatz) und die fehlenden Einnahmen aus europäischen Wettbewerben reduzierten die jährlichen Einnahmen um bis zu 25 Millionen Euro. Spieler, die auf Champions-League-Niveau verdienten, mussten den Verein verlassen, Per Mertesacker, Pizarro, Tim Wiese, Naldo, Marin zogen weiter zu verdienstvolleren Verträgen und beschleunigten den sportlichen Abstieg.

Wo das Geld aus den Champions-League-Jahren und aus den Transfers von Diego (27 Millionen Euro) und Özil (18 Millionen) geblieben sei, wird der Aufsichtsrat immer wieder gefragt, und Lemke antwortet: "Es ist bekannt, dass wir zu Zeiten der Champions League einen sehr kostenintensiven Kader gehabt haben. Zusammen mit einigen Transfers, die nicht optimal liefen, wurden die eingenommenen Beträge recht schnell wieder in die Mannschaft investiert."

Das Gebaren von Allofs und Schaaf ähnelt der Spekulation von Spielern

Von Zockereien an den Finanzmärkten ist im Verein die Rede, von Spekulationen rund um die insolvent gegangene Reederei Beluga - einem Werder-Sponsor - und von zig Millionen, die im Stadionausbau verschwendet worden seien, aber Lemke weist das alles zurück. Allerdings sei der Verein bei der Kalkulation des Stadionausbaus von 22 und mehr Spielen pro Saison ausgegangen, die Einnahmen aus den internationalen Spielen fehlten jetzt.

Die Versuche von Allofs und Schaaf, mit teuren, aber erfolglosen Transfers (Eljero Elia, Marko Arnautovic, Ekici) schnell wieder nach oben zu kommen, engen den finanziellen Spielraum des Vereins weiter ein, so dreht sich die Abwärtsspirale immer schneller. Das Gebaren von Allofs und Schaaf ähnelt in dieser Phase der Spekulation von Zockern im Casino, die das letzte Geld einsetzen, um das große Los zu ziehen. Wegen der jahrelangen Erfolge hatten sie grenzenlosen öffentlichen Kredit.

Schaafs Werder: Die Dinge regeln

Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel, regelmäßiger Stadionbesucher, vergleicht das Verhalten der Bremer Öffentlichkeit Schaaf gegenüber mit dem Entstehen einer Blase an der Börse, "die Sicht auf die Realität ist getrübt durch die Hoffnungen". Allofs' Kurs ist durch den Wechsel nach Wolfsburg abgestürzt, aber der Blick auf Schaaf ist ungetrübt wie eh und je. Nie einen guten Linksverteidiger gefunden, nach Frings keinen guten Sechser gesucht, immer wieder die Balance zwischen Angriff und Abwehr verfehlt, viele Tore nach Kontern kassiert, diese komisch menschenleere Sprache, in der immer nur von "Dingen" die Rede ist - all dies wurde ihm verziehen. Weil er seit 42 Jahren ein Werder-Mensch ist, weil er den Bremern jahrelang den besten Werder-Fußball aller Zeiten bescherte, verzeihen ihm die Fans bis heute alles.

Als er einsah, dass er der Mannschaft nichts mehr geben konnte, soll er - laut Willi Lemke - zur Werder-Geschäftsführung gesagt haben: "Wenn ich ihr wärt, würde ich mich entlassen." Eigentlich müsste er sich lebenslang ins Werder-Museum stellen. Seinen Kult-Status wird er erst verlieren, falls er jemals beim HSV auf der Trainerbank sitzen sollte.

Die harten Fans haben Werders Absturz in das untere Tabellendrittel längst eingepreist, ihre Erwartungen können auch durch ein 0:3 in Mainz nicht mehr unterboten werden. Über dem HSV zu stehen, das reicht ihnen, und so wirken sie mit ihrer schon sektenhaften Begeisterung wie die letzte Konstante in Werders Sphinxfußball.

Wenn eine Mannschaft berauschenden Fußball spielt, wie jahrelang unter Schaaf, dann dauert ein Spiel drei Tage. Am Tag vor dem Match geht der Fan die Aufstellung der Mannschaft durch, er zittert um die Verletzten, er taxiert die Form seiner Leute, er checkt, wer beim Gegner ausfällt, er rechnet durch, auf welchem Tabellenplatz sein Verein nach einem Sieg stehen wird.

Am Tag nach dem Spiel liest er alle Spielberichte, prüft die Verletztenliste und trifft Prognosen für den weiteren Verlauf der Saison. Für mich - Werder-Fan seit über 50 Jahren und Mitglied des Vereins - dauern Spiele von Werder Bremen nur noch 90 Minuten, manchmal nur 45 oder sogar nur 15 Minuten.

Innerhalb von drei Jahren ist eine Champions-League-Mannschaft auf Zweitliga-Format heruntergewirtschaftet worden, die am Ende der Saison froh sein muss, den Abstieg vermieden zu haben, weil es drei Vereine gibt, die noch schlechter spielen. Schönen Dank, HSV!

Allofs' Werder: Das letzte Pferdchen

Gegen die Vorwürfe aus dem Aufsichtsrat, Allofs und Schaaf hätten zu viel Geld verbrannt bei sportlich fragwürdigen Transfers, verteidigt sich Allofs heute damit, er könne "eine Liste aufsetzen, die beweist, dass die Herren nicht richtig liegen", aber er wolle nicht zurückblicken.

Für Marco Bode, mit 101 Toren der Bundesliga-Rekordschütze des Vereins und seit eineinhalb Jahren im Aufsichtsrat, sind Transfers immer eine "Wette auf die Zukunft". Wenn ein Verein wie Werder eine dieser Wetten mit hohem Einsatz verliere, werde es schon zum Problem; wenn dann hektisch versucht werde, "mit noch mehr Risiko weitere Wetten abzuschließen, kann das zur Problemkette werden".

Allofs verteidigt seine Transferpolitik mit der Luft, "die immer dünner wird, wenn du Erfolg hast". Wenn man jahrelang Champions League spiele, "seien Transfers nötig, die die Mannschaft auf hohem Niveau noch besser machen", und damit steigt die Geldsumme, die man einsetzen muss. Und das Risiko.

2003 zahlte Werder 32 Millionen Euro im Jahr für Spielergehälter, Bayern München lag bei 60 Millionen, die Kirch-Krise hatte die Einnahmen aller Klubs gesenkt, Werder machte mehr daraus als andere. "Geld schießt Tore", diesen Spruch habe Werder jahrelang widerlegt, sagt Hickel, daraus zog der Verein seine bundesweite Wertschätzung bei Fußballromantikern. Und damit befeuerte Lemke den Klassenkampf gegen die Millionarios aus München.

Mit den Champions-League-Einnahmen hat sich Werder solange nach oben gewirtschaftet, bis die Mannschaft so teuer war, dass der sportliche Misserfolg sie in die Luft jagte und über ganz Europa verstreute. Die großen Spieler sind weg, und auch die Millionen sind weg. Seit drei Jahren macht der Verein hohe Verluste, das Eigenkapital hat sich innerhalb von zwei Jahren halbiert, ist auf 16,5 Millionen Euro zusammen geschmolzen. Sponsoren kürzen ihre Zahlungen, und neue Geldgeber sind nicht in Sicht.

Der Verein sei "kulturell im Umbruch", sagt Hickel, aus dem Traditionsverein werde Schritt für Schritt ein "von Technokraten geführter, kapitalorientierter Verein", dem allerdings dummerweise das Kapital fehle.

Bayern München zahlt inzwischen 140 Millionen für Spielergehälter, Werder ist wieder bei gut 30 Millionen angekommen. "Die Dimensionen im Fußball haben sich verändert", sagt Allofs, "so wie vor zehn Jahren geht es nicht mehr". Die Vereine, die regelmäßig in der Champions League spielen, erlangen einen Wettbewerbsvorteil, den die anderen Vereine nicht mehr aufholen können. "Wenn man in vielen Personalentscheidungen richtig liegt", sagt Allofs, der inzwischen bei Wolfsburg 18 und 22 Millionen Euro Ablöse für Spieler wie Luiz Gustavo und Kevin de Bruyne ausgeben darf, "kann man allerdings den Abstand verringern".

3:1 in München, so wie am 8. Mai 2004, oder 5:2 in München, so wie am 20. September 2008, Meister mit sechs Punkten Vorsprung vor Bayern München so wie in der Saison 2003/04 - davon können Vereine wie Werder Bremen nur noch im Blick zurück träumen.

Mein Werder: Das Leiden am W

Meine Liebe zu Werder hatte an einem kalten Januarmittwoch im Jahr 1962 begonnen, ich durfte an der Hand von Onkel Heini das Viertelfinale im Europapokal gegen Atlético Madrid besuchen; durch den Fußgängertunnel am Osterdeich näherten wir uns auf regennassem Kopfsteinpflaster dem Stadion, dessen Flutlichtmasten den dunstigen Himmel in ein geheimnisvolles Licht tauchten.

Eine Überschrift aus dem "Kicker" beschrieb am besten, was die Mannschaft über Jahrzehnte für mich war: "Die Sphinx des Nordens", ein unberechenbares Team, zu grandiosen Festen ebenso fähig wie zu peinlichen Debakeln.

Auch die schmerzhaften Phasen konnte man ertragen, die Millionen-Elf der Siebziger, die 93-Gegentore-Saison, den Abstieg aus der 1. Bundesliga, die 13 Trainer in elf Jahren (1971 bis 1981), die fünf Trainer in fünf Jahren (1995 bis 1999), weil die Zuversicht blieb, die Sphinx werde sich immer wieder in etwas Mächtiges verwandeln und beim Gegner Angst und Schrecken verbreiten. Aber jetzt fehlt die Zuversicht.

Aus Selbstschutz habe ich meine Begeisterung für Werder inzwischen der Leidenschaft angepasst, mit der die Spieler auf dem Platz um Raumgewinn und Tore ringen. Ich denke wie sie von Spiel zu Spiel, mal begeistern sie mich, dreimal in dieser Saison, meist bewundere ich die rhetorische Leistung, mit der Kapitän Clemens Fritz und andere nach Spielschluss erklären, warum "heute die Einstellung der Mannschaft" gefehlt habe, wie sehr "ihnen die Fans leid tun", und dass man "hart arbeiten müsse, um im nächsten Spiel eine Antwort zu geben". Ich stelle mir die Spieler dann in jenem Rhetorikkurs vor, der heutzutage wohl zu jedem Werder-Trainingslager gehören muss.

Mich sorgt dieser hässliche Nie-wieder-Micoud-Fußball irgendwo zwischen Otto Rehhagels griechischem Euro-Riegel und altem englischem Kick-and-rush, den Werder in vielen Spielen bietet: nur mit langen Bällen, ohne Mittelfeld, Torgefahr nur durch Ecken und Freistöße. Am vorletzten Spieltag gegen Hertha BSC war es Hunt, der mit zwei Toren und ein paar Pässen alte Spielkunst aufblitzen ließ. Und als in der Halbzeitpause die Meister-Elf von 2004 auf dem Rasen geehrt wurde und die Zuschauer Micoud mit seinem "Hey Jude"-Refrain feierten, wehte der kalte Weser-Wind ein paar Jahre Frust aus dem Stadion. Mit wem ich auch sprach, mit Lemke, mit Borowski, Bode, Baumann oder Born, ich sah in ihren Augen das Abstiegsgespenst, besonders warnend blickte Hunt in die Zukunft. Er beklagt die Spielfreude, die fehlt; die Lust, mit dem Ball etwas Verrücktes anzustellen; den Abgang dieser Typen, die nicht ersetzt wurden, und daraus hat er den Schluss gezogen, woanders zu kicken.

Dass Trainer Robin Dutt sofort erklärte, Hunt werde man nicht durch einen neuen Spieler ersetzen, das könne die Mannschaft im Kollektiv, erinnert mich zu sehr an die dröhnenden Beschwichtigungen bei den Abgängen von Özil, Pizarro, Naldo und all den anderen. Werder wirkt wie ein Organismus, der sich selbst auffrisst, befallen von einem grünen Virus.

Zwei, drei Jahre lang werde Werder gegen den Abstieg spielen, ließen alle meine Gesprächspartner durchblicken. Und die Hoffnung auf bessere Zeiten ziehen sie aus dem Blick zurück, aus den miesen Phasen zwischen 1971 und 1980, zwischen 1995 und 1999. "Vor 2003 waren wir ähnlich schwankend wie jetzt", sagt Baumann tröstend, der zuletzt im Verein für das Scouting verantwortlich war.

Aber auch er wird den Verein verlassen.


Konzeption: Jens Kuppi, Jens Radü, Cordt Schnibben
Text-Supplements: Lena Steeg, Lucas Vogelsang
Dokumentation: Andreas Meyhoff
Gestaltung: Elsa Hundertmark, Hanz Sayami
Programmierung/Grafiken: Guido Grigat
Spieler-Videos: Kai Niels Bogena
Film/Ton-Schnitt: Olaf Heuser
Radioreportagen: Henry Vogt (Radio Bremen)
Bildredaktion: Thorsten Gerke
Schlussredaktion: Fred Schlotterbeck
Koordination: Jule Lutteroth

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