Bundesligist Gladbach: Überglücklich nach den Überstunden

Von Daniel Theweleit, Bochum

Keine vorgedruckten T-Shirts, keine Bierduschen, dafür Erleichterung pur: Spieler und Trainer von Borussia Mönchengladbach feierten nach zwei extrem intensiven Relegationsspielen gegen Bochum den Klassenerhalt. Abwehrspieler Dante ließ erst Haare und dann seinen Frust ab.   

Relegation: Reus treffsicher, Dante rasiert Fotos
Getty Images

Zufrieden waren die Fans von Borussia Mönchengladbach noch längst nicht, als sie den endgültigen Schlusspfiff dieser denkwürdigen Bundesliga-Saison im Jubel untergehen ließen. Nur für einige wenige Momente gaben die Anhänger sich ihrer Ekstase hin und genossen das Wunder des Klassenerhalts, dann stellten sie Forderungen. "Wir wollen den Trainer sehen", riefen die 7000 Freunde der Borussia nach dem 1:1 im Relegationsrückspiel beim VfL Bochum ( Hinspiel 1:0), und weil Lucien Favre ein zuverlässiger Mann ist, sprintete er sofort herbei.

Der Meister des magischen Mönchengladbacher Erfolgs ließ sich vor der Kurve von den Spielern durch die Luft wirbeln und saugte die tiefe Dankbarkeit auf, die ihm von allen Seiten entgegenschlug. "Wir haben zusammen ein Wunder geschafft", sagte er, doch natürlich wissen alle: Favre ist die Schlüsselfigur dieses grandiosen Gladbacher Frühlings.

Am Ende wurden die Entscheidungsspiele zu einem schaurig-schönen Drama für den Rauten-Club und seine Anhänger. "Wenn man es so planen könnte, dann ist so ein Sieg in der Relegation schöner als ein geschaffter Klassenerhalt auf Platz elf in der Liga", philosophierte Mittelfeldspieler Tony Jantschke. Die beiden Duelle zwischen dem Drittletzten der Bundesliga und dem Zweitligadritten waren tatsächlich ein Spektakel mit Thriller-Elementen. Mönchengladbach und Bochum boten keinen filigranen Spitzenfußball, dafür aber extrem intensive Spiele vor elektrisierten Zuschauern. Für alle Unbeteiligten war diese Relegation feinster Stadionspaß.

Aber es wurde auch mächtig gelitten. "Ich spüre eine große Leere", sagte Bochums Sportvorstand Thomas Ernst, während die Bochumer Anhänger ihren besiegten Helden traurig applaudierten. Selbst Favre wirkte eineinhalb Stunden nach dem Abpfiff noch angestrengt und angespannt. "Die Erleichterung ist enorm, der Druck war unglaublich", erklärte der Schweizer.

Keine T-Shirts, keine Bierduschen

Irgendwie fühlte dieses Märchen sich ganz anders an, als die Explosion der Freude in Dortmund nach dem Gewinn der Meisterschaft. Die schweren Wochen sitzen den Gladbachern noch in den Knochen und genau genommen haben sie ja auch nur das Minimalziel erreicht. Es gab keine vorgedruckten T-Shirts, keine Bierduschen und keine Spieler, die herumsprangen wie junge Hunde auf der Suche nach einer Möglichkeit, das Glück zu kanalisieren.

Aber das lag vielleicht auch daran, dass Dante mit seinen Haaren ein besonders lustiges Jubelspielzeug zur Verfügung stellte. Gemeinsam arbeitete die Mannschaft an der Glatze des Innenverteidigers. Um 22:55 Uhr präsentierte Mike Hanke den Fans erste Haarbüschel, vier Minuten später erschien der Geschorene dann vor der Kurve. "Was wollt ihr? Dante? Der kommt da hinten erst", sagte der völlig verwandelte Brasilianer später zu den Journalisten, bevor auch er ein paar nachdenkliche Sätze formulierte.

"Es tut mir leid", sagte Dante, "aber es kann einfach nicht sein, dass dieser Verein in zwei von drei Jahren gegen den Abstieg spielt." Der geschorene Verteidiger fordert eine Zukunft in gehobenen Tabellenregionen, und ein bisschen hörte er sich an, als ziehe er einen Vereinswechsel in Betracht. "Ich habe hohe Ziele, wir werden Gespräche führen", sagte er, betonte aber, dass er diese Ziele möglicherweise auch mit der Borussia erreichen kann. Der Kader enthält eine Menge Qualität, die Erfahrung dieser Saison lässt das Team reifen, und einen derart guten Trainer hatten die Gladbacher seit vielen Jahren nicht.

Das war auch in Bochum wieder zu sehen. Wie in so vielen Spielen der vergangenen Wochen fand Favre auch hier den Schlüssel zum Erfolg, was keineswegs selbstverständlich war nach einer eher schwachen ersten Hälfte und der Bochumer Führung durch ein Eigentor von Havard Nordtveit (24. Minute). In der Pause sammelt sich die Mannschaft, spielte immer klarer und immer zielstrebiger, die Chancen kamen und schließlich auch das Auswärtstor.

Marco Reus schloss einen doppelten Doppelpass mit dem eingewechselten Igor de Camargo zum 1:1 (72.) ab, "danach hat man gemerkt, dass bei den Bochumern die Köpfe runtergingen", sagte Sportdirektor Max Eberl. Es war ein brillanter Spielzug und ein Moment, der den Unterschied zwischen dem Bundesligisten und dem Zweitligisten verdeutlichte: Gladbach hat die besseren Individualisten und mehr Qualität auf der Bank. Und sie haben einen Trainer, der diese Vorteile zur Geltung bringen kann. Einen Mann, der eine hässliche schwarz-grüne Hinrundenraupe in einen wunderschönen Schmetterling verwandelt hat.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Andererseits
fp$ 26.05.2011
ist es auch schade. Gladbach hätte die zweite Liga extrem aufgewertet. Gerade in in den ostdeutschen Stadien hätten sich viele gefreut, den Kultverein statt den Unaufsteigbaren zu sehen :-)
2. Schade
axelkli 26.05.2011
Als Bochumer bin ich natürlich enttäuscht. Aber wenigstens stoßen die Gladbacher mit dem guten Bochumer Fiege-Pils auf den Klassenerhalt an.
3. Relegation abschaffen
Fidelitas 26.05.2011
Die Relegation widerspricht dem ganzen Grundgedanken einer Bundesliga, wo die Leistung einer ganzen Saison entscheidet und nicht zwei einzelne Spiele. Mit einem Endspiel um die Meisterschaft zwischen dem Ersten und Zweiten könnte die DFL noch viel mehr Fernsehgelder abkassieren (was ja wohl der Grund für die Einführung der Relegation war), aber da würden sich die Vereine mit entsprechender Lobby wehren.
4. ...
taubenvergifter 26.05.2011
Zitat von FidelitasDie Relegation widerspricht dem ganzen Grundgedanken einer Bundesliga, wo die Leistung einer ganzen Saison entscheidet und nicht zwei einzelne Spiele. Mit einem Endspiel um die Meisterschaft zwischen dem Ersten und Zweiten könnte die DFL noch viel mehr Fernsehgelder abkassieren (was ja wohl der Grund für die Einführung der Relegation war), aber da würden sich die Vereine mit entsprechender Lobby wehren.
Der Grund für die Relegation (von der übrigens auch die Zweitligisten profitieren - Spiele gegen den Dritten der dritten Liga) ist die Planungssicherheit der großen Vereine. Wenn ein Traditionsverein wie Gladbach oder ein zahlungskräftiger Verein wie Wolfsburg mal durch eine Pech-Saison auf 16 landet, soll er noch die Chance haben drinzubleiben. Eigentlich ein Unding, dass 16 von 18 in der ersten Liga bleiben. Meinetwegen könnte es stets 4 direkte Auf-Absteiger geben. Wäre spannender!
5. Relegation
DerLeser 26.05.2011
Zitat von FidelitasDie Relegation widerspricht dem ganzen Grundgedanken einer Bundesliga, wo die Leistung einer ganzen Saison entscheidet und nicht zwei einzelne Spiele. Mit einem Endspiel um die Meisterschaft zwischen dem Ersten und Zweiten könnte die DFL noch viel mehr Fernsehgelder abkassieren (was ja wohl der Grund für die Einführung der Relegation war), aber da würden sich die Vereine mit entsprechender Lobby wehren.
Hier muss ich Ihnen widersprechen. Die Relegation widerspricht keineswegs dem Grundgedanken der BL. Dies wäre dann der Fall, wenn es für keine Mannschaft einen Direktaufstieg bzw. Abstieg geben würde. Dass es 3 Direktaufsteiger geben muss, ist aber kein Gesetz.
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