Bundestagsanhörung zu Fangewalt "Da hilft nur Pädagogik"

Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft: Der Sportausschuss des Bundestags hat sich mit einer großen Anhörung über die Gewalt in den Fußballstadien informiert. Die Politiker lernten dabei, dass Stadionverbote für manche Leute eine Auszeichnung sind - und Law-and-Order-Rezepte wenig bringen.

Braunschweiger Fans: An der Pyrotechnik entzündet sich die Fan-Debatte
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Braunschweiger Fans: An der Pyrotechnik entzündet sich die Fan-Debatte

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Passend zur Pyrotechnik-Debatte im deutschen Fußball gab es im Sportausschuss des Bundestags erst einmal Feueralarm. "Bitte bewahren Sie Ruhe", wurden Abgeordnete, Sachverständige und Zuschauer aufgefordert, bevor sie für eine halbe Stunde bis zur Entwarnung in die Kälte nach draußen geschickt wurden. Ruhe bewahren: Diesen Ratschlag könnte auch in der Diskussion um Fangewalt mancher Beteiligter derzeit gut vertragen - angesichts der Forderungen nach Gesichtsscannern und Geisterspielen, wie sie in diesen Monaten von Politik und Polizei zu hören sind.

Ruhe bewahren - das war der Hauptvorsatz, den sich die geladenen Sachverständigen bei der großen Bundestagsanhörung zum Thema "Gewalt in und um Fußballstadien" am Mittwochnachmittag gefasst hatten. Ob Eintracht Frankfurts Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen oder der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert: Es herrschte ein fast schon greifbares Bemühen nach Versachlichung der zuletzt emotional hochgekochten Zuschauer-Diskussion.

Selbst der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Bernhard Witthaut, der in der Vergangenheit mit dem einen oder anderen Hardliner-Vorstoß zu punkten versuchte, hielt sich vor den Abgeordneten des Sportausschusses in der Tonlage zurück.

Dynamo ist für das Tauschen des Hausrechts

So musste schon ausgerechnet der Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), Michael Gabriel, drauf hinweisen, dass "wir definitiv ein Problem mit abweichendem Verhalten in den Stadien haben". Ansonsten war es Gabriels Part, auf die Verhältnismäßigkeit der Debatte hinzuweisen. 846 Verletzte bei Auseinandersetzungen in der Vorsaison - das sind so viele wie lange nicht. Dagegen stehen 17,5 Millionen Besucher der Spiele in der 1. und 2. Liga - dann relativiert sich die Verletztenzahl schon wieder.

Mit Bruchhagen und dem Dresdner Vereinschef Andreas Ritter hatte sich der Ausschuss die Präsidenten zweier Clubs mit einem problematischen Fanmilieu eingeladen. Beide Vereine sind schon mehrfach aufgrund der Randale ihrer Fans bestraft worden, Dynamo gar mit dem Ausschluss aus dem nächsten DFB-Pokalwettbewerb nach den Krawallen von Dortmund im vergangenen Oktober. Ritter ist sich immer noch sicher: Hätte Dynamo selbst die Verantwortung für seine Fans gehabt und nicht dem Heimverein Borussia Dortmund übertragen, dann wäre bei besagtem Spiel nichts passiert. "In solchen Fällen sollte man einfach das Hausrecht des Heimvereins tauschen", schlug er den Politikern vor.

Und Bruchhagen hatte ohnehin seine eigene Lesart zur öffentlichen Aufregung über Fankrawalle. "Als ich 1988 bei Schalke zuständig war, da schlugen am Wochenende Hunderte Hooligans von Dortmund und Schalke aufeinander ein - das war der Zeitung damals eine kurze Meldung am Montag wert, mehr nicht." Heute werde das Thema dramatisiert und auch dafür genutzt, nach mehr Repression zu rufen. "Dabei weiß doch jeder, der tiefer in das Thema einsteigt, dass Law and Order da überhaupt nichts bringt."

Bruchhagen: "Stadionverbot ist für manche eine Ehre"

Durch polizeiliche Maßnahmen, durch Strafen, so der Eintracht-Boss, ließe sich das gewaltbereite Klientel nicht mehr abschrecken: "Es gibt in Frankfurt Unterprimaner, für die ist es mittlerweile eine Ehre, wenn sie ein Stadionverbot bekommen." Solchen jungen Leuten könne man nur mit einem beikommen: "Da hilft nur Pädagogik."

Das war den Polizeivertretern im Saal denn doch ein bisschen zu viel Kuschel-Ansatz. Witthaut machte sich vielmehr für ein flächendeckendes Alkoholverbot im öffentlichen Nahverkehr rund um die Stadien stark, Stadionverbote müssten viel konsequenter umgesetzt werden, mahnte er an, die Justiz müsse weit energischer durchgreifen. Seine These, es würde schon erheblich zur Deeskalation beitragen, wenn "weibliche Fans bei der Anreise mit dem ÖPNV stets die Möglichkeit hätten, die Toilette aufzusuchen", hatte aber eher exotischen Charakter.

Während sein Kollege von der Bereitschaftspolizei, Jürgen Schubert, ausführlich darüber nachdachte, welchen Aufwand es bedeuten würde, 60.000 Zuschauer Woche für Woche per Gesichtsscanner zu durchleuchten - "ich hab das mal durchgespielt, wir würden sechs Stunden benötigen" - hatte Witthaut die Pyrotechnik-Anhänger als Hauptfeinde eines friedlichen Fußball-Nachmittags ausgemacht.

Woraufhin sich Ben Praße, Sprecher der Fan-Organisation "Unsere Kurve", eine süffisante Bemerkung nicht ersparen konnte: Er halte es für nicht konsequent, "wenn Vereine klar gegen Pyrotechnik sind und dann wie der FC Bayern bei der erstbesten Gelegenheit selbst ein Feuerwerk in der Arena abbrennen lassen". Das sei schließlich auch nichts anderes als der Einsatz von Pyrotechnik.

insgesamt 2 Beiträge
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btsvschorse 08.02.2012
1. .......
endlich mal ein vernünftiger, sachlicher Artikel (bis auf das bild ;-)) zu diesem thema. und die diskussion schien dem ja auch zu entsprechen.
wackeldackel77 09.02.2012
2. Sachlichkeit kennt keine Grenzen
Zitat von btsvschorseendlich mal ein vernünftiger, sachlicher Artikel (bis auf das bild ;-)) zu diesem thema. und die diskussion schien dem ja auch zu entsprechen.
Wie man aber an der mageren Diskussionsbeteiligung zu diesem Artikel sieht, können die meisten "Fußballfachmänner" mit sachlicher Berichterstattung nicht umgehen. Da fehlt der reißerische Teil, der von bürgerkriegsähnlichen Zuständen in deutschen Stadien fantasiert. Aber bei 876 Verletzten bei ca. 17,5 Mio. Zuschauern fehlt der ganzen Diskussion dann doch irgendwie das Futter!
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