Bundesligastart Zurück im Fußball-Biedermeier

Die WM-Pleite der Nationalmannschaft hat die Geister der Vergangenheit und Sehnsüchte nach urdeutschen Tugenden geweckt. Der Bundesliga wird das nicht weiterhelfen.

Fortuna-Trainer Friedhelm Funkel
Bongarts/Getty Images

Fortuna-Trainer Friedhelm Funkel

Ein Kommentar von


Es ist vielleicht kein Zufall, dass das "Aktuelle Sportstudio" des ZDF den Düsseldorfer Coach Friedhelm Funkel zum ersten Spieltag als Gast in die Sendung geladen hat. Und dass Joachim Löw und Oliver Bierhoff, die Moderatorin Dunja Hayali gern in der Sendung gehabt hätte, ihre Teilnahme abgesagt haben. Nach diesem Sommer scheinen im deutschen Fußball die Funkels wieder auf dem Vormarsch. Eine gute Nachricht ist das nicht.

Friedhelm Funkel ist 64 Jahre alt, er hat in seiner langen Trainerlaufbahn schon zehn Profiklubs betreut, von Hansa Rostock über den MSV Duisburg und Alemannia Aachen bis zum VfL Bochum und 1860 München. Funkel hat überall seine Arbeit gemacht, gerne auch in der zweiten Liga. Er hat es zu einer Fertigkeit gebracht, Teams aufstiegsreif zu machen, das ist ihm mittlerweile sechsfach gelungen. Flaggschiffe des modernen Fußballs hat er nicht entworfen.

Funkel hat nichts dagegen, wenn man ihn altmodisch nennt, auf die Idee, ihn einen Laptoptrainer zu taufen, würde niemand kommen. Er ist ein Gegengewicht zu den Nagelsmanns und Tedescos, damit auch zu den Löws, Schneiders, Sorgs und Bierhoffs beim DFB. Ein ehrlicher Arbeiter, der nichts davon hält, dass ihm seine Assistenten mit dem Laptop Informationen von der Tribüne herunterschicken.

"Steigerungsläufe, Gewichte stemmen"

Im Nachgang des deutschen WM-Scheiterns in der Vorrunde ist Funkel so etwas wie ein Role Model geworden. Die "Bild am Sonntag" schreibt über seine Trainingsmethoden: "Funkel ist ein Schleifer. Seine Vorbereitung war knallhart, die Spieler sagen, die härteste, die sie jemals hatten. Drei Trainingseinheiten täglich, Steigerungsläufe, Gewichte stemmen, ein Testspiel jagte das nächste." Es war als Kompliment gemeint.

Dieser übellaunige deutsche WM-Sommer hat Stimmen und Stimmungen wieder nach oben gespült, die schon der Vergangenheit anzugehören schienen. Gespenster, die neu zum Leben erweckt wurden. Die Meinung von Uli Hoeneß ist wieder gefragt, die von Stefan Effenberg, Lothar Matthäus und Mario Basler. Unter der Überschrift "mehr Fußball, weniger Firlefanz" feiert die "Sport Bild", dass der neue Bayern-Trainer Niko Kovac den Handygebrauch der Profis einschränkt: "Die Bundesliga besinnt sich auf ihre Wurzeln."

Das Besinnen auf die Wurzeln ist zwangsläufig ein Blick in die Vergangenheit. Das ist statthaft, wenn man die Zukunft nicht aus dem Auge verliert. Dieser Blick zurück geht seit dem WM-Aus allerdings einher mit der Diskussion, wer die Nationalhymne mitsingt und wer nicht. Er geht einher mit Appellen, dass man wieder Spieler brauche, die stolz darauf sind, das Nationaltrikot zu tragen. Er geht einher mit Forderungen, die Spieler sollten sich nicht mehr so sehr darum kümmern, wie ihr Haar liegt.

Es fehlen noch Rufe nach dem Medizinball

Aus all dem spricht die tiefe Sehnsucht nach dem deutschen Fußball-Biedermeier. Die berühmten deutschen Tugenden, die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft. Es fehlt nur noch der Ruf, Felix Magath und der Medizinball müssten wieder mehr Einfluss im deutschen Fußball haben. Von Innovation, von modernen Konzepten, um die Bundesliga auch international wieder attraktiver zu machen, war dagegen vor dieser Spielzeit nichts zu hören.

Dabei hätte die Bundesliga diese Diskussion wirklich nötig: Für die internationalen Stars ist die Liga längst nicht mehr attraktiv, außer den Bayern scheiden die Klubs mittlerweile aus den europäischen Wettbewerben regelmäßig früh aus, und die Nationalmannschaft als letztes Prunkstück hat ihren Nimbus verloren. Der Anschluss geht verloren.

Gegen weniger Marketing, gegen weniger Sponsorentermine und Social-Media-Banalitäten im Fußball, gegen mehr Bodenhaftung ist nichts zu sagen. Aber die Franzosen wurden nicht deswegen Weltmeister, Real Madrid nicht deswegen Champions-League-Sieger, weil ihre Spieler in der Kabine kein Smartphone benutzen durften.



insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
goat777 24.08.2018
1. Innovationen nicht immer gut
Der Artikel klingt ja fast wie Politiker, wenn sie über Bildung reden. Wie wäre es das Richtige zu machen, als zwanghaft innovativ zu sein, ala schreiben nach Gehör. Arsene Wen’ger war auch immer mächtig innovativ gewonnen hat er nix. Des wegen würde er von den erfolgreichen Trainer auch immer nicht ernst genommen. „Specialist in failure“ war ja sein Name.
schueler79 24.08.2018
2. Erfolg gibt einem Recht
Es geht nicht um bestimmte Methoden oder die neuesten Trainingsansätze. Das Gesamtpaket muss stimmen, ein Trainer muss glaubhaft, authentisch sein, dann läufts auch in der Mannschaft. Ich finde es immer witzig zu lesen, der Ballbesitzfußball ist am Ende oder irgendeine andere Prognose, denn sie alle berufen sich auf die aktuelle Erfolgsstatistik, die sich ja beim nächsten mal wieder komplett ändern kann. Und dann haben wir wieder tausende von Experten, die alle das gleiche nachplappern. Wie immer der Erfolg bestimmt wer Recht hat und niemand kann den vorhersagen.
Le_Urmel 24.08.2018
3. Wieso
Gut, ich bin nur Malocher und will am Wochenende Emotionen, Leidenschaft, Kampf und Theater sehen. Dafür zahle ich den Eintritt und meine TV-Abos. Funkel ist gut, Neymar ist gut (weil er immer so schön stirbt), über Ronaldo kann ich mich das ganze Wochenende aufregen etc. Ich will keinen Videobeweis, ich möchte nicht, dass jede Aktion biometrisch erfasst wird, ich will keine Bots und Computer auf dem Rasen, dies habe ich in der Woche .... Ich will altmodischen Fussball, im Notfall in der Kreisliga A, wo ich mein Bier trinken kann, ohne in der Reihe vorher mir anhören muss, was die Canabisrauchende Hipster wieder für eine harte Woche in ihrer Werbeagentur erlebt haben und wohin sie in den Ausgang gehen. Wtf das in eine Fussballstadium
ayee 24.08.2018
4. Nichts Gutes zu erwarten
Die neue Saison wir wie die alte Saison vorwiegend von Fußballverhinderung geprägt sein. Zu viele Mannschaften konzentrieren sich auf das, was am einfachsten ist und hoffen auf Glück. Spielerisch versuchen zum Sieg zu kommen, machen hingegen zu wenige. Traurig und der Zusammenhang mit dem Abschneiden der N11 ist nicht von der Hand zu weisen. Mut und Selbstbewusstsein fehlen. Es wird fröhlich verwaltet, aber das kann man in Deutschland ganz generell am besten.
Daisycutter 24.08.2018
5. Der deutsche Schlaumeier
Jaja, jetzt wussten natürlich alle "Experten", dass es mit dem deutschen Fußball zu Ende geht. Gerade die Baslers, Effes und Lothar, die nicht einen Erfolg auf der Trainer- oder sonst einer verantwortlichen Position vorzuweisen haben, sitzen nun in den Talkrunden und ziehen vom Leder. Fußball hat immer noch in der Hauptsache mit Athletik, Kampf und Technik zu tun. Wie man das neudeutsch gerade nennt ist Banane. Die Funkels haben das verstanden, auch wenn andere das und sich vielleicht besser vermarkten. Kovac kann auch nicht mehr, wenn überhaupt. Die BuLi ist nicht schlechter geworden, es ist das fehlende Geld, was die BuLi für die internationalen Stars uninteressant macht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.