Bundestrainer Löw Ein Getriebener

Kein Hummels mehr, kein Boateng, kein Müller: Was Joachim Löw jetzt macht, riecht nach Neuanfang. Das mag ihn stärken, weil er wie einer wirkt, der hart durchgreift. Tatsächlich ist er getrieben von eigenen Versäumnissen.

Bundestrainer Joachim Löw
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Bundestrainer Joachim Löw

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Es ist gar nicht die Frage, ob der Verzicht von Joachim Löw auf Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller in der deutschen Fußballnationalmannschaft richtig oder falsch ist.

Die Frage ist: Warum jetzt?

Die Demission der drei Bayern-Profis ist eine vom DFB wohl durchdachte Operation - und sie wirkt wie der Versuch eines Befreiungsschlages. Löw will die Deutungshoheit in Sachen Nationalmannschaft behalten. Und tatsächlich sieht er dabei zunächst aus wie ein gestärkter, weil hart durchgreifender Bundestrainer. Aber in Wirklichkeit ist er ein Getriebener seiner eigenen Versäumnisse.

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Hummels, Müller und Boateng: Das Ende einer DFB-Ära

Schon vor der WM hätte Löw ahnen können, dass er in Russland mit seiner Elf der vielen Weltmeister Probleme bekommen würde. Spätestens das verlorene Pokalfinale der Bayern gegen Frankfurt vier Wochen vor Turnierbeginn hätte ihm die Augen öffnen müssen. Hummels zeigte dort, dass er Geschwindigkeitsdefizite nicht mehr ausgleichen kann. Müller bewies, dass er seine Unbeschwertheit verloren hat. Boateng war mal wieder verletzt. Aber Löw scheute den Umbruch und die Stärkung der jüngeren Generation um Niklas Süle, Matthias Ginter und Leon Goretzka, die 2017 den Confed Cup gewonnen hatte. So bremste er die Zukunft aus.

Wie ein überführter Bankräuber

Nach der Bruchlandung von Russland agierte der 59-Jährge wie ein überführter Bankräuber, der immer nur so viel zugab, wie man ihm ohnehin nachgewiesen hatte. Dass man zu langsam gespielt habe, und dass er selbst "fast arrogant" geglaubt habe, alles werde wieder so gut laufen wie immer. All das wusste man schon, als Löw sich im September nach zwei Monaten der Ursachenforschung der Öffentlichkeit stellte. Aber die Konsequenzen daraus zog der Bundestrainer: nicht.

Das tut er erst jetzt, acht Monate nach dem Vorrunden-Aus von Russland. Und letztlich macht Löw nun mit dem Verzicht auf Hummels, Müller und Boateng genau dasselbe wie kurz nach der WM. Er gesteht sich und der Öffentlichkeit nur das ein, was sie selbst im Verein der drei Spieler längst erkannt haben: Dass die alten Helden, die für eine ruhmreiche Vergangenheit stehen, nicht mehr die Gegenwart und die Zukunft gestalten können.

Beim FC Bayern ist Süle bereits der Verteidiger Nummer eins. Hummels und Boateng teilen sich meist den Platz neben ihm. Für die kommende Spielzeit ist der französische Weltmeister Benjamin Pavard verpflichtet. Müller hat seinen Stammplatz verloren. Und es liegt eine gewisse Ironie in dem Umstand, dass am Tag seiner Degradierung durch Löw die Bayern mit Serge Gnabry langfristig verlängern. Der Flügelspieler hat Müller in München und in der Nationalelf den Rang abgelaufen.

Ein vernünftiger Abgang bleibt verwehrt

Löw hat drei Spieler auf Positionen aus dem Sortiment genommen, auf denen er ohnehin über ein üppiges Angebot verfügt. Mit Süle, Ginter, Antonio Rüdiger, Jonathan Tah und Thilo Kehrer stehen genügend gute, junge Verteidiger zur Verfügung. Auf dem rechten Flügel oder dem Halbraum hinter der Spitze drängen Gnabry, Goretzka, Julian Brandt und der wahrscheinlich beste Spieler der kommenden Jahre nach vorn: Kai Havertz. Die Ablösung Hummels, Boatengs und Müllers ist also folgerichtig, aber das wäre sie schon direkt nach der WM gewesen.

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Dass sie erst jetzt erfolgt, beschädigt die drei Spieler. Sie wirken nun wie alte Autos, die Löw nach dem Crash von Kasan noch einmal fahren wollte, um dann doch zu merken, dass sie nicht mehr verkehrstauglich sind. Ein vernünftiger Abgang, den sie verdient gehabt hätten, bleibt ihnen so verwehrt.

Dass der DFB die Personalien nicht bei einer Pressekonferenz verkündet hat, sondern über die "Bild"-Zeitung, nährt darüber hinaus den Verdacht, dass es auch darum ging, das Heft des Handelns in der Hand zu behalten. Löw soll als ein entschlossener Bundestrainer aus der Sache hervorgehen, der der Zukunft zugewandt ist. Aber eigentlich läuft er der Zeit hinterher.

Wie radikal Joachim Löw zum Umbruch bereit ist, wird sich am 20. März zeigen. Dann trägt die DFB-Auswahl das erste Länderspiel des Jahres gegen Serbien aus. Ginge es nach der aktuellen Form, müsste Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona im Tor stehen. Löw hat angekündigt, dass nun der Kampf um die Nummer eins mit Manuel Neuer eröffnet ist. Dass auch hier die sportliche Wachablösung längst passiert ist, will Löw offenbar noch nicht wahrhaben.

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LuPy2 05.03.2019
1. Was alle wussten,
das hat Herr Löw nun eingesehen und SPON dokumentiert. Und weil es BILD veröffentlich ist jegliche Diskussion beendet. Nun denn, Mund abwischen und 'ran an die Arbeit, bevor die nächste WM ohne die deutsche Fußballnationalmannschaft stattfindet und in Italien Witze über uns gemacht werden.
Davids und Del Piero 05.03.2019
2. Wird Zeit für Löw selber zu gehen
Erstens gehört zu einem Neubeginn auch der Austausch der sportlichen Leitung, zweitens wird mal wieder Löws problematische Menschenführung deutlich: verdienten Spielern einen würdevollen Abgang zu verschaffen. Das war angefangen bei Kahn, dann Ballack, später Özil, Khedira, und jetzt Boateng, Müller und Hummels der Fall. Naja, hauptsache Poldi war immer dabei.
mazie 05.03.2019
3. Alter Hut
Ich fand schon lange, dass Joachim Löw überschätzt ist. Langsam aber sicher wird sein typisch-fußballerisch behäbiger, überheblicher Führungsstil demaskiert. Er hat kein Konzept, er behauptet nur eines zu haben. Dafür, dass das Fußballgeschäft so ein irres Geschäftsvolumen hat, wird es immer noch relativ dilettantisch geführt. Und der DFB geht da mit dem schlechtesten Beispiel voran. Prima, dass man rechtzeitig vor der WM langfristig mit Löw verlängert hat.
ardiles 05.03.2019
4. Konsequenz ....
... bedeutet, dass nun auch Kroos und Neuer rausfliegen müssen. Außerdem erinnere ich mich an die sarkastischen Äußerungen Müllers nach dem Rücktritt von Özil. Die Fußball-Welt ist nun doch gerecht geworden. ??
ghdh 05.03.2019
5. Warum
Erst jetzt?
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