Neue Bundesligasaison Transparenzoffensive beim Videobeweis

Die Aufregung über den Videobeweis in der Bundesliga gehörte in der Vorsaison schon zur Folklore. DFB und DFL wollen ihn jetzt transparenter machen - den Fans im Stadion nützt das wenig.

Videobeweis bei der WM in Russland
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Videobeweis bei der WM in Russland

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Als der Deutsche Fußball-Bund die Neuerungen beim Videobeweis für die kommende Saison vorstellte, sagte Vizepräsident Ronny Zimmermann: "Bei der WM wurde in Sachen VAR Chaos erwartet, in Deutschland dagegen geht man immer von Perfektion aus." Nach den Erfahrungen des ersten Videobeweisjahres in der Bundesliga ist man diese Erwartungshaltung zumindest erfolgreich losgeworden.

Nun geht der VAR (Video assistant referee) in seine erste echte Ligasaison. Im Vorjahr konnte man so manche Panne noch mit dem Testphasenstatus begründen. Das ist jetzt vorbei, der Videoassistent ist jetzt sozusagen offiziell. Und präsentiert sich nach den Aufregungen und Veränderungen der Vorsaison künftig mit verändertem Gesicht.

DFB und DFL beharren darauf, dass der Videobeweis, zumindest in der Bundesliga-Rückrunde, ein echter Erfolg gewesen sei und nur unter einer verzerrten öffentlichen Wahrnehmung gelitten habe. Der Verband spricht von einer "Entscheidungsqualität von 99,25 Prozent", in der Öffentlichkeit war der Eindruck jedoch weitgehend anders. So sind die Maßnahmen, die DFB und DFL für die neue Spielzeit einführen, auch zum Teil kosmetischer Natur: Die Nachvollziehbarkeit der Entscheidungen soll deutlich steigen - die Leute sollen auch merken, dass in den meisten Fällen auch richtig entschieden wurde. Dabei wird aber eher an die Fernsehzuschauer gedacht, weniger an die Fans im Stadion.

"Ziel ist größtmögliche Transparenz für den TV-Zuschauer"

  • So wird zur neuen Saison der Dreier-Splitscreen für die TV-Zuschauer eingeführt. Im Fernsehen wird eingeblendet, welche Spielszene im Kölner Videokeller überprüft wird - und das mit drei verschiedenen Kameraeinstellungen. "Das Ziel ist größtmögliche Transparenz für den TV-Zuschauer", sagt DFL-Direktor Ansgar Schwenken. Bei der WM in Russland wurde dies ähnlich praktiziert.
  • Wer im Stadion sitzt, muss weiter eher rätseln, welche Szene gerade von den Referees überprüft wird. Immerhin werden auf der Großbildleinwand Texteinblendungen gezeigt, die zumindest deutlich machen, dass gerade etwas in Sachen Videobeweis passiert. "Situation", "Überprüfung" und "Entscheidung" wird dann eingeblendet, und man darf jetzt schon darauf setzen, dass das wieder genug Stoff für Diskussionen bietet.

Ob das als Verbesserungsmaßnahme ausreicht, ist offen. Gerade die fehlende Transparenz im Stadion hatte immer wieder zu Verärgerung und Frust geführt. "Ich erwarte, dass es Nachbesserungen gibt, vor allem, was die Transparenz der Abläufe angeht", hatte zum Beispiel Werder-Trainer Florian Kohfeldt gefordert.

Und sein Hoffenheimer Trainerkollege Julian Nagelsmann hatte sich besonders darüber aufgeregt, dass sich einige Schiedsrichter auf dem Platz umstrittene Szenen nochmals auf dem Fernseher am Spielfeldrand ansehen, teilweise für mehrere Minuten, bevor eine Entscheidung fiel. "Was ich völlig abschaffen würde, sind diese Situationen, in denen es heißt: Schiedsrichter, schau dir das noch mal selber an", sagt er: "Dann braucht man Köln gar nicht." Daran jedoch haben DFB und DFL nichts geändert.

Neuer Versuch bei der Abseitsregel

Einen neuen Versuch unternehmen die Organisatoren bei der Abseitsregel. Hier werden wieder die sogenannten kalibrierten Linien eingeführt. Diese sollten eigentlich schon in der Vorsaison eingesetzt werden. Da die Technik aber nicht funktionierte, verzichtete man nach dem 1. Spieltag darauf. Jetzt wird das Hawk Eye wieder eingesetzt, bei engen Abseitssituationen wird zusätzlich ein 3D-Verfahren genutzt. "Das wird uns helfen, noch mehr Sicherheit zu bekommen", sagt Jochen Drees, der ab Oktober der DFB-Verantwortliche für den Videobeweis wird. Drees soll damit auch die personellen Turbulenzen beenden, die im Verband dafür gesorgt hatten, dass beim Thema Videobeweis nie Ruhe eingekehrt ist.

Zum Einsatz des Videobeweises sagt Drees den schönen Satz: "Nicht der Moment, in dem der Ball den Fuß verlässt, ist für die Entscheidung Abseits ja oder nein entscheidend, sondern der Moment, in dem der Impuls zum Abspiel kommt." Der zu messende Impuls - das klingt interessant.

In der bereits laufenden zweiten Liga wird das System offline getestet, wie es beim DFB heißt. Das bedeutet: Der Videobeweis überwacht einzelne Partien zwar, deren Entscheidungen haben in der Praxis aber keinen Einfluss auf den Spielverlauf. Ein Test, von dem (noch) niemand etwas merkt. Auch die ersten DFB-Pokalrunden sind nach wie vor VAR-frei. Erst ab dem Viertelfinale schaut dann auch das Videoteam in Köln zu.

Das Schlusswort gebührt DFL-Direktor Schwenken. Er erhofft sich durch die Veränderungen "eine noch stärkere Akzeptanz des Videoassistenten, der in der vergangenen Saison auch für die Fans ein völlig neues, gewöhnungsbedürftiges Element darstellte". So kann man es ausdrücken.



insgesamt 21 Beiträge
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geradsteller 14.08.2018
1. War einer dieser „Fans“ u Beteiligten
Jemals bei einem Eishockey oder Footballspiel?? Auch in deutschen Stadien gibt es Videoleinwände. Wunder: ES funktioniert!! . Und dann sieht das jeder, und dann begreift das jeder Denkende. Vielleicht fällt es den so genannten Fans einfach an der begrifflichen Reife. Oder der Fußball will seine Zuschauer für dumm verkaufen. Beides peinlich.
GerdKaktus 14.08.2018
2. Aha, der Impuls...
Steht es mittlerweile so in den Regeln? Es hieß ja früher:"Im Moment der Ballabgabe". Und nicht des Impulses zur Ballabgabe. Und wie wird er gemessen, der Impuls? An der Anspannung des Muskels? Fußball war nie perfekt, warum sollte er es werden?
Levator 14.08.2018
3. Wer im Stadion sitzt, muss weiter eher rätseln
Also Live dabei sein ist doch nicht live. Was für ein Unfug. Werden jetzt dafür in allen Stadien die Eintrittspreise gesenkt, weil man eben doch nicht - wie man teuer bezahlt hat - live dabei ist und nur der 2. Reihe sitzt? Da muss für die Zuschauer vor Ort unbedingt nachgebessert werden . Was für den TV-Hocker daheim gilt, muss auch für die treuen Stadiongänger technisch machbar sein! Einfach einen Teil von diesen unverschämt hohen Eintrittpreise für die technische Ertüchtigung im jeweiligen Stadion hernehmen und das Ganze verpflichtet für jeden Verein, zumindest in den beiden ersten Ligen niederschreiben!
skeptikerjörg 14.08.2018
4. Rumgedokter
Neben der mangelhaften Transparenz für die Zuschauer im Stadion ist die größere Schwäche die Willkür der VAs in ihrem Keller in Köln. Wann greifen sie ein und wann nicht und warum bzw. warum nicht. Tatsächlich nur bei offensichtlichen Fehlentscheidungen des Schiedsrichters? Die letzte Saison hat genug Gegenbeispiele und zwar in beide Richtungen, Korrektur oder Nicht-Korrektur. Ich bin kein Gegner der Videounterstützung, aber sie muss nachvollziehbar und einheitlich sein. Wenn DFL und DFB der Aufwand, der bei der WM betrieben wurde, zu teuer ist, dann soll man es lassen.
Stefan_Schmidt 14.08.2018
5.
Welche Teilzeithirne beim DFB oder wo auch immer fanden es eigentlich in Ordnung, die genutzten VAR-Aufnahmen bisher NICHT im Stadion und im Fernsehen zu zeigen? Bei all dem faktenscheuen Traditionsgeheule vor der Einführung des Videobeweises war sogar Nicht-Fans sonnenklar, dass maximale Transparenz unverzichtbar ist, um den Freunden von "diskussionsbelebenden" Falschentscheidungen den Wind aus den Segeln zu nehmen.
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