Der grüne Virus Der mysteriöse Zerfall einer großen Mannschaft


Von Cordt Schnibben

Am 8. Mai 2004 führte der SV Werder im Olympiastadion gegen Bayern München nach einer halben Stunde 3:0, antwortete so auf die Drohung von Uli Hoeneß, die Bremer "niederzumachen", und sicherte sich endgültig die Deutsche Meisterschaft und danach auch das Double. Die Mannschaft, die am drittletzten Spieltag dieser Saison in München 2:5 verlor, war eine Halbzeit lang durch geschicktes Mauern und vier Konter ein Gegner, in der zweiten Halbzeit dann nur noch ein Spielball für die Münchner.

Bayern-Star Ribéry, Bremer Gegenspieler
picture alliance/ GES-Sportfoto

Bayern-Star Ribéry, Bremer Gegenspieler

Die zehn Jahre, die zwischen diesen beiden Spielen liegen, erzählen mehr als die Geschichte vom ewigen Auf und Ab im Fußball. Werder Bremen ist ein Musterbeispiel dafür, wie im modernen Fußball ein paar Fehlentscheidungen ausreichen, um einen sportlich und wirtschaftlich gut geführten Verein scheinbar schicksalhaft in den Sog nach unten zu reißen.

"Werder spielt revolutionär und kreativ", sagte Fußballexperte Menotti 2006

Die Mannschaft, die noch 2006 vom großen argentinischen Fußball-Philosophen César Luis Menotti als Vorbild für offensiven Fußball gelobt wurde ("Werder spielt revolutionär und kreativ, so untypisch für den oft erstarrten deutschen Fußball"), schafft es inzwischen nur noch, sich gegen andere Mannschaften zu wehren, meist erfolglos.

Meisterschaft 2004
imago

Meisterschaft 2004

Viermal Meister, sechsmal Pokalsieger, einmal Europapokalsieger, hinter Bayern zweitbester Verein in der Ewigen Tabelle der Bundesliga, unter Otto Rehhagel von 1985 bis 1995 großer Konkurrent der Münchener, ebenso unter Thomas Schaaf von 2003 bis 2010 - das waren Phasen, in denen es glücklich machte, Werder-Fan zu sein. Ich bin Werder-Fan seit über 50 Jahren.

Der Niedergang der letzten drei Jahre macht ratlos und hoffnungslos, weil er eine Mannschaft zerstört, die rauschhaften Fußball spielen und in jeder Saison eine besondere Geschichte erzählen konnte.

Das Weserstadion zum Drehen

 

Wer sich von Frank Baumann, Tim Borowski und Aaron Hunt das letzte Jahrzehnt Werder-Fußball erklären lässt, erfährt viele Gründe dafür, warum sich Fußballexperten wie Menotti in Werder verliebten. Die drei Männer - Baumann und Borowski arbeiten für die Geschäftsführung - sitzen in der Spieler-Lounge des Weserstadions, von hier schauen die Familienangehörigen und die verletzten Spieler den Heimspielen zu. Während der Woche sorgen lange Reihen von künstlichen Sonnenstrahlen dafür, dass der Rasen genügend Licht bekommt. In der Lounge erzählen Jubelportraits von den Glanzzeiten Werders, auch eins von Johan Micoud hängt da, vom 08. Mai 2004. Er hält mit beiden Händen seinen Kopf fest, in seinen Augen ist der Zweifel darüber, was gerade passiert ist: Werder hat Bayern im Münchener Olympiastadion geschlagen und ist Deutscher Meister.

Bremer Pokalvitrine
Getty Images

Bremer Pokalvitrine



Forum - Wie ist der Absturz von Werder Bremen zu erklären?
insgesamt 53 Beiträge
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broca 14.05.2014
1. Grammatik ändern
Ich glaube, dass wegen SpOn die Grammatik geändert werden sollte, denn hartnäckigerweise hält sich dort das grammatikzerstörende Virus, dass sein eigenes Genus mutiert und vollführt ungehindert sein zerstörerisches Werk.
Tatarak 14.05.2014
2. Was denn nun?
Durch Virus oder Fehlentscheidungen?
iki 14.05.2014
3. Interessant
In der "Elf" des Jahrzehnts fehlt noch Dys Kalkulie!
robin-masters 14.05.2014
4. Hauptfehler
der Hauptfehler war die Annahme das man mit teuren Transfers auch gute Spieler bekommt. Das Problem haben schon viele Clubs erfahren müssen inkl. BVB und Mönchen Gladbach etc. Es gibt einfach sehr viele Faktoren die dazu beitragen ob ein Spieler Erfolg hat und das ist nicht nur der Preis!
desitka 14.05.2014
5. Fehlentscheidungen
Das Problem begann aus meiner Sicht, als Werder sich von dem jahrelang erfolgreichen Prinzip, nicht mehr Geld auszugeben,als reinkam verbaschiedete. Lange wurden altgediente aber inzwischen günstige Recken wie Burgsmüller, Allofs oder Kostedde mit damals jungen noch günstigen Spielern wie Völler,Riedle,Basler,Ailton sowie international erfahrenen Ausländern wie Bratseth,Herzog,Pezzey, Micoud zu einer alle Bereiche abdeckenden Mannschaft geformt. Erst als man Anfing viel Geld in die Hand zu nehmen (Carlos Alberto,Wesley etc) und sich kaum noch für den Nachwuchs interressierte gings bergab. Als Folge müssen Spieler wie Clemens Fritz, die nicht einmal mehr entfernt die alten Listungen bringen oder Spieler wie Prödl als Einäugiger untern den Blinden das Gerüst bilden. Das kann nicht gutgehen. Im Übrigen wurden wirkliche Talente wie zB Kruse nicht als solche erkannt. Wehmütig vermisst man deshalb das gute Auge für Speiler, wie es ein Kalli Kamp besaß. Aber auch in der leitung scheint es nicht rund zu laufen. Während sich in der erfolgreichen Zeit eine klare Trennung von sportlichen Entscheidungen und geschäftsleitung immer wieder bewährt hat, wird heute, ähnlich wie beim HSV, von allen Seiten mitentschieden und hineingeredet. Das Klare Konzept jedenfalls ist auf der Strecke geblieben. So bewunderswert die Ruhe in Bremen immer wieder sein mag,hinzu kommt auch ein sich seit Jahren wiederholdendes Schönreden der Dauerkrise. Man ertappst sich auch als Fan gelegentlich dabei, den Gedanken eines Abstieges und völligem Neuanfang gar nicht für so unsymphatisch zu halten. Ob Eichin und Dutt die Richtigen dazu sind ist höchst zweifelhaft. Die Tatsache, daß Frank Baumann seine Scouting-Funktion zum Herbst aufgibt,läßt zumindest schon einmal hoffen.
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