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Bundesligist SC Freiburg: Überzeugt in Richtung zweite Liga

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Wichtiger Sieg im Abstiegskampf: Nach dem Erfolg gegen den FC Augsburg hat der SC Freiburg den letzten Tabellenplatz verlassen. Doch die Gefahr, dass der Club in die zweite Liga geht, ist nach wie vor groß. Für Trainer und Fans gibt es Schlimmeres - die Identität des Clubs steht über allem.

Freiburg vs. Augsburg: Kampf, Krampf und Jubel Fotos
dapd

Die beiden Sätze gingen im Jubel des späten Sieges fast unter. Christian Streich sagte nach seinem ersten Spiel als Bundesliga-Trainer des SC Freiburg: "Die Fans haben ein genaues Gespür für die Situation. Deshalb gehen sie ins Stadion." Populismus? Ein Bonbon für die 19.600 Unvermeidlichen, die sich das Kellerduell zwischen den Freiburgern und dem FC Augsburg angetan hatten? Mitnichten. Denn erstens taugt der Überzeugungstäter Streich nicht zum Populisten; und zweitens gaben seine Worte exakt das wieder, was zuvor passiert war.

Ohrenbetäubend laut war es am späten Samstagnachmittag im Freiburger Stadion. Was vielleicht nicht überraschend ist, wenn der Tabellenletzte durch ein Tor in der 88. Minute 1:0 gewinnt und mit dem Vorletzten die Plätze tauscht. Doch der SC wurde schon zur Halbzeit mit lautem Applaus in die Kabine geschickt. Und das, obwohl in den ersten 45 Minuten beide Teams zeigten, dass sie völlig zu Recht auf den beiden direkten Abstiegsplätzen stehen.

Doch der SC kämpfte und strahlte spätestens im zweiten Durchgang genau die Leidenschaft aus, die der neue Coach schon im Training entfacht hatte. Und plötzlich lief es auch spielerisch. Streich weiß, was er will. Er hat eine Idealvorstellung von Fußball, und er hat einen Plan, den er beim SC seit 1995 mit seinen A-Jugend-Mannschaften durchexerziert hatte.

Die Freiburger Profis sagen, dass sie jetzt wissen, welche Rolle sie in dem Plan spielen. "Wir haben jetzt mehr Sicherheit in unserem Spiel", erklärt Torwart Oliver Baumann. Genau das sah man auf dem Platz, wo die beiden Außenverteidiger Michael Lumb und Oliver Sorg immer wieder für zusätzlichen Druck sorgten und das Spiel so variabler machten.

Abstieg des SC wegen schlechter Leistungen möglich

Sorg (nicht verwandt mit dem Ex-Trainer Marcus Sorg) war neben dem späteren Torschützen Matthias Ginter der zweite selbst ausgebildete Spieler, dem Streich zum Ligadebüt verhalf. Das erfordert in der Lage des SC Mut, sendet aber ein klares Signal aus: Hier wird nach Leistung aufgestellt. Und der Mut zur Jugend sorgt für ein Identifikationsangebot. Die Fans standen auch deshalb 90 Minuten bedingungslos hinter ihrer Mannschaft, weil es wirklich "ihre" Mannschaft war.

Trotzdem wissen natürlich auch die SC-Fans, dass ein Abstieg ihres Clubs nicht eben unwahrscheinlich ist. Dafür waren die Leistungen des Teams zu oft zu schwach. Doch für die Freiburger Anhänger gibt es Wichtigeres als den kurzfristigen sportlichen Erfolg. Wohl niemand würde die Mannschaft verdammen, wenn sie am Ende absteigt - vorausgesetzt, sie spielt noch öfter so leidenschaftlich wie gegen die schwachen Augsburger.

Freiburgs Fans wollen Kampf und Kombinationsfußball

Dass der SC mit seinem Standortnachteil (altes Stadion, wenig Wirtschaftskraft) immer Wandler zwischen erster und zweiter Liga bleibt, weiß keiner besser als die Leute auf der Nordtribüne, die das schon mal launig besingen: "Wir steigen auf und wieder ab - und zwischendurch Europacup." Sie wollen aber Fans eines Vereins sein, der jungen Spielern eine Chance gibt, leidenschaftlich kämpft und - vielleicht die entscheidende Freiburger Besonderheit - ansehnlichen Kombinationsfußball spielt.

Fußballfans sind im Grunde ihres Wesens stockkonservativ. Sie wollen, dass die grundlegende Dinge in ihrem Verein so bleiben, wie sie sind. Und wenn es dazu einen Trainerwechsel braucht. Die Anhänger in Freiburg wissen, dass Streich ein Gralshüter all dessen ist, was den SC seit den frühen Neunzigern ausmacht, seit Volker Finke den Club mit bescheidenen Mitteln in die Bundesliga führte.

Aus dieser Tradition heraus besteht auch Konsens darüber, dass die Millionen aus dem Transfer von Papiss Demba Cissé nicht auf Teufel komm raus in einen neuen Stürmer investiert werden sollen. Der Neue würde fast zwangsläufig ein Gehalt fordern, das ihn zum Top-Verdiener in Freiburg machen würde. Neid wäre vorprogrammiert. Und nichts braucht Coach Streich, der immer wieder betont, wie wichtig das Kollektiv sei, weniger als Dissonanzen im Team.

Diese Prioritätensetzung ist natürlich riskant. Schließlich weiß man nicht so recht, wer an Cissés Stelle (neun Treffer in der Hinrunde) die Tore für den SC schießen soll, die auch im Fußball-Biotop Freiburg die harte Währung für Erfolg sind. Man hofft auf Garra Dembélé, der mit Mali beim Afrika-Cup weilt, bislang aber nicht begeistern konnte. Gegen Augsburg konnte sich Erik Jendrisek nicht aufdrängen. Stefan Reisinger ist dann stark, wenn er von der Bank kommt, Neuzugang Sebastian Freis, wenn er außen spielt.

Bleibt beim SC die Hoffnung, dass Freiburgs Manager Dirk Dufner bis zum 31. Januar doch noch mal in irgendeiner Liga einen wie Cissé findet. Und es bleibt die Hoffnung, dass der Club in der Winterpause eine neue Stabilität gefunden hat. Auf wie neben dem Platz. Ansonsten steigt der SC ab. Doch das wäre ihm, wie Streich voller Überzeugung betont, lieber, als die Preisgabe der Vereinsidentität. Auf den Rängen wird das genau so gesehen.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Hö hö
cancun771 22.01.2012
Das jetzt mal als Gegenentwurf zu Wolfsburg, wo die Fans von einigen Spielern bei der Vorstellung durch den Stadionsprecher nicht mal die Namen wussten. Und warum soll man sich die als "Fan" auch merken, wo sie von Magath eh weggeworfen werden, sobald er sich mit ihnen ein Mal den Hintern abgeputzt hat. Wie Lakic etwa.
2.
mister.jam 22.01.2012
Guter Artikel, aber tut mir den Gefallen und ändert den Titel des Artikels. Nach dem Start der Rückrunde ist der Abstieg alles andere als besiegelt. Da Team wird sich gegen die anderen Schwachen im Tabellenkeller schon zu behaupten wissen. Auch wenn Freiburg eine Fahrstuhlmannschaft bleiben wird, hat sie diesen Titel nicht verdient!
3. Affentheater
albert schulz 22.01.2012
Bei Platz sieben beginnt die Abstiegszone dieser Saison. Die Qualitätsunterschiede sind minimal
4. Eigentlich sehr treffend, aber
aglan_gol 22.01.2012
die Meinung, dass "die Leistungen des Teams zu oft zu schwach" waren, teilen nur wenige der Sportmedien. In den kompetenten Medien, wie dem Kicker oder sportal.de, werden der Mannschaft gute Leistungen attestiert (Bis auf das 0:7 gegen Bayern und das 0:4 gegen Köln), für die sie sich aber allzu oft nicht belohnt haben. Ansonsten sehr nah an der Freiburger Fußballseele!!
5. Woher haben Sie das?
jesses! 22.01.2012
'Fußballfans sind im Grunde ihres Wesens stockkonservativ.' Aha? Liegt dieser Feststellung eine soziologische Studie zu Grunde? Mag sein, dass man seinem Verein treuer ist als seiner Frau (seit 40 Jahren Gladbach-Fan, seit 20 Jahren verheiratet...), aber muss man sich als Anhaenger eines Fussballclubs tatsaechlich dieses Attribut anziehen? Muss wohl so sein, wenn's der Spiegel schreibt. Uebrigens: Linkshaender sind kreativer, Lederhosentraeger waehlen CSU, Langhaarige hoeren Pudhys, Alice Schwarzer ist eine Frau, der liebe Gott trinkt gerne Wein...alles Vorurteile...
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