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01. Juni 2012, 14:24 Uhr

Löws EM-Baustellen

Die fünf Fragezeichen

Von und Nils Lehnebach

Die Defensive löchrig, die Offensive einfallslos: Acht Tage vor dem ersten EM-Gruppenspiel gegen Portugal hat Bundestrainer Joachim Löw jede Menge Probleme - und einige offene Fragen zu beantworten. Wer stürmt? Wer wird Abwehrchef? Und auf welcher Seite spielt Kapitän Philipp Lahm?

Hamburg - Die Testspiele sind absolviert, in acht Tagen beginnt für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Ernstfall. Doch bevor das DFB-Team im ersten EM-Gruppenspiel am 9. Juni auf Portugal trifft (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), muss Bundestrainer Joachim Löw noch eine Reihe wichtiger Entscheidungen treffen.

Die Frage, ob er wieder einen blauen Glückspullover tragen wird, gehört da noch zu den einfacheren. Löw hat weitaus größere Probleme als die Kleidungswahl. Welcher Stürmer passt besser ins Spielsystem? Miroslav Klose oder Mario Gomez? Wird Bastian Schweinsteiger rechtzeitig fit? Soll André Schürrle als Joker eingesetzt werden oder statt Lukas Podolski in der Startelf stehen?

Doch nicht nur in der Offensive, auch in der Defensive hakt es. Ungeklärt ist noch, auf welcher Abwehrseite DFB-Kapitän Philipp Lahm spielen wird. Wie wird Bundestrainer Löw die Löcher in der Abwehr stopfen? Welches Innenverteidiger-Pärchen kann die portugiesischen Offensivstars um Cristiano Ronaldo am besten neutralisieren?

"Spätestens Freitag wird entschieden, wer in guter Verfassung ist, wer das erste Spiel mit Elan und absoluter Power bestreiten kann", sagt Löw. "Letztlich zählt nur Portugal. Und da müssen alle, die auflaufen wollen, schmerzfrei und in einer guten Verfassung sein."

Das zu entscheiden liegt nun an Löw und seinem Trainerteam. Acht Tage haben sie noch Zeit. SPIEGEL ONLINE zeigt die Baustellen und wagt eine Prognose.

Schmelzer oder Boateng - Wer ist der zweite Außenverteidiger?

Rechts oder links? Auf welcher Seite Philipp Lahm bei der EM verteidigt, ist bislang ungeklärt. Würde es nur um den Bayern-Profi selbst gehen, wäre die Frage auch weniger wichtig: Der deutsche Kapitän ist auf beiden Seiten stark - stärker sogar als alle anderen Spieler im DFB-Kader. So ist die Frage viel mehr, ob Bundestrainer Löw eher Jérôme Boateng (rechts) oder Marcel Schmelzer (links) zutraut, eine EM ohne Aussetzer zu spielen.

Es spricht vieles für den Münchner Boateng, der zwar ab und an zu Grätschen neigt, die niemand versteht, insgesamt aber - vor allem aufgrund seiner körperlichen Stärke - der Geeignetere ist. Schmelzer kann eigentlich nur damit argumentieren, dass er, als einziger der drei Kandidaten, Linksfuß ist und somit beim Flanken von der linken Seite Vorteile gegenüber Lahm hat.

Doch entscheidend ist die Fuß-Frage nicht. Denn auch Lahm kann über links attackieren und mit seinen Dribblings ins Zentrum für Gefahr sorgen. Dies zeigte sich auch im Testspiel gegen Israel (2:0), wo über Lahms linke Seite laut Sportdatenanbieter Opta 47 Prozent der deutschen Angriffe eingeleitet wurden. Dazu kommt: Der zweikampfstarke Lahm, gegen Israel mit 80 Prozent gewonnener direkter Duelle bester DFB-Spieler, wird links hinter einem offensiv ausgerichteten Lukas Podolski eher gebraucht, als auf der anderen Seite hinter dem ohnehin defensiv besser mitarbeitenden Thomas Müller.

Hummels oder Mertesacker - Wer wird der Abwehrchef?

Eigentlich gibt es wenig Argumente, Mats Hummels, überragender Spieler bei Meister Borussia Dortmund, bei der EM nicht spielen zu lassen. Löw wird ihn wohl trotzdem nicht einsetzen. Dies liegt zum einen daran, dass der 23-Jährige seine Vereinsleistungen bisher in keinem seiner 14 Länderspiele wirklich abrufen konnte.

Hummels' Nachteil ist zudem, dass Per Mertesacker rechtzeitig vor dem Turnierbeginn seine Bänderverletzung überstanden hat. Und wenn der Arsenal-Profi fit ist, hat er unter Löw immer gespielt. Zudem ist der 27-Jährige ein Führungsspieler, insgesamt lief er schon 80-mal für Deutschland auf. Und so einen braucht Deutschland in der Abwehrzentrale. Denn Holger Badstuber, als zweiter Innenverteidiger gesetzt, ist erst 23 Jahre alt - und noch nicht der Typ Anführer.

Dass Mertesacker, wenn er spielt, auch Chef der Defensive ist, zeigte sich auch beim Testspiel gegen Israel in Leipzig. Es war der ehemalige Bremer, der die Kommandos gab, der seine Nebenleute stellte - und nicht Badstuber. Für das Duo Mertesacker/Badstuber spricht auch, dass die beiden den Großteil der EM-Qualifkationsspiele zusammen absolvierten - und Deutschland dabei ohne Niederlage blieb. Hummels trifft das gleiche Schicksal wie seine anderen BVB-Kollegen: Er wird zunächst nur auf der Bank sitzen.

Kroos oder Schweinsteiger - Sechs oder Acht?

Löw ist sich bewusst, dass es nicht ausreicht, einfach das bei der WM 2010 erfolgreiche System fortzusetzen. Das heißt, dass auch die eingespielte "Doppelsechs" aus Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger nicht mehr unumstritten ist. Gegen vorwiegend tiefstehende Gegner braucht Deutschland im zentralen Bereich neben Mesut Özil einen zweiten, nach vorne orientierten Spieler. Löw will deshalb nicht mehr mit zwei Sechsern, sondern mit einer Sechs und einer Acht spielen.

Diese offensive Position kann im deutschen Team eigentlich nur Toni Kroos spielen. Doch der Bayern-Profi, einer von Löws Lieblingsschülern, enttäuschte gegen Israel. Und auch der von Löw auf dieser Position in beiden Testspielen eingesetzte Mario Götze dürfte noch keine Option für die EM-Stammelf sein.

Zudem gilt es als unwahrscheinlich, dass Löw die Systemfrage wichtiger als die Personalie Schweinsteiger ist. Denn auch der zuletzt angeschlagene Bayern-Profi kann zur Not etwas offensiver agieren und für Torgefahr sorgen. Und er hat unter dem Bundestrainer immer gute Leistungen gezeigt, was Löw in der Regel nicht vergisst. Deshalb gilt: Sollte Schweinsteiger seine Wadenverletzung rechtzeitig auskurieren, wird er auch spielen.

Schürrle oder Podolski - Wer kommt über links?

Als André Schürrle gegen Israel mit rechts abzog, ging ein Raunen durchs Leipziger Publikum. Der sehenswerte Treffer zum 2:0 zeigte einmal mehr die große Stärke des Offensivspielers: seine Torgefahr. Sieben Tore in 14 Spielen hat Schürrle im DFB-Trikot erzielt.

Damit lässt er seinen Konkurrenten auf der linken Seite blass aussehen. Lukas Podolski zeigte auch gegen Israel eine schwache Leistung, schoss bei seiner besten Chance den gegnerischen Torhüter an. Seine Torgefahr, früher stets ein Argument für den Angreifer, hat stark nachgelassen. In den vergangenen 14 Einsätzen für Deutschland traf Podolski lediglich zweimal.

Doch trotz Schürrles Statistik-Vorteil: Löw wird wohl Podolski von Anfang an spielen lassen. Die Wettkampferfahrung von zwei Weltmeisterschaften und zwei EM-Turnieren sprechen für den künftigen Arsenal-Profi. Zudem war Schürrle meist als Einwechselspieler erfolgreich - und ist somit der ideale Backup für Podolski. Wenn die gegnerischen Verteidiger müde sind, kann er seine Schnelligkeit ausnutzen. Als Joker ist er somit von großem Wert.

Gomez oder Klose - Wer darf stürmen?

Podolski, Özil, Müller - bei einem solch offensiven Mittelfeld, wie es die deutsche Nationalmannschaft hat, ist im Sturm nur Platz für einen Stürmer. Bundestrainer Löw muss sich dabei zwischen Mario Gomez und Miroslav Klose entscheiden.

Normalerweise gibt es bei Angreifern nur eine Währung: Tore. Wenn es danach ginge, dann hat Gomez klar die Nase vorn. 41 Tore hat er in der abgelaufenen Spielzeit für den FC Bayern München erzielt. Sein 1:0 gegen Israel beweist: Auch in der Nationalmannschaft trifft Gomez nun regelmäßig.

Doch Löws Klose-Treue ist kein Geheimnis. Obwohl der Angreifer von Lazio Rom lange verletzt war, scheint der Bundestrainer eher auf ihn zu setzen. Sein Vorteil: Klose passt besser in das Spielkonzept, er funktioniert auch außerhalb des Strafraums als Anspielstation, ist technisch besser - Gomez hat seine Vorteile hingegen eher im Torabschluss.

Klose weiß, dass er von der nötigen Wettkampfform, die ihn bei den vergangenen Turnieren stets ausgezeichnet hat, noch weit entfernt ist. Während Gomez nun drei Tage zur Erholung nach Hause fährt, wird Klose weiter an seiner Spritzigkeit und Fitness arbeiten. Löw wird das gefallen - und Klose gegen Portugal wohl von Beginn an bringen.

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